Hirte und Prophet

- Die Starken und die Schwachen

Hirte und Prophet

Die Starken und die Schwachen

„Siehe, Gott ist mächtig und verwirft niemand, doch verachtet er niemand; groß ist die Kraft seines Herzens.” Hiob 36, 5 (Schlachter Übers.). Jemanden gering zu schätzen, liegt unserer menschlichen Natur sehr nahe. Darum gibt Gott auch denen, die barmherzig und gütig sind, große Verheißungen. „Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sa­gen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit den Fingern zeigst und nicht übel redest.” Jes. 58, 9.

„Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten; und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und bei den Unanständigen achten wir besonders auf Anstand; denn die Anständi­gen brauchen’s nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem gerin­geren Glied höhere Ehre gegeben, damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen.” 1. Kor. 12, 21-25.

Wir sollen nicht hart sein, sondern uns Schwachen gegenüber so verhalten, dass sie getröstet und gestärkt werden und Glauben bekommen, dass auch sie zum Leibe gehören. Manche sind so aufgetreten, dass die Schwächen anderer bloßgestellt wurden. Das ist sehr primitiv und weit entfernt von Gottes Herz. Die schäbigste aller Freuden ist die Schadenfreude. Gott arbeitet mit Hoffnung für die Menschen und möchte das Schwache und Unvollkommene gerne ver­bergen. Diese Herzenseinstellung kommt in dem Sendschreiben an den Gemeindeengel in Laodizea deutlich zum Vorschein: „Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du elend und jäm­merlich bist, arm, blind und bloß. Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst, und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.” Offb. 3, 17-18.

Jesus gibt seinen Dienern auch kräftige Ermahnungen, und sie bekommen das Feuer des Eifers zu spüren, das in seinem Herzen lodert. „Alle die ich liebe, die strafe und züchtige ich. So mache dich auf und tue Buße!” Doch schon der nächste Vers beinhaltet Hoffnung mit einer warmen und innigen Einladung zu herrlicher Gemeinschaft mit ihm, falls es zur Bekehrung kommt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.” Offb. 3, 19-20. So ist Gottes Herz - es rechnet das Böse nicht zu, wenn man Buße tut und sich bekehrt. Er möchte gerne, dass wir alle zu Leben, Kraft, Geist und Stärke heranwachsen. Er hat uns alles geschenkt, was zum Leben und zur Gottesfurcht dient.

Für die Starken ist es gut, daran zu denken, dass Gott alle Menschen erschaf­fen hat, und niemand von uns besitzt etwas, das wir nicht von ihm bekommen haben. „Denn wer gibt dir einen Vorrang? Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich dann, als hättest du es nicht empfangen?” 1. Kor. 4, 7. Niemand von uns hat etwas erhalten, um damit hämisch über andere Menschen zu triumphieren. Alles, was wir von Gott bekommen haben, sollen wir im Dienst des Guten einsetzen, so dass es uns zu einem ewig währenden Segen wird.

Für Schwache ist es nahe liegend, auf Satan zu hören, deshalb kann man die Gemeinde nicht nach den Gefühlen, Wünschen und dem Verständnis der Schwa­chen leiten. Dann würde Satan die Gemeinde steuern durch die Schwachen. Ein ganzherziger Bruder hat Freiheit dazu, etwas zu sagen oder Dinge zu tun, die der Schwache vielleicht nicht tun und sagen kann. In solchen Verhältnissen darf der Schwache den Starken nicht richten. Es ist leicht möglich, dass der Schwa­che das tut. Denke lieber so – der Starke ist mein Bruder und ein Beispiel für mich. Auch ich kann stark werden. Auf der anderen Seite ist es leicht für den Starken, den Schwachen zu verachten. So war es nicht mit Paulus. Er demütig­te sich und diente ihnen in der Liebe. „Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.” 1. Kor. 9, 22.

Ein Vater kann unbarmherzig sein gegen sein eigenes Kind, ja, man kann fast zur Gewalttätigkeit neigen gegenüber Schwachen. Wir verstehen, dass das weit entfernt ist von Gottes Herz. Lasst uns zum Beispiel an zwei Jogger denken, die eine Runde laufen. Der eine ist in guter Verfassung und hat eine viel bessere Kondition als der andere. Für ihn liegt es nahe, mit einem hohen Tempo loszu­legen, um den anderen zu beeindrucken, und dieser bleibt bald zurück. Auf der Anhöhe einer steilen Strecke verweilt dann der Starke, um sich auszuruhen, während sich der Schwächere noch immer die Steigung heraufquält. Wenn er nun endlich den Starken erreicht hat, sagt dieser vielleicht: „Das war jetzt ange­nehm, sich ein wenig zu strecken. Komm, lass uns weiterlaufen!” Der Schwa­che ringt noch immer nach Luft und versucht, den Puls ein wenig zu beruhigen. Selbstverständlich bekommt der Schwache dadurch kein größeres Selbstver­trauen. Der Starke muss verstehen, das Tempo des Schwachen zu halten und ihm zu helfen, sich etwas zu steigern. Auf diese Weise wird man ein Beispiel für die anderen.

Der Schwache darf den Starken nicht richten, und der Starke den Schwachen nicht gering achten. Der Herr hat sich seiner angenommen – vielleicht kommt er eines Tages zu größerer Herrlichkeit als du. Es ist unbedingt notwendig, Re­spekt zu haben vor dem Einzelnen, den Gott in die Gemeinde gesetzt hat, damit man nicht gegen die Gesetze in Christi Leib verstößt. Ein Lehrer, der seine Schüler besonders gut und fürsorglich behandelte, wurde von folgenden Ge­danken geleitet: Wer weiß, was aus diesen Kindern einmal wird? Vielleicht wird jemand von ihnen mein Bundeskanzler!

Paulus wollte seine Stärke nicht zeigen, wenn das dem Schwachen den Glau­ben nehmen würde. Die Liebe in seinem Herzen trieb ihn zu dieser Einstellung und Lebensweise. „Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nie mehr Fleisch essen, damit ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe.” 1. Kor. 8, 13. Kein Wunder, dass Gottes Gnade so reichlich über ihm war im Leben und Dienst.