Hirte und Prophet

- Einfühlung und Phantasie

Hirte und Prophet

Einfühlung und Phantasie

Als Kind hatte ich eine ziemlich lebendige Phantasie und konnte mir leicht vorstellen, was andere erzählten. Besonders gut kann ich mich an eine Kinder­konferenz erinnern, bei der ich dabei war. Es war Erweckungsversammlung und Bruder Ole Olsen bat für mich, dass ich König und Priester werden möge. Dies nahm ich mir zu Herzen und glaubte voll und ganz daran. Ich sah vor mir einen König in hoher Würde und vornehmen Kleidern und träumte mich in die Rolle hinein. Als ich nach der Versammlung aus dem Saal trat, fragte einer meiner Kameraden, wofür Olsen für mich gebetet hatte. Dass er lachte, als ich erzählte, Ole Olsen hätte darum gebetet, dass ich König und Priester werden möge, gefiel mir gar nicht. Ich wurde so zornig, dass ich ihn verprügelte denn ich mochte es nicht, dass er an etwas rührte, woran ich so einfältig glaubte.

Ich war gerne mit Gleichaltrigen zum Spielen zusammen, aber ich hatte auch keine Schwierigkeiten damit, alleine zu sein. Bei solchen Gelegenheiten kam es vor, dass ich mich in eine dunkle Kammer verkroch. Dort lebte ich meine Phantasien in meinen Gedanken aus. Ich weiß noch gut, dass ich mir damals vorstellte, dort in der Kammer große Seeschlachten zu schlagen. Oft war ich der Seeheld Tordenskjold, der in mächtigen Schlachten die schwedi­sche Flotte zurückschlug und in Schweden unter dem Namen „Der Schreck des Kattegats” bekannt war.

Als ich acht oder neun Jahre alt war, wollten Papa und ich eines Tages mit der Straßenbahn zur Versammlung fahren. An der Straßenbahnhaltestelle stan­den und warteten wir eine Weile, und wahrscheinlich war jeder von uns in Gedanken versunken. Es geschah nämlich Folgendes: Die Straßenbahn kam und Papa stieg ein, bezahlte für mich und sich selber und setzte sich hin. In Gedanken versunken blieb ich an der Haltestelle stehen. Plötzlich „erwachte” ich: Papa war weg! Weinerlich und ängstlich lief ich heim zu Mama. „Papa ist weg - Jesus ist wieder gekommen!” rief ich.

„Nein, Jesus ist nicht wieder gekommen!”, erwiderte Mama, „ich bin ja hier!”

„Doch, Papa ist einfach verschwunden - plötzlich war er weg. Jesus ist wieder gekommen!”

„Haben auch andere mit euch zusammen auf die Straßenbahn gewartet, Kåre?” fragte Mama.

„Ja, viele warteten auf die Straßenbahn.”

„Waren denn dann alle weg, Kåre?”

„Ja, alle zusammen waren plötzlich weg!”

„Jesus hat doch nicht alle die anderen geholt und uns hier gelassen!”, sagte Mama.

Da verstand ich, dass Mama wohl Recht hatte.

Einige Minuten später klingelte zu Hause das Telefon. Es war Papa. Er war am „Großen Marktplatz” aus der Straßenbahn ausgestiegen. Von dort aus war er durch die „Volkspassage” weitergegangen, bis er plötzlich bemerkte: „O nein - wo ist Kåre? Er muss mit der Straßenbahn weiter gefahren sein!”

Vater lief zur nächsten Haltestelle, aber dort fand er mich auch nicht. Von einer Telefonzelle aus rief er zu Hause an und sagte zu Mutter: „Kåre ist mit der Straßenbahn weiter gefahren, er ist nicht mit mir zusammen am „Großen Marktplatz” ausgestiegen. Ich finde ihn nirgends!”

„Kåre ist nicht mit der Straßenbahn weiter gefahren, denn er ist bei mir zu Hause”, entgegnete Mama und erzählte ihm, was tatsächlich passiert war.

Ob es Gedanken an Gottes Wort oder Gedanken wegen der täglichen Rech­nungen für das neu gebaute Haus waren, die Vater an diesem Tag beschäftig­ten, kann ich nicht genau sagen. Wie dem auch sei, manchmal habe ich mir überlegt, ob ich in dieser Hinsicht vielleicht erblich belastet bin …

Alle diese Kindheitserlebnisse machten mich froh und glücklich und gaben mir auch eine Hoffnung für die Zukunft. Nach und nach entdeckte ich, dass ich bei einzelnen anderen Menschen in der Gemeinde nicht dieses lebendige Christentum antraf. Mir schien es, als ob sie nach Macht und Position streb­ten, und dass ihnen das am wichtigsten war. Sie kamen mir vor wie „Spitzel”-bereit, die geringste Übertretung schonungslos aufzudecken und abzustrafen. Das machte mir Angst und führte dazu, dass ich mir nicht ganz im Klaren war darüber, wovon sie in ihrem Gottesdienst getrieben wurden. Ich empfand Todesangst vor den „Spitzeln” - und das mit Recht. Sie hatten nicht Christi Sinn - was auch die Geschichte später bewies.

Edwin Bekkevold war Vorsteher der Gemeinde in Oslo. Ich hatte Angst vor ihm. Wenn wir Geburtstag hatten, fragte er oft, was wir uns wünschten. Bevor wir jedoch antworten konnten, sagte er gewöhnlich: „Du wünschest dir wohl ein langes Band mit Dreck darin.” Das machte uns etwas verlegen.

Bekkevold hatte viel übrig für Bäume und alles, was sprießen und wachsen konnte. Einmal bekam ich eine neue, scharfe Pfadfinderaxt geschenkt. Es dauerte nicht lange, bis ich sie an einem der Bäume draußen im Garten aus­probieren musste. Die Axt hinterließ eine wunderschöne, weiße Markierung dort, wo die Rinde weggehackt war. Die Reaktion blieb allerdings nicht aus. Ich musste in die Stadt fahren und Baumwachs kaufen und den Baum so gut ich konnte „reparieren”. Doch das war noch nicht genug. Die Mutprobe kam, als Mutter und Vater wollten, dass ich Bekkevold um Vergebung für den be­schädigten Baum bitten sollte. Ich versuchte mich zu drücken, aber das ging nicht. Mutter und Vater versprachen, am Fenster zu stehen und für mich zu beten, während ich hinunter ging, um die Sache in Ordnung zu bringen. Ich weiß noch gut, wie ich in Todesangst war, dass er mich „verschlingen” würde – ich war so aufgewühlt – was würde wohl passieren? Ich weinte, dochschlussendlich bekam ich ein paar Worte heraus und sagte, dass es mir Leid tat, was mit dem Baum passiert war. Er stand ganz still und sah mich an, und dann sagte er: „Komm mal rein, Kåre.” Dann segnete er mich und erbarmte sich über mich als einen Sünder, der Gnade bekam. Da verstand ich, dass er nicht so war, wie ich ihn mir in meiner Phantasie vorgestellt hatte! Seitdem hatte ich immer ein gesegnetes und gutes Verhältnis zu ihm - bis zu seinem Todestag. Auch auf seiner letzten Reise nach Finnland war ich mit ihm und seiner Frau zusammen, kurz bevor er starb.