Gleichgestaltung in Christi Bild
In Jesus Christus ist Gottes Ebenbild in der Gestalt unseres verlorenen menschlichen Lebens unter uns getreten, in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde. In seiner Lehre und seinen Taten, seinem Leben und seinem Sterben wird sein Bild offenbar. In ihm hat Gott sein Ebenbild auf Erden neu geschaffen. Menschwerdung, Wort und Tat Jesu und sein Tod am Kreuz gehören unveräußerlich zu diesem Bild. Es ist ein anderes Bild als das Adams in der ersten Herrlichkeit des Paradieses. Es ist das Bild dessen, der sich mitten in die Welt der Sünde und des Todes hineinstellt, der die Not des menschlichen Fleisches auf sich nimmt, der sich dem Zorn und Gericht Gottes über die Sünder demütig unterwirft, der Gottes Willen gehorsam bleibt im Tode und im Leiden; der in Armut Geborene, der Zöllner und Sünder Freund und Tischgenosse, der am Kreuz von Gott und Menschen Verworfene und Verlassene – das ist Gott in Menschengestalt, das ist der Mensch als das neue Ebenbild Gottes!
[…]
Christus hat diese Menschengestalt angenommen. Er wurde Mensch wie wir. In seiner Menschheit und seiner Niedrigkeit erkennen wir unsere eigene Gestalt wieder. Er ist den Menschen gleich geworden, damit sie ihm gleich seien. In der Menschwerdung Christi empfängt die ganze Menschheit die Würde der Gottebenbildlichkeit zurück. Wer sich jetzt am geringsten Menschen vergreift, vergreift sich an Christus, der Menschengestalt angenommen hat und in sich das Ebenbild Gottes für alles, was Menschenantlitz trägt, wiederhergestellt hat. In der Gemeinschaft des Menschgewordenen wird uns unser eigentliches Menschsein wiedergeschenkt. Wir werden damit aus der Vereinzelung der Sünde herausgerissen und zugleich der ganzen Menschheit wiedergeschenkt. Sofern wir teilhaben an Christus, dem Menschgewordenen, haben wir teil an der ganzen Menschheit, die von ihm getragen ist. Weil wir in Jesu Menschheit uns selbst angenommen und getragen wissen, darum besteht nun auch unser neues Menschsein darin, daß wir die Not und die Schuld der andern tragen. Der Menschgewordene macht seine Jünger zu Brüdern aller Menschen. Die „Philanthropie“ [Anmerkung der Redaktion: Güte und Liebe] (Tit. 3,4) Gottes, die in der Menschwerdung Christi offenbar wurde, begründet die Bruderliebe der Christen zu allem, was Mensch heißt auf Erden. Es ist die Gestalt des Menschgewordenen, die die Gemeinde zu dem Leibe Christi werden läßt, auf den die Sünde und die Not der ganzen Menschheit fällt und durch den allein sie getragen wird.
Die Gestalt des Christus auf Erden ist die Todesgestalt des Gekreuzigten. Das Ebenbild Gottes ist das Bild Jesu Christi am Kreuz. In dieses Bild hinein muß das Leben des Jüngers umgestaltet werden. Es ist ein Leben in der Gleichgestalt des Todes Christi (Phil. 3,10; R. 6,4f.). Es ist ein gekreuzigtes Leben (Gal. 2,19). Christus prägt dem Leben der Seinen seine Todesgestalt auf in der Taufe. Gestorben dem Fleisch und der Sünde, ist der Christ tot für diese Welt und die Welt ist tot für ihn (Gal. 6,14). Wer aus seiner Taufe lebt, lebt aus seinem Tode. Christus zeichnet das Leben der Seinen durch das tägliche Sterben im Kampfe des Geistes wider das Fleisch, durch das tägliche Leiden der Todesschmerzen, die der Teufel dem Christen schlägt. Das ist das Leiden Jesu Christi selbst, das alle seine Jünger auf Erden leiden müssen. Christus würdigt das Leben nur weniger seiner Nachfolger der engsten Gemeinschaft seines Leidens, des Martyriums.* Hier erweist das Leben des Jüngers die tiefste Gleichheit mit der Todesgestalt Jesu Christi. In der öffentlichen Schmach, im Leiden und im Tode um Christi willen gewinnt Christus sichtbare Gestalt in seiner Gemeinde. Es ist aber von der Taufe bis zum Martyrium dasselbe Leiden, derselbe Tod. Es ist die Neuschöpfung des Ebenbildes Gottes durch den Gekreuzigten.
Wer in der Gemeinschaft des Menschgewordenen und Gekreuzigten steht, in wem er Gestalt gewonnen hat, der wird auch dem Verklärten und Auferstandenen gleich werden. „Wir werden das Bild des himmlischen Menschen tragen“ (1. Kor. 15,49). „Wir werden ihm gleich sein, denn wir werden ihn schauen, wie er ist“ (1. Joh. 3,2). Wie das Bild des Gekreuzigten, so wird auch das Bild des Auferstandenen die umgestalten, die es sehen. Wer Christus schaut, der wird in sein Bild hineingezogen, seiner Gestalt gleichgemacht, ja er wird zum Spiegel des göttlichen Bildes. Schon auf dieser Erde wird sich in uns die Herrlichkeit Jesu Christi widerspiegeln. Aus der Todesgestalt des Gekreuzigten, in der wir leben, in Not und Kreuz, wird schon die Klarheit und das Leben des Auferstandenen hervorleuchten, und immer tiefer wird die Umgestaltung zum göttlichen Ebenbild, immer klarer wird das Bild Christi in uns; es ist ein Fortschreiten von Erkenntnis zu Erkenntnis, von Klarheit zu Klarheit, zu immer vollkommenerer Gleichheit mit dem Bilde des Sohnes Gottes. „Wir alle aber, die wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn sich in uns spiegeln lassen, werden dadurch in sein Ebenbild umgestaltet von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2. Kor. 3,18).
* Zu der Zeit, als Bonhoeffer diesen Text schrieb, waren die Kirchen in Deutschland bereits vom Nationalsozialismus infiziert. Bonhoeffer hatte sich als scharfer Kritiker der Einmischung der Nazis in die Kirche hervorgetan und gab seine Glaubensüberzeugungen den Teilnehmern eines Predigerseminars weiter, das schließlich für illegal erklärt wurde. Mehrere seiner Mitarbeiter und Studenten wurden in der Folgezeit von der Gestapo verhaftet. Was er hier über das Märtyrertum schreibt, war für ihn keineswegs nur Theorie, sondern er sah dies durchaus als sehr reale und vielleicht sogar wahrscheinliche Möglichkeit seines eigenen Lebensausgangs an.