Hirte und Prophet

- Kinder- und Jugendzeit in Grefsen

Hirte und Prophet

Kinder- und Jugendzeit in Grefsen

Ich war ungefähr acht Jahre alt, als wir nach Grefsen in Oslo zogen und Nachbarn von Rakel und Sigurd Bratlie, Ingrid und Edwin Bekkevold sowie Anna und Bjørn Bekkevold wurden. Für mich war dies „die glückliche Stra­ße”. Viele Brüder wohnten zeitweise hier. Liebe Geschwister wie Gjermund Skreosen, David Nielsen, Peter Gangsø, Gunnar Kristensen und viele andere hatten bei uns oder bei Edwin Bekkevold ein „Studentenzimmer”. Ich erinne­re mich so gut daran, dass sie Zeit für uns hatten und es uns Kindern schön machten.

In jener Zeit hatten wir Gebetsstunden zusammen mit Karen Marie Eriksen, die damals 14 oder 15 Jahre alt war. Wir baten nach bestem Vermögen zu Gott. Ich persönlich verstand nicht so viel von dem Ernst, den meine Schwes­ter Eva und andere da hineinlegten. Aber ich erinnere mich noch genau, wie Lise Bekkevold mit gewaltiger Stimme betete. Sie war damals ein 6- oder 7-jähriges kleines Mädchen, das den Ausdruck „Jugendlüste” sicher irgendwo gehört hatte und nun mit großer Freimütigkeit darum bat, davon erlöst zu werden. Ich wusste nicht, was Jugendlüste waren, aber ich wollte es schreck­lich gerne erfahren. Ich weiß noch gut, dass ich dachte, Sieg über Jugendlüste müsste etwas sehr Gutes sein, weil Lise darum bat. Schlussendlich fing ich ebenso an, um Sieg über Jugendlüste zu bitten, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das war. Die hatte Lise wohl auch nicht.

Oft besuchten wir Verwandte und Geschwister in Krokstadelva, wo wir mit der Zeit viele Vettern und Cousinen hatten. Wir Kinder hielten viele Versamm­lungen ab, bei denen ich normalerweise der Leiter war und meine Geschwis­ter, Cousinen und Vettern still sitzen mussten. Alle mussten Bibeln haben und die Schwestern ein Kopftuch tragen. Ich übernahm die Rolle von Elias Aslaksen oder Sigurd Bratlie, weil diese ja große Autorität hatten. Sehr wichtig war es, dass alle gehorsam waren! Ich stand gewöhnlich auf einem Stuhl und ließ auf meine Geschwister und Vettern eine „Schwefelrede” niedergehen.

Ich verlangte Bekehrung und Heilsfreude! Wir waren freimütig und bete­ten, sangen und gaben Zeugnisse. Alle fanden, dass sie Gewinn aus der Ver­sammlung gezogen hatten. Dann war auch ich zufrieden.

Generell war es wichtig für mich, dass alles seine Ordnung hatte. Ein be­sonderes Interesse entwickelte ich für „Feuerwehrübungen” und überlegte genau, wie sie durchgeführt werden mussten. Eine der wichtigen Übungen war es, dass wir uns aus einer Höhe von ca. 10 m vom 3. Stock mit einem Rettungsseil hinunter ließen. Sigurd Johan Bratlie war damals noch recht klein und außerdem ziemlich mollig. Dass er an einem Seil klettern sollte, fand ich etwas bedenklich. Darum band ich ihn am Seil fest. Diese „Feuerwehrübungen” nahmen eines Tages jedoch ein jähes Ende, als Sigurd Johan mit dem Rettungs­seil um die Brust fröhlich zum Küchenfenster zu Tante Rakel im ersten Stock hineinwinkte!