Ein anderes Gesetz
Als Jünger Jesu können wir ein starkes inneres Ziehen spüren, wenn wir die Wahrheiten des Evangeliums hören. Wir spüren, dass es uns anspricht und eine tiefe Sehnsucht in uns weckt. Und wir wollen nichts anderes, als in Gott zu wachsen, damit Er in uns zunimmt und wir abnehmen. Durch das Evangelium glauben wir, dass genau das möglich ist. Der Jünger will nur eins: das Gute tun, das, was Jesus gefällt und was für ihn vollkommen ist. Und das kann auch eine Weile gut gehen. Wir können das Gefühl haben, dass wir „die Kontrolle haben“ und mit Gottes Kraft in der Güte bleiben können, soweit wir das verstehen. Aber dann kommen wir in Lebenssituationen und müssen leider erkennen, dass wir doch nicht so heilig sind, wie wir dachten. In einem schwierigen Moment sind uns die Worte einfach herausgerutscht. Es war so, dass wir nach unserer Gesinnung eigentlich gut und milde sein wollten, aber dann kamen trotzdem harte Worte heraus. Wir waren zu grob und zu direkt. Paulus merkte das auch und nannte es „das andere Gesetz in den Gliedern“. Er schreibt:
„Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Sinn und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.“ (Röm. 7,22–23).
Dieses „andere Gesetz“, von dem er schreibt, ist wie eine innere, angeborene Kraft, die in unserer Natur gegen unseren Willen wirkt. Nun können wir, die wir das Gute wollen, uns fragen: Können wir erkennen, dass wir in unseren Gliedern gleichzeitig ein anderes Gesetz haben? Ein Gesetz, das gegen das Gesetz in unserem Sinn verstößt? Das Gesetz der Sünde, das in uns wirksam ist, wurde uns bewusst, und wir konnten mehr von der Wirklichkeit der Wahrheit sehen. Wir geraten in Not. Es betrübt uns, dass wir das nicht besser verstanden haben. Eine Züchtigung kommt über uns, die uns wieder in unsere Schranken weist. Wir müssen uns beugen und uns selbst gering und armselig sehen. Das ist die rechte Stellung für uns, in der uns der Herr helfen kann.
„Weil die Elenden Gewalt leiden und die Armen seufzen, will ich jetzt aufstehen, spricht der HERR, ich will Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnt.“ (Ps. 12,6). Er steht auf, weil ihn das so lebhaft interessiert. Ja, er will unbedingt allen Heil bringen, denen es so geht.
Lasst uns unsere Seelen reinigen, indem wir der Wahrheit gehorchen. Lasst uns bewusst daran denken, dass wir das Gesetz der Sünde in unseren Gliedern haben, dass wir „Sünde haben“. Dann können wir auch auf uns selbst achthaben. Wir werden vorsichtiger im Umgang miteinander. Wir richten unser Handeln mehr nach dem aus, was Gott angenehm ist – sei es Güte oder Strenge, je nach Situation. So, dass wir ihm gefallen und dadurch zu brauchbaren Werkzeugen in seiner Hand werden. Gleichzeitig kann die Reinigung im Verborgenen stattfinden, wenn wir nämlich nach und nach mehr von diesem „anderen Gesetz“ entdecken. Jesu Tod wirkt, wenn wir die Sünde hassen und uns weigern, sie leben zu lassen. Dieser Tod verursacht weder Lärm noch Aufsehen, vielmehr ist er ein Prozess, der still und unbemerkt vor sich geht und die anderen gar nicht behelligt. Das Ziel eines Jüngers ist es, wie sein Meister zu werden. Ist das auch deine Sehnsucht, so gilt dir eine ständige Einladung unseres lieben Herrn und Meisters, Jesus Christus. Ja, lasst uns diese von ganzem Herzen ergreifen!