Der Spiegel der Selbsterforschung
„Wir alle aber spiegeln mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider, und wir werden verwandelt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.“ (2. Kor. 3,18)
Am Ende seines zweiten Briefes an die Korinther fordert Paulus sie auf, sich selbst zu erforschen: „Erforscht euch selbst, ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst! Oder erkennt ihr an euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? Wenn nicht, dann wäret ihr ja nicht bewährt.“ (2. Kor. 13,5)
Der Spiegel ist ein gutes Hilfsmittel zur Selbsterforschung. Du schaust in den Spiegel, um zu kontrollieren, wie du aussiehst, damit du das optimieren kannst, was dir nicht gefällt. Die Veränderungen, die du dann an deinem Aussehen vornimmst, werden von dem sozialen Standard diktiert, nach dem du dich selbst ausrichten möchtest. Aber in diesem Vers redet der Apostel nicht von äußerlich sichtbaren Dingen, sondern von solchen, die man nicht sehen kann: von dem mit Christus in Gott verborgenen Leben (Kol. 1,3-4).
Ein Jünger Jesu Christi ist darauf eingestellt, sich selbst zu prüfen und vergleicht sich mit dem Bild, das er in Gottes Wort sieht. Christus ist jetzt sein Maßstab, und es ist sein Verlangen, im Licht zu wandeln, so wie Er im Licht ist. Mit unverhülltem Angesicht sieht er aber nicht nur die Wahrheit über sich selbst. Er sieht auch Jesus. „… er steht mir zur Rechten.“ (Ps. 16,8–24)
Wir neigen dazu, anderen den Spiegel vorzuhalten und sie nach unseren eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit zu beurteilen. So tut es ein kleines Kind, das keinen praktischen Bedarf für einen Spiegel hat, weil ihm sein eigenes Aussehen egal ist. Die Korinther befanden sich in ihrer geistlichen Entwicklung noch in diesem Kindesstadium. Sie verglichen sich gegenseitig und waren parteiisch. Die einen hielten sich zu Paulus, die anderen zu Petrus und wieder andere zu Apollos. Paulus reagierte sehr scharf darauf: „Ihr seht nur auf das Äußere!“ (2. Kor. 10,7 norw. Übers.) Sie waren nicht in der Lage, den verborgenen Menschen des Herzens zu sehen, weder bei sich selbst noch bei anderen.
Wir sehen immer nur einen Bruchteil, wenn wir in den Spiegel der Selbsterforschung schauen. Der Geist der Wahrheit ist unser Wegweiser zur ganzen Wahrheit, und er macht Jesus groß auf dem inneren Spiegel unseres Herzens. Die Liebe zu seiner Gerechtigkeit und der Hass auf meine eigene werden immer stärker, und ich trage immer das Sterben Jesu an meinem Leib. Und dann passiert die Verwandlung in sein Bild, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, verborgen in einem irdenen Gefäß (2. Kor. 4,7–12).
Wenn dann die Jahre vergehen, sehen wir beim Blick in einen normalen Spiegel nichts mehr von jugendlicher Anmut. Aber mit unverhülltem Angesicht können wir wahrnehmen, dass der inwendige Mensch verwandelt und erneuert wird. Unedle Gedanken sind durch edle Gedanken ersetzt worden. So singen wir es in WdH Nr. 361: „Mich nun leitet edles Denken, Jesu Leben bricht hervor.“ Damit erfüllt sich die Verheißung, dass wir göttlicher Natur teilhaftig werden sollen. Das ist das Werk, das Gott versprochen hat in denen zu tun, die an ihn glauben und sein Wort befolgen. Jeder, der diese Hoffnung auf ihn hat – auf die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi –, der reinigt sich, wie jener rein ist (1. Joh. 3,1–3).