Die Zeit in Drøbak
Bevor wir nach Oslo zogen, wohnten wir einige Jahre in Drøbak. Dort verbrachten wir eine sehr schöne Zeit mit vielen lieben Geschwistern, guter Gemeinschaft, unvergesslichen Erlebnissen und frohem Lachen. Die Geschwister waren besonders wohlwollend und taten sehr viel Gutes für uns Kinder. Auch meine Mutter war sehr gastfreundlich und fürsorglich, wodurch sie eine warme Atmosphäre für die Geschwister schaffte.
Zu Hause hatten wir kein Bad, daher durften wir jede Woche zu Ole Kristiansen kommen, um zu baden. Ich weiß noch, wie wir im Winter, in Wollteppiche eingepackt, in unser Haus hinübergetragen wurden, nachdem wir gebadet waren. An Familie Kristiansen habe ich besonders gute Erinnerungen aus meiner Kindheit. Sie war außergewöhnlich kinderlieb. Uns Kindern ging es darum sehr gut, wenn sie uns mit an den Strand nahmen und auch sonst viel Zeit bei Spiel und Spaß mit uns verbrachten. All das trug dazu bei, dass ich eine glückliche und unbeschwerte Kindheit hatte. In meinem Inneren sehe ich die Engel, Jesus und Gott zusammen mit all den Geschwistern wie einen schönen Garten vor mir.
Aus dieser Zeit habe ich auch den alten Bruder Thorolf Eriksen als einen sehr gütigen und fröhlichen Mann in Erinnerung. Er arbeitete als Lotse, und ich erinnere mich besonders an eine Bootstour, bei der hohe See aufkam. Der Steuermann an Bord bat Eriksen, das Ruder zu übernehmen. Ich weiß noch, wie sicher und ruhig er am Ruder stand. Wenn er dabei war, hatte ich das Gefühl, Jesus wäre im Boot und würde uns sicher in den Hafen lotsen – was Eriksen dann auch tat.
Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, stürzte ich von einer ca. 5 m hohen Felswand hinter dem Saal in Drøbak hinunter. „Jetzt wirst du dich fürchterlich anschlagen”, dachte ich, indem ich die Felswand hinunterfiel. Aber es geschah etwas Erstaunliches: Ich spürte deutlich, wie die Hände der Engel mich auffingen und ich wie in einem Daunenbett landete. Ich erinnere mich gut daran, dass ich freudestrahlend zu Mama heim lief und ihr erzählte: „Die Engel haben mich aufgefangen! Ich habe mir nicht wehgetan!”
In Drøbak hatte ich meinen besten Sonntagsschullehrer. Er hielt nämlich die absolut kürzesten Reden und darum war es viel leichter, sich an das zu erinnern, was er sagte. Von langen Reden konnte ich mir meistens nur sehr wenig merken, daher halfen sie mir auch nicht. Ob es bei den Kindern nicht auch heute noch so ist?
Es gab auch einen Laden in Drøbak, den ich heute noch als schöne Erinnerung an meine Kindheit vor mir sehe. Es war ein Süßwarengeschäft, das „Kinderparadies” hieß. So wie ich aufgewachsen bin, war es für mich natürlich, „Paradies” mit „Himmel” zu verbinden. Ich weiß noch gut, wie ich vor dem Laden stand und durch das Schaufenster hineinsah.
Dabei ließ ich meiner Phantasie ziemlich freien Lauf. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie herrlich es im Himmel war. Hier sah ich Süßigkeiten in allen möglichen Farben und Formen. Ich hatte eine besondere Vorliebe für Gelee – das war mein Lieblingsdessert. Ich war sicher, dass ich so viel und so oft Gelee essen durfte wie ich wollte, wenn ich in den Himmel kam. Es dauerte einige Zeit, bis ich verstand, dass der Himmel etwas mehr als goldene Straßen, liebliche Musik und „Kinderparadies” war!
Wenn ich an die Zeit in Drøbak denke, kann ich unmöglich Elise Pettersen vergessen, die Kinderstunden und Sonntagsschule für uns hielt. Sie war ledig und ihr gottergebenes Leben hat einen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht. Dabei war sie sehr einfach und natürlich in allem, was sie sagte und tat. Sie besaß die Fähigkeit, kein Aufheben um sich zu machen - und lachte nach Herzenslust über eigene Missgeschicke. Dazu war sie eine fantastische Geschichtenerzählerin, sie erzählte uns besonders biblische Geschichten aus dem Alten Testament. Dies gab mir frühzeitig Einblick in das Leben und Wirken der Glaubenshelden. Durch ihren lebendigen Gottesglauben ging von ihr selbst ein mächtiges Ziehen zum Sohn hin aus.
In dieser Zeit verlor Vater seine Schreinerwerkstatt. Daher hatten wir zunächst nur ganz geringe Einnahmen. Es kam vor, dass wir so wenig zu essen hatten, dass Mutter nicht wusste, was sie auf den Tisch stellen sollte. An einem solchen Tag, als Mutter zu Gott gebetet hatte, weil sie sich keinen Rat wusste, was sie uns zu essen geben sollte, kam Elise Pettersen ein wenig verlegen zu uns herein. „Ich habe unterwegs etwas für dich gekauft und mitgebracht”, sagte sie ruhig. Gott hatte so in ihrem Inneren gewirkt, dass sie in ein Geschäft gefahren war und unter anderem Milch, Brot und Brotaufstrich gekauft hatte. Sie kam wirklich als eine Botin zur rechten Zeit. Es gab viele solche Erlebnisse mit ihr.
Elise Pettersen wohnte auch zeitweise bei uns – immer wieder ein paar Monate lang - und half meiner Mutter viel in der Zeit, als ich ein Kind war. Sie stand wie ein fester Turm in meinem kindlichen Sinn - ein Turm, der als Zeichen für Gottes unerschütterliche Güte dastand. Sie hatte blitzende Augen, die fast schwarz waren, und wenn fremde Kameraden kamen und nach mir fragten, durchbohrte sie sie mit ihren Augen. Manche meiner Schulkameraden sagten, dass sie nicht wagten, zu mir nach Hause zu kommen - aufgrund ihrer schwarzen Augen. Das tat sie selbstverständlich, um mich zu schützen und zu bewahren.
Wenn sie meiner Mutter zu Hause half, hatte sie immer die Bibel in der einen Hand, wenn sie in den Töpfen rührte. Sie lachte, bat zu Gott und hatte einen fantastischen Humor. Mitten in Arbeit und Mühe hatte sie Zeit für uns. Für sie war das alles so natürlich und einfach.
Als ich fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war, hatte ich das Gefühl, dass es eine Reihe Menschen gab, die mich nicht lieb hatten. Das war eine schwierige Zeit für mich. In dieser Zeit bat Elise Pettersen mich inständig darum, dass ich nicht aufhören sollte, in die Versammlungen zu gehen. Sie sagte, dass ich jeden Monat 10 Kronen bekäme, wenn ich weiterhin in die Versammlungen käme. Das machte einen großen Eindruck auf mich. Nicht so sehr wegen der 10 Kronen, sondern wegen ihres guten und warmen Herzens ging ich weiterhin in die Versammlungen.
Dies kann ja ein Denkanstoß für manche ledige Schwester sein. Bedenke, welch eine fantastische Wirkung du auf Menschen - weit in die Zukunft hinein - haben kannst, wenn du in Herzenseinfalt für Gott lebst!
Ich spürte, dass viele der Menschen, die im Heim unserer Kindheit ein und aus gingen, ein verborgenes Leben mit Christus in Gott hatten und dass sie nicht vor dem Angesicht der Menschen lebten. Das machte einen großen Eindruck auf mich als Kind. Sie waren Leuchttürme und Berge rings um Jerusalem - es war so gut und geborgen. Sie waren durch das, was sie sagten und taten, wie ein Schutz gegen das Böse. Ich bin sicher, dass viele von ihnen buchstäblich ihr Leben gegeben hätten, um mich zu retten, so handgreiflich spürte ich ihre Liebe.
