Hirte und Prophet

Kåre J. Smith

- Die erste Liebe

Hirte und Prophet

Die erste Liebe

„Aber ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlässt. So denke nun daran, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte – wenn du nicht Buße tust.” Offb. 2, 4-5.

Wir können fragen: Wann verliert man die erste Liebe? Der Gemeindeengel in Ephesus hatte um Jesu Namens willen die Last getragen und war nicht müde geworden. Jesus tadelte ihn für keines seiner Werke – sie waren alle zusammen gut. „Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind’s nicht und hast sie als Lügner befun­den.” Vers 2. Er war also ein besonders guter Gemeindediener. Alle diese guten Werke waren um Jesu Namen willen getan worden, aber nun war es nicht mehr nur Jesu Name, an den er dachte. Er dachte in seinem Dienst für Gott auch ein bisschen an sich selbst. Eben dafür wollte ihn der erwecken, der die Herzen prüft und auf Pathmos erschienen ist, und bat ihn sich davon zu bekehren.

In einer blühenden Gemeinde, in der vielleicht viele gut verdienen, wäh­rend der Gemeindediener auf vielerlei Weise verhältnismäßig wenig irdische Güter besitzt, kann von diesem leicht die Forderung kommen, dass die ande­ren etwas für ihn tun und ihn unterstützen sollen. Der Gemeindediener sollte sich dann an das Wort in Hebr. 13, 5-6 halten: „Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist. Denn der Herr hat gesagt: Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen. So können wir auch getrost sagen: Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten; was kann mir ein Mensch tun?”

Unruhe und Besorgnis wegen des Lebensunterhaltes sind eine große Ge­fahr im Leben eines Menschen, und es können einem leicht solche Gedanken kommen wie: „Wer pflanzt wohl einen Weinberg und isst nicht von seinen Früchten?” Und: „Ich habe viel mehr gearbeitet, als sie alle.” Wenn man das vergisst, was Paulus weiter schrieb: „Nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist”, kommt man leicht unter das Gesetz und stellt Forderungen an die anderen: „Habe ich euch nicht alle die Jahre gedient und geholfen? Ihr solltet zu mir nach Hause kommen, ich bin es, der euch „geboren” hat, ich bin es, der euch gute Ratschläge gegeben hat.” Wenn ich so denke, lebe ich nicht mehr aus der Gnade. Meine Werke werden zu etwas, was „ich” ausgerichtet habe, und das beweist, dass ich um meinen eigenen Namen besorgt bin. Diese schreckliche Entwicklung hatte beim Gemeindeengel in Ephesus angefan­gen, und davon musste er sich bekehren.

Wenn wir uns den Gemeindeengel in Sardes ansehen, so sagte Jesus auch zu ihm: „Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.” Er war ganz tot dafür, für Jesu Namen Sorge zu tragen und dachte in all seinem Tun und Lassen in der Gemeinde nur an seinen eigenen Namen. Er bekommt die Ermahnung, sich zu bekehren und das andere, das sterben will, zu stärken.

„Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind’s wert.” Offb. 3, 4. In Kol. 3, 12 erklärt Paulus, was die weißen Kleider sind: „So zieht nun an alsdie Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.” Die Tugenden sind also das Diener­gewand Jesu Christi, die Tugenden sind die weißen Kleider. Wir müssen zuse­hen, dass wir nicht um unseren eigenen Namen besorgt sind, so dass diese Klei­der durch die Lust zu eitler Ehre verunreinigt werden. Neid ist auch nicht fern, wenn man anfängt, für seinen eigenen Namen Sorge zu tragen.

Die ersten Werke des Gemeindeengels in Ephesus waren vielleicht nicht mit der Weisheit wie später in seinem Leben und Dienst getan, aber sie wur­den von inniger Liebe zu Jesus getrieben getan, in der alles um der Ehre Jesu willen getan wurde. Deshalb waren sie kostbar für Gott. Man kann große Erweckungen haben und große Werke für Gott tun, aber das nützt alles nichts, wenn Jesus dennoch sagen muss: „Weichet von mir, die ihr Unrecht getan habt.” Wir verstehen, dass das Unrecht, das sie getan hatten, darin bestand, dass sie um ihren eigenen Namen besorgt waren. Deshalb waren sie für die Rede des Meisters tot, und Jesus kannte sie nicht mehr.

Wenn Brüder, die dienen und sich durch Weisheit und Verstand auszeich­nen, so aus der ersten Liebe fallen, dass auch andere merken, dass es jenen mehr um ihre eigene Person als um den Namen dessen geht, dem sie eigent­lich dienen sollten, sind die Menschen oft sehr enttäuscht. Sie spüren diese Ungerechtigkeit, und dann wird auch bei ihnen die Liebe kalt. Wer beharrt bis ans Ende, wird selig werden. Wenn meine Liebe wegen der Sünden der ande­ren erkaltet, zeigt dies ja eben, dass ich nur menschliche Liebe hatte. Bin ich in der ersten Liebe, dann habe ich göttliche Liebe und kann wie Gott sein, der seine Sonne über Böse und Gute aufgehen lässt. Solche hören nicht auf zu leuchten, zu wärmen und in einer guten Atmosphäre zu leben. Es ist deshalb für jeden einzelnen von uns lebensnotwendig, dass wir in der ersten brennen­den Liebe zu Jesus bewahrt bleiben. Wer in der Liebe ist, der ist in Gott und dort kann ihn nichts Böses erreichen. Dort können wir weder in des Teufels Stricke geraten noch uns damit beschäftigen, Ehre zu suchen. Es herrscht dort ein ständiges Vorwärtsstreben, hinein in Licht und Wärme. Die, die in Gott sind, besudeln ihre Kleider nicht – sie leben in der ersten göttlichen Liebe.

„Ihr aber meine Lieben, erbaut euch auf euren allerheiligsten Glauben und betet im Heiligen Geist, und erhaltet euch - auf diese Weise (norw. Übers.) - in der Liebe Gottes und wartet auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Chris­tus zum ewigen Leben.” Judas 20-21. Hier garantiert der Apostel, dass die, die sich auf ihren allerheiligsten Glauben erbauen und im Heiligen Geist be­ten, bis ans Ende beharren, die Erlösung in Jesus Christus erleben und bei der Entrückung dabei sein werden.

„Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als diese mich haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb? und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!” Joh. 21, 15-17.

Als Hirte darf ich zu denen, welchen ich dienen soll, nicht eine derartige Liebe bekommen, dass ich ihnen nicht die Wahrheit sagen kann. Man sieht vielleicht, dass es nicht so gut um sie steht, aber man hat sie „so lieb”, und es gibt so viele menschliche Bande, die einen mit ihnen verbinden, dass es schwie­rig ist, diese Bande zu lösen. In solchen Verhältnissen erkennt man dann oft, dass es für einen selbst und auch für diejenigen, denen man helfen will, Schmer­zen und Leiden bringen wird, wenn man sie an Gott binden will. Hier muss man wahrhaftig sein in der Liebe. Man muss sie Gott überlassen und eine solche Fürsorge für sie haben, dass man ihre Menschlichkeit entlarven und ihnen zeigen kann, was recht ist und was Gott wirkt, auch wenn es schmerzt, auch wenn sie deshalb zu meinen Feinden werden sollten. Wenn ein Hirte auf diese Weise dient, wird er sich Respekt erwerben, und in der Regel wird er die Menschen für das Himmelreich gewinnen können.

Auch in dieser Hinsicht müssen wir auf dem weiterbauen, was von Anfang war. Johan O. Smith schreibt in einem seiner Briefe an seinen Bruder Aksel folgendes: „Es war für mich immer eine Freude, von Dir zu hören und das wird es weiterhin sein. Doch ist diese Freude nicht größer als die Wahrheit selbst. Die Freude ist also nicht so groß, dass ich sie nicht um der Wahrheit willen opfern könnte. Aber weil Christi Wahrheit mir so kostbar geworden ist, ist auch jeder Bruder und jede Schwester der Wahrheit kostbar für mich ge­worden. Und wenn meine Demut die Gemeinschaft in Christus fördern kann, so ist es mir eine Herzensfreude, mich zu demütigen, sogar dort, wo ich in Christi Feuereifer für das Voranschreiten der Wahrheit kämpfte.”

Unsere Liebe zu Jesus, der die Wahrheit ist, muss immer größer sein als die Liebe zu uns selbst und zu den Menschen, denen wir dienen sollen. Wenn sie das nicht ist, wird ein solcher Diener auf die gleiche Weise sterben wie der Gemeindeengel in Sardes. Ich habe erlebt, wie Brüder, die einen herrlichen Hirtendienst hatten, diesen wegen ihrer Bindungen an einen fleischlichen Bru­der aufgaben. Welch eine Schande und welch eine Schmach werden solchen durch alle Ewigkeit folgen!

Wenn wir in der ersten Liebe sind, schauen wir durch in das vollkommene Gesetz der Freiheit, und alle, die das tun, werden selig sein in ihrer Tat. „Wer aber durchschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei beharrt und ist nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter, der wird selig sein in seiner Tat.” Jak. 1, 25.

Die, die so leben, haben Liebe zu dem, was sie tun. Sie sind dankbar, sie sind keine vergesslichen Hörer. Es gibt viele gute Mütter und Väter, die klei­ne Kinder haben, aber wir sehen ja, dass nicht alle in ihrem Tun selig sind. Das, was sie tun, tun sie mehr aufgrund von Gesetz und Pflicht, als aufgrund von Liebe. Wenn man in das vollkommene Gesetz der Freiheit hineinschaut, ist man auch vom Heiligen Geist gesalbt. Die erste Frucht des Geistes ist Freude – man wird glücklich in seinen Lebensverhältnissen. Solche Men­schen freuen sich über die zuvor bereiteten Werke, die sie sehen, wenn Gott ihnen mehr Licht gibt – die Werke, die Gott für sie zuvor bereitet hat, dass sie darin wandeln sollen. Durch diese Werke werden sie ausgebildet und verwan­delt und werden zum Preis seiner Herrlichkeit. Dies ist ein Werk der Gnade.

„Aus Gnade seid ihr selig geworden, nicht aus euch selbst” steht geschrie­ben. Wenn es aus Gnade geschieht, empfindet man Dankbarkeit und Bewun­derung für das, was Gott in einer armen Seele tun konnte. Hier begegnen wir dem größten aller Wunder: Wir können verwandelt werden und mit dem Bil­de seines Sohnes gleichgestaltet werden. Das Ganze geschieht in den Herzen, die fest in der ersten Liebe und Hingabe zu dem Bräutigam ihrer Seele blei­ben!