Unser verborgenes Leben
„Ein verschlossener Garten bist du, meine Schwester, liebe Braut, ein verschlossener Garten, ein versiegelter Born.“ (Hld. 4,12) Unser Herz soll für diese Welt wie ein verborgener Garten sein, in den sie keinen Zutritt erhält. Wir können uns das wie eine unsichtbare Schutzwand vorstellen, die niemanden hineinsehen lässt. Daher kann es leicht geschehen, dass man einen solchen schönen, aber verborgenen Garten verachtet.
Doch stellen wir uns vor, man könnte in diesen herrlichen Garten hineinschauen: „Du bist wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten, ... Narde und Safran, Kalmus und Zimt, mit allerlei Weihrauchsträuchern, Myrrhe und Aloe, mit allen feinen Gewürzen.“ (Hld. 4,13–14) Was für eine Herrlichkeit ist in diesem Garten verborgen – ganz anders, als es von außen den Anschein hat! So soll es auch in unseren Herzen sein: viel herrlicher im Inneren, als es das äußerliche, zerbrechliche Gefäß erkennen lässt.
Hier wachsen kostbare Früchte und „Gewürze“. Safran ist eines der wertvollsten Gewürze, die es gibt. Wie wertvoll ist es doch, echte Fürsorge zu haben und sich freuen zu können, wenn andere beispielsweise gelobt werden. Wie schön ist es, Menschen zu kennen, die am liebsten im Verborgenen bleiben und andere höher achten als sich selbst. Das sind sehr besondere Menschen, die alles geopfert haben und jeden Tag ihr Leben geben! Lasst uns solche Menschen mehr wertschätzen als bisher! Wie wertvoll ist es, Geschwister unter uns zu haben, die sich selbst richten, wenn sie sehen, dass jemand anders etwas tut, das nicht gut ist. Sie fragen sich dann nämlich, ob sie nicht mehr für diesen Menschen hätten tun können! Ihre größte Freude besteht darin, anderen Gutes zu tun – sie sind ein wahrer Lustgarten.
Wie würden wir reagieren, wenn unsere Freunde unsere Gedanken sehen könnten? Würden wir vor Scham erröten? Jedenfalls haben wohl viele von uns in ihrem Inneren noch etwas, woran sie arbeiten können, damit dort ein noch schönerer Lustgarten entstehen kann. In Hohelied 7,14 sagt die Braut: „Für dich hab ich sie aufbewahrt.“ Wir sollen nicht laut verkünden, was wir tun, denn letztlich ist es Gott, der es gewirkt hat. Von König Hiskia wird berichtet, dass er seine Schätze zur Schau stellte und damit Gott missfiel (Jes. 39).
In unserem Garten, unserem Herzen, soll eine Quelle lebendigen Wassers sein, die uns selbst und andere erfrischt. „Steh auf, Nordwind, und komm, Südwind, und wehe durch meinen Garten, dass der Duft seiner Gewürze ströme! Mein Freund komme in seinen Garten und esse von seinen edlen Früchten.“ (Hld. 4,16 ) Es ist der Garten der Braut, erfüllt von den Tugenden Christi. Der Weingärtner hat gedüngt und beschnitten, damit mehr Frucht entsteht. Alles, was wächst, ist zur Ehre Christi! Auch die Früchte sind einzig und allein zu seiner Ehre! Was wäre, wenn man seine eigene Ehre suchen würde?
Früher wuchsen Dornen und Disteln in unserem Leben, bis der Geist in unsere Herzen ausgegossen wurde (Jes. 32,13). Die Braut wünscht, dass der Bräutigam in ihren Garten kommt und sich dort freut. Der Gegenwind – der Nordwind – zeigt, was in unserem Herzen ist. Möge Gott uns helfen, ein schönes und reines Herz zu haben.