Sich selbst betrügen
In 1. Johannes 1,8 lesen wir: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Die meisten würden so etwas niemals laut aussprechen. Auch gedanklich formuliert man das für sich nicht in genau diesen Worten. Trotzdem „sagen“ wir es durch das eigene Verhalten, wenn wir zum Beispiel andere verurteilen, anderen die Schuld geben oder es nicht ertragen, eine unangenehme Wahrheit über uns selbst zu hören. In solchen Momenten betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit kann nicht zu uns durchdringen.
Wenn wir das Wort Selbstbetrug näher betrachten, geht es genau darum: in einer vorgetäuschten Wahrheit zu leben – etwas über andere, über sich selbst, über Gott oder über die eigene Situation zu glauben, was nicht stimmt. Es ist der Prozess, bei dem ein Mensch – bewusst oder unbewusst – sich etwas vormacht, um einer unangenehmen Wahrheit, einer Verantwortung oder einer unangenehmen Realität aus dem Weg zu gehen. Niemand anderes täuscht uns – wir täuschen uns selbst.
Die Gefahr des Selbstbetrugs wird auch an mehreren Stellen im Neuen Testament angesprochen. In Jakobus 1,22 heißt es: „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.“ Und in Galater 6,3: „Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.“ In all diesen Versen erkennen wir dasselbe Muster: Es fehlt die Liebe zur Wahrheit über die eigene Sünde.
In Selbstbetrug zu leben muss ein furchtbar tragischer, dunkler und gefährlicher Zustand sein. Wir sind uns dessen nicht einmal bewusst, und gleichzeitig steht fest: Die Wahrheit ist nicht in uns. Wie aber können wir dann dieses Wort Gottes erfüllen: „... wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus“? (Eph. 4,15)
Wenn wir die Wahrheit über uns selbst nicht zulassen, dann wenden wir den Blick lieber woanders hin. Wir entwickeln leicht starke Meinungen darüber, was unsere Mitmenschen sagen und tun – wie sie ihre Zeit und ihr Geld investieren, wie sie ihre Kinder erziehen und so weiter. Im Grunde denken wir oft, dass wir es besser wissen. Wenn wir jedoch wirklich danach streben, unsere eigene Sünde zu erkennen, dann wird es völlig uninteressant, was andere tun. Es ist eine Befreiung zu wissen, dass wir nicht zu allem und jedem eine Meinung haben müssen.
Möge ich stets die Wahrheit über meine eigene Sünde lieben und nach Heiligung streben.
Möge ich meinen Blick immer nach innen richten.
Möge ich niemals vergessen, dass ich nicht alles klar sehe, nicht alles vollkommen verstehe und nicht alles mit Sicherheit weiß.
Möge ich immer Gottes Wahrheit und seine Gedanken suchen und mich nicht auf meine Gedanken verlassen – weder über mich selbst noch über andere.
Dann wird das Leben leicht und unkompliziert. So kann ich von Gott als Werkzeug eingesetzt werden, um anderen zu helfen, sie zu unterstützen, zu erbauen und zu ermutigen. Wie David in Psalm 25,4–5 sagt: „HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige! Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.“