Hirte und Prophet

Der Prophet in Gottes Gemeinde

Hirte und Prophet

Der Prophet in Gottes Gemeinde

„Der Herr aber sprach zu Mose: Ist denn die Hand des Herren zu kurz? Aber du sollst jetzt sehen, ob sich dir mein Wort erfüllt oder nicht. Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des Herrn und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. Da kam der Herr hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf. Es waren aber noch zwei Männer im Lager geblieben; der eine hieß Eldad, der andere Medad. Und der Geist kam über sie, denn sie waren auch aufgeschrieben, jedoch nicht hinausgegangen zu der Stiftshütte, und sie ge­rieten in Verzückung im Lager. Da lief ein junger Mann hin und sagte es Mose und sprach: Eldad und Medad sind in Verzückung im Lager. Da antwortete Josua, der Sohn Nuns, der dem Mose diente von seiner Jugend an, und sprach: Mose mein Herr, wehre ihnen! Aber Mose sprach zu ihm: Eiferst du um meinetwillen? Wollte Gott, dass alle im Volk des Herrn Propheten wären und der Herr seinen Geist über sie kommen ließe!” 4. Mos. 11, 23-29.

Ein Prophet ist vor allen Dingen Gottes Sprachrohr auf Erden. Zu Noahs Zeiten hatte alles Fleisch seinen Weg verderbt, deshalb sprach Gott zu den Menschen; aber nur Noah hatte ein Ohr dafür, Gottes Rede zu hören. Auch Abraham war ein Prophet, und wir wissen aus der Geschichte, dass Gott in einem nächtlichen Traum zu Abimelech sagte, als dieser gedachte, Sarah zur Frau zu nehmen: „Siehe, du bist des Todes um der Frau willen, die du genom­men hast; denn sie ist eines Mannes Ehefrau. Abimelech aber hatte sie nicht berührt und sprach: Herr, willst du denn auch ein gerechtes Volk umbringen? Hat er nicht zu mir gesagt: Sie ist meine Schwester? Und sie hat auch gesagt: Er ist mein Bruder. Hab ich das doch getan mit einfältigem Herzen und un­schuldigen Händen. Und Gott sprach zu ihm im Traum: Ich weiß auch, dass du das mit einfältigem Herzen getan hast. Darum habe ich dich auch behütet, dass du nicht wider mich sündigtest, und habe es nicht zugelassen, dass du sie berührtest. So gib nun dem Mann seine Frau wieder, denn er ist ein Prophet, und lass ihn für dich bitten, so wirst du am Leben bleiben. Wenn du sie aber nicht wiedergibst, so wisse, dass du des Todes sterben musst und alles, was dein ist.” 1. Mose 20, 3-7.

Gott hat eine besondere Fürsorge für seine Propheten. Sie selbst haben oft wie Amos - geringe Gedanken über sich selbst und spüren, wie nötig sie es haben, Gottes Rede in ihrem Inneren zu hören.

„Amos antwortete und sprach zu Amazja: Ich bin kein Prophet noch ein Prophetenjünger, sondern ich bin ein Hirt, der Maulbeeren züchtet. Aber der Herr nahm mich von der Herde und sprach: Geh hin und weissage meinem Volk Israel!” Amos 7, 14-15. Gott hat die Propheten für treu befunden und kennt ihre Herzen. Er setzt sie in den Dienst ein und wacht über sie. Sie be­kommen Autorität im Geist, wenn sie in ihrer Treue fest bleiben und nicht das Ihre suchen.

Ein Prophet braucht Unterweisung von einem anderen Propheten. Als David sündigte, erweckte Gott sofort einen anderen Propheten, um ihn zurechtzu­weisen. Er sandte Nathan zu David, um ihm zu sagen, wie Gott die Dinge sah. „Da sprach Nathan zu David: ‚Du bist der Mann!‘ Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den Herrn. Nathan sprach zu David: So hat auch der Herr deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben.” 2. Sam. 12, 1-13.

Die Propheten sind im besonderen Maße Angriffen ausgesetzt, da sie Got­tes Sprachrohr für die Menschen sind. Gott wacht jedoch sorgfältig über sie und sorgt dafür, dass seine Propheten bewahrt werden. Jesus selbst war ein Prophet, und Gott weckte ihm alle Morgen sein Ohr. Der Prophet hat ein besonders wachsames Ohr, um Gottes Stimme im Jetzt hören zu können. Er lässt sich vom Heiligen Geist treiben, um das zu reden und auszuführen, was der Gemeinde zum Nutzen ist. „Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Aussagung ist. Denn es ist noch nie eine Weis­sagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.” 2. Petr. 1, 19-21. Ein Prophetenwort riecht nicht nach Schweiß oder menschlichem Eigenwillen – nur in diesem Geist: „Ich bin gestern geboren und weiß nichts” kann das Prophetenwort in Reinheit verkündigt werden. Gott lässt sich niemals von menschlichem Willen ins Steuer greifen. Wer seine Hand an die Bundes­lade legte, wurde niedergeschlagen. Gott will für das Werk seiner Hände selbst Sorge tragen, und die Gemeinde liegt im Zentrum seiner Aufmerksamkeit.

Es ist nicht immer so leicht, die Verhaltensweise eines Propheten zu verste­hen, warum er dieses oder jenes tut. Er selbst versteht es wohl auch nicht immer, aber das hat mit den Wirkungen Gottes in seinem Inneren zu tun. Deshalb ermahnt die Schrift auch dazu, die Rede eines Propheten nicht zu verachten. 1. Thess. 5, 20. Die Propheten wurden zu allen Zeiten vom Volk verhöhnt und verfolgt. Sie standen in Gottes Rat, deckten die Sünden ihrer Zeit auf und verkündigten zukünftige Dinge. Solche Worte fallen ausschließ­lich bei denen auf gutes Land, die von ganzem Herzen gottesfürchtig leben wollen.

Oft ist es das Los der Propheten, Dinge zu tun oder zu sagen, die nicht allen in gleicher Weise „christlich” vorkommen und die auch nicht so leicht zu verstehen sind, aber trotzdem mit Gottes Gedanken und seiner Fürsorge für die Gemeinde zu tun haben. Deshalb kann ein Prophet dem Hirten und Lehrer in der Heimatgemeinde nicht auf menschliche Weise untertan sein, ohne dass daraus eine Disharmonie in der Gemeinde entstehen soll. Ein Prophet muss auf vielerlei Weise innerhalb der Ordnung der Gemeinde etwas freier sein als dies bei anderen Dienern Gottes der Fall ist. Er muss in seinem Geist frei sein, damit er nach den Wirkungen des Geistes dienen und den Geist vollkommen über sich verfügen lassen kann. „Die Geister der Propheten sind den Prophe­ten untertan. Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.” 1. Kor. 14, 32-33. Eben deshalb entstehen daraus weder Widerspruch noch Aufsässigkeit, da alles von Gott, der seines Leibes Erlöser ist, gewirkt wird.

Es bedarf einer besonderen Treue, um in Gottes Rat bewahrt zu bleiben, sich nicht von Menschen schmeicheln zu lassen oder vor ihrem Angesicht zu stehen. „Und alle Propheten weissagten ebenso und sprachen: Zieh hin gen Ramot in Gilead; es wird dir gelingen! Der Herr wird’s in die Hand des Kö­nigs geben. Und der Bote, der hingegangen war, um Micha zu rufen sprach zu ihm: Siehe, die Worte der Propheten sind einmütig gut für den König; so lass nun auch dein Wort wie ihre Wort sein und rede Gutes. Micha sprach: So wahr der Herr lebt: ich will reden was der Herr mir sagen wird.” 1. Kön. 22, 10-14. Wenn der Prophet ein solches Herz und eine solche Gesinnung hat, sollten die anderen Diener in der Gemeinde dem Propheten gegenüber aufmerksam sein. Unter denen, die in Gottes Rat stehen, herrscht in diesen Dingen eine göttli­che Ordnung. Oft verstehen die anderen Diener Gottes die Sache nicht so, wie es der Prophet aus seiner Einsicht und aus der Gnade heraus, die über ihm ist, gesagt hat. Einige der Propheten erwählt Gott zu Aposteln. Apostel sind Ge­sandte und haben alle Gnadengaben, jedoch in verschiedenem Grad und ver­schiedener Fülle.

Der Dienst des Propheten hat zum Ziel, die Menschen zu Gott zu führen, so wie es auch von Jesus geschrieben steht: „Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte, und ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist.” 1. Petr. 3, 18. Gott führt auch uns in solche Lebensverhältnisse. Da kann es für das menschliche Auge so aussehen, als ob der Gerechte ungerecht sei. Wenn die Gemeinde dann auch den Ungerechten als gerecht ansieht, ver­mindert das nicht gerade die Leiden des Propheten.

Wenn es in einer Gemeinde keinen Propheten gibt, kann diese Gemeinde nicht ohne Hilfe von anderen gebaut werden. Der Prophet hat die Fähigkeit und das Ohr dafür herauszufinden, was nötig ist, um eine Gemeinde so zu bauen, dass die einzelnen Glieder zu Wachstum und Entwicklung kommen. Er hat ein klares Bild von der Gemeinde in seinem Bewusstsein und arbeitet zielbewusst, wie Paulus in Kol. 1, 28-29 schreibt: „Den verkündigen wir und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, damit wir einen jeden Menschen in Christo vollkommen machen. Dafür mühe ich mich auch ab und ringe in der Kraft dessen, der in mir kräftig wirkt.”

David war sowohl Hirte als auch Prophet - eine sehr gesegnete Kombinati­on. Menschen mit solchen Gnadengaben werden, wenn sie treu sind, oft zum großen Segen in der Gemeinde. Ohne Hirtengesinnung wird man leicht ein geistlicher Tyrann. Das Licht wird einem niemals dazu gegeben, um zu herr­schen und zu dominieren, sondern um den anderen zu dienen und ihnen Leben zu geben!