Hirte und Prophet

- Sigurd Bratlie

Hirte und Prophet

Sigurd Bratlie

Mit Sigurd Bratlie arbeitete ich ungefähr 18 Jahre lang, bevor er starb, in Gemeindeangelegenheiten zusammen. Übrigens habe ich ihn mein ganzes Leben lang gekannt. Ich wuchs im selben Haus auf, in dem er wohnte. Als Mensch war er sehr bescheiden und hasste es, Aufhebens um sich zu machen. Mein Vater nahm ihn oft im Auto zu Versammlungen und Zusammenkünfte mit. Wenn auch andere im Auto mitfuhren, setzte er sich immer hinten hin neben Vaters Schreinerwerkzeug. Er war außergewöhnlich dankbar und ge­ring in sich selber. Diese Bescheidenheit konnte wohl von einigen missver­standen werden, und manche glaubten wohl, dass er arrogant wäre, was ihm eigentlich überaus fern lag.

Es war in erster Linie Sigurd Bratlie, der den Wert dessen verstand, was Johan O. Smith uns übergeben hatte. Sein ganzes Leben lang freute er sich außerordentlich über diese Wahrheiten und bewahrte sie. Über diese feinen Lebensgesetze - die Offenbarungen über „Christus offenbart im Fleisch” und „Christi Leib” - hat er auch selbst in seinen Büchern viel geschrieben. Wenn man sie liest, erhält man einen Eindruck von seiner Weisheit und spürt eine Fülle des Geistes der Offenbarung. Seine Bücher sind auch zu einer unschätz­baren Hilfe für manch einen Verkündiger in der Gemeinde geworden. Das Größte an seinem Dienst war ja, dass er so diente, dass mehrere junge Brüder zu Dienern in Christus heran gewachsen sind.

Er lebte sehr gesundheitsbewusst -als Jugendlicher ernährte er sich z. B.10 Jahre lang nur von Rohkost, unter anderem, als er in Schweden wohnte. Als Mensch war er fast asketisch, aber er wurde nie fanatisch und mischte dies auch nicht in die Verkündigung des Evangeliums hinein. Wenn Rakel und Sigurd Bratlie Gäste hatten, war es meistens Sigurd Bratlie, der ihnen köstli­che Sahnetorten mit Pflaumenmarmelade servierte, die er selbst gebacken hatte.

Sigurd Bratlie war ein großer geistlicher Stratege. Er hielt die Karten oft eng an die Brust und mochte es nicht, dass andere ihm hinein schauten. Ich selbst erhielt reichlich Zucht und Zurechtweisung von ihm, aber ich spürte immer einen großen Unterstrom von Güte in seiner Behandlung. Sein Ziel war, mich zum Werk des Dienstes zur Erbauung des Leibes Christi tüchtig zu machen. Die Behandlung, die ich erhielt, brachte mir sehr großen Nutzen. Er war eine starke Persönlichkeit, die hart zu sich selber war und von seinen engsten Mitarbeitern wünschte, dass sie von derselben Schule sein sollten. Wenn ich daran denke, fallen mir oft einige Worte aus unserer Nationalhymne ein: „Norweger in Haus und Hütte, danke deinem großen Gott! Er wollte das Land beschützen, wenn es auch finster aussah. Das, worum die Väter kämpf­ten und worum die Mütter weinten, hat der Herr behutsam, still gelenkt, so dass wir unser Recht gewannen.” Die gute Hand, die so still und behutsam gelenkt hat, bewirkte, dass ich Kraft bekam, die hängenden Hände aufzurich­ten und die wankenden Knie zu stärken. In all der Behandlung, die ich von ihm erhielt, spürte ich immer, dass Sigurd Bratlie in Liebe, Fürsorge und Güte blieb.

Ich kenne niemanden, der eine solche Gnade als Apostel in unserer Zeit bekam wie Sigurd Bratlie. Ich habe wohl auch niemanden gesehen, der Chris­ti Herrlichkeit in einem solchen Maße ausstrahlte wie er. Bei seiner Verkündi­gung brannte mein Herz in mir, und was er redete, war so klar, dass ich im Grunde niemanden irgendetwas fragen musste. Er malte Christus vor unsere Augen, so dass es über jeden Zweifel erhaben war, was man in seinem eige­nen Leben zu tun hatte. Sigurd Bratlie war ein sehr eifriger Priester für Gott und stand in diesem neutestamentlichen Schlachterdienst als Jesu Christi Opferpriester, bis er über 70 Jahre alt war. Er sagte selbst, dass er in den Jahren danach noch sehr an Reife zugenommen hat, es wurden die reichsten Jahre seines Lebens. Wir alle konnten merken, dass sein Zunehmen offenbar wurde. Ein unendlicher Reichtum an Güte, Langmut und Gnade kam aus sei­nem Leben hervor, eine Langmut, die in Wahrheit göttlich war.

Ich habe über viele schwierige Dinge gemeinsam mit ihm beraten, und dabei merkte ich, dass er der Wahrheit getreu war. Bei alledem hatte er eine große Fürsorge, und wollte so viele wie möglich retten und ihnen helfen - doch nicht auf Kosten der Wahrheit.

Ich fragte ihn einmal, als einige uns verließen, ob ich etwas Besonderes tun sollte, um ihnen zu helfen. Da war seine Antwort: „Komme nicht auf diesen Gedanken, Kåre - diese Menschen wollen etwas anderes als das, was du und ich wollen. Wir müssen froh sein, dass sie weggehen. Du verstehst, sie wollen das nicht, was du und ich wollen (also Jünger sein).”

Einmal sagte ich zu ihm: „Es tut mir so Leid, dass du in so hohem Alter meinetwegen diese Trübsale hast.” (Da war er über 87 Jahre alt!)

Da lachte er herzlich und erwiderte: „Das braucht dir nicht Leid zu tun, das macht mir überhaupt nichts aus!”

„Meinst du das wirklich?” fragte ich.

„Ja, das macht mir absolut nichts aus, wir müssen um der Gemeinde willen nur froh sein über das, was geschieht”, sagte er.

Sigurd Bratlie war ein gewaltiger Lehrer unter uns, der durch seine Verkün­digung eine bedeutungsvolle Grundlage im Leben vieler Menschen legte. „Denn obwohl ich leiblich abwesend bin, so bin ich doch im Geist bei euch und freue mich, wenn ich eure Ordnung und euren festen Glauben an Christus sehe.” Kol. 2, 5. Hier war Bruder Sigurd Bratlie ein großer Diener, der durch seine unermüdliche Verkündigung der Gemeinde wirklich zum festen Grund im Glauben verhalf. Er legte den Grund als ein weiser Baumeister, so dass die einzelnen Geschwister in ihrem Leben darauf weiter bauen konnten. Er unter­wies unter anderem gründlich darin, wie wir im Geist der Wahrheit getauft und ein Leib werden, und wie wir in unserem Leben das Sterben Christi prak­tizieren können. Dies ist für viele Geschwister im In- und Ausland zu einer unschätzbaren Hilfe geworden.