Ein Wendepunkt
Im August 1988 geschah für jene, die Gebote und Regeln liebten, eine Wendung zum Schlimmeren. Leif Olstad war bei Arbeitseinsätzen einer der Hauptverantwortlichen gewesen, er war aber kein Verkündiger des Wortes unter uns. Sigurd Bratlie hatte ihm Vertrauen erwiesen und Leif Olstad hatte in kleinen Schritten begonnen, vom Rednerstuhl aus zu unterweisen. Auch benützte Leif Olstad zunehmend Beispiele und Bilder, um seine Anschauungen über Kindererziehung und das, was sich im praktischen Gemeindeleben ziemt, zu beleuchten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich dies dahingehend, dass eine Reihe von Dingen durch Leif Olstad „mit dem Bann belegt” wurden. Beispiele solcher Dinge konnten Surfbretter, Abfahrtskier, Walkman oder bestimmte Kleidungsstücke sein. Diese Verkündigung brachte Leif Olstad auch nach Holland, wo er eine Gruppe Gleichgesinnter fand, die meinten, dies sei die richtige Weise zu arbeiten.
Unter den holländischen Freunden gab es viele, die aus reformierten Kirchengemeinschaften kamen und ihren Hintergrund in der calvinistischen Lehre hatten. Sie hatten den Weg zur Gemeinde gefunden, aber die eingefahrenen gesetzlichen Traditionen übten weiterhin großen Einfluss auf einzelne aus, ohne dass sie selbst erklären konnten, warum. Bruder Littooij war Gemeindeleiter in Holland und verstand deutlich, welche Gefahr von Leif Olstads Verkündigung ausging. Es entstand Unruhe in Holland und Olaf Bekkevold aus Oslo war derjenige, der versuchen sollte, wieder Ruhe zu bringen. Er war stellvertretender Gemeindeleiter in Oslo, aber er hatte in seiner Jugend in Holland gewohnt und konnte die Sprache.
Olaf Bekkevold verstand wohl nicht ganz die Problemstellung und war dazu noch ziemlich einig mit Leif Olstad. Deshalb wurde die in Holland bereits entstandene Unruhe durch Olaf Bekkevolds Dienst nur noch größer.
Ich war selbst schon recht oft zu Jugendkonferenzen und Zusammenkünften nach Holland gereist und hatte Littooj gut kennen gelernt. Eines Tages im Spätherbst 1987 kamen Olaf Bekkevold und Leif Olstad zu mir nach Hause, um mit mir über Holland zu sprechen. Ihre Strategie war wohl, mich dahin zu bringen - auf jeden Fall teilweise - mit ihnen einig zu werden, um danach Sigurd Bratlie zu beeinflussen, Littooj abzusetzen. Im Laufe des Gespräches kam Leif Olstad mit starken Angriffen gegen die Verkündigung, die nicht ausreichend gesetzlich sei. Er nannte die so genannten „norwegischen Brüder” Hurenprediger. Dies war auf David Nielsen, Arild Tombre und Finn Corneliussen gemünzt, die alle im Ausland wohnten und für das Evangelium arbeiteten.
Als Leif Olstad mit dem Angriff gegen die „norwegischen Brüder” kam, unterbrach ich ihn und verbot ihm, in meinem Haus über meine Brüder afterzureden. Ich bat sie beide zu gehen, wenn sie nicht augenblicklich damit aufhörten. Recht schnell fanden meine Gäste heraus, dass sie bei mir mit so etwas nichts erreichen konnten und verließen unser Heim. Für mich dagegen war dies ein alarmierendes Ereignis, und deshalb nahm ich direkten Kontakt mit Sigurd Bratlie auf, um ihm meine Sicht der Angelegenheit in Holland darzustellen.
An der Sommerkonferenz 1988 in Brunstad hielt Leif Olstad eine seiner berüchtigtsten Reden. Sigurd Bratlie und Aksel J. Smith hörten zu. Aus der Sicht Sigurd Bratlies war Leif Olstads Rede durchweg eine Anklage. Mit dieser Rede ging er einen Schritt zu weit. Sofort nach der Sommerkonferenz, noch bevor viele von uns aus dem Urlaub zurückgekommen waren, berief Sigurd Bratlie eine Brüderstunde ein.
Ausgehend von 5. Mose 23, 13 hatte er eine ernste Aussprache mit Leif Olstad. Wenn man im Dienst für die Menschen auf Dinge trifft, die nicht gut sind, so soll man diese nicht als Beispiele vor der ganzen Gemeinde ausbreiten – als Vorwand, um Regeln einzuführen wie „du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht kosten”. Man soll der persönlichen Not durch Ermahnung abhelfen, aber in unseren Versammlungen muss die Verkündigung über ein siegreiches Leben am Kreuz klar zu hören sein. Olstad war leider nicht einverstanden und versuchte, Sigurd Bratlie vom Bedarf für Gebote und Regeln zu überzeugen. Sigurd Bratlie meinte, dass dies ein Hundedienst sei, wogegen Olstad meinte, dass die Hunde einen guten Dienst täten, indem sie warnten, wenn etwas verkehrt ist. Olstads Dienst als Verkündiger des Wortes fand danach nur noch wenige Zuhörer. Ein Teil seiner Kinder jedoch und nicht zuletzt sein Schwiegersohn Knut Kronstad waren mit ihm einig und gegen Sigurd Bratlie verbittert.
In diesen Prozess war ich genauso uneingeweiht wie die meisten anderen. Ich betrachtete das Ganze wie von der Zuschauertribüne. Dessen ungeachtet waren es David Nielsen und ich, die gebeten wurden, die Angelegenheiten in Holland mit den verschiedenen Personen zu besprechen, um in der Gemeinde Ruhe zu schaffen. Gott gab Gnade, so dass unser Dienst in Holland Frieden brachte. Sigurd Bratlie seinerseits behandelte, beleuchtete, analysierte und platzierte den ganzen Herbst und Winter die Verirrung, zu der eine gesetzliche Verkündigung führen kann.
Olaf Bekkevold wollte in dieser Sache keine klare Stellung beziehen. Persönlich glaube ich, dass er nicht ganz den Unterschied zwischen Sigurd Bratlies und Leif Olstads Verkündigung verstand. Er war etwas einfältig in seinem Verständnis der Schrift, und die Tatsache, dass er in Holland sein Gesicht verloren hatte, bedeutete wohl recht viel für ihn. Bratlies Bibelstunden bekamen mit der Zeit auch eine Dimension rund um die Tatsache, dass Olaf Bekkevold die Sache nicht verstand, und so wurde Olaf Bekkevold Ende Juni 1989 gebeten, seinen Platz an Bernt Stadven abzutreten. Sigurd Bratlie begründete dies offiziell damit, dass Bekkevold nicht die Gabe hatte „die Geister zu unterscheiden”.
