Gesammelte Schriften Band 4 • 1924 - 1931

Skjulte Skatter 1926-05 - Beurteile selbst, was recht ist

Gesammelte Schriften Band 4 • 1924 - 1931

Beurteile selbst, was recht ist

Der Gehorsam des Glaubens ist die richtige Grundlage für wirkliche Freiheit. Niemand kann weiterhin in wirklicher Freiheit leben, ohne im Gehorsam gegenüber dem Glauben zu leben.

Nun gibt es eine Freiheit vom Fluch des Gesetzes, indem man seine eigene Anstrengung aufgibt, nach der Forderung des Gesetzes geheiligt zu werden. Man bekommt geöffnete Augen dafür, dass der alte Mensch mit seinen besten Werken gerichtet und am Kreuz zum Tode verurteilt wurde. Es ist eine große Erleichterung, eine Schau für dies zu bekommen und nach vielleicht vielen Jahren Plackerei als Gesetzesknecht auszuruhen. Das Gesetz ist unser Zuchtmeister auf Christus hin geworden. Der alte Mensch war unten am Kreuz und unternahm große Anstrengungen, um Gott zu gefallen. Aber er wurde durch die heiligen Forderungen des Gesetzes ans Kreuz getrieben. Jetzt heißt es: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Glaube an Christus und an sein vollbrachtes Werk für uns macht uns dazu fähig, dass das Werk Gottes in uns vollbracht werden kann. Glaube ohne Werke ist tot. Ein Sünder muss an die Werke Jesu für sich glauben, und wer errettet ist, muss glauben und die Werke Gottes in sich vollbringen lassen. Man muss unterscheiden zwischen dem, was für mich getan wird und dem, was in mir getan wird. Was für mich getan wird, ist Gnade, aber das, was in mir getan wird, ist Gerechtigkeit. Die Gnade ist nicht das Endgültige, sondern die Gnade soll mich zur Gerechtigkeit hin züchtigen. Erst wenn wir Gerechtigkeit erreichen, können wir mit dem Apostel Paulus sagen: „Seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen.“

Nun wird meistens das Gnadenwerk Gottes an der Seele als wirkliche Freiheit betrachtet. Es steht nirgends geschrieben, dass die Gnade freimacht, sondern dass die Wahrheit freimacht. Jesus kam mit Gnade und Wahrheit. Also kann ohne Wahrheit nicht von wirklicher Freiheit die Rede sein. Die Gnade kann einen Verbrecher begnadigen, aber sie hebt das Urteil über ihn nicht auf. Er ist und bleibt ein begnadigter Verbrecher. Die Wahrheit dagegen nimmt dem Verbrecher das Leben, und er wird in der Auferstehungskraft wirklich frei. Wer sein Leben verliert, findet das Leben. Das bedeutet, wer erträgt zu hören, wie hässlich er ist, verliert das Vertrauen in sich selbst und wird ganz und gar von Christus abhängig. Die Wahrheit macht ihn von „sich selbst“ frei. Man muss unterscheiden zwischen der Freimachung vom Fluch des Gesetzes und dem, von sich selbst freigemacht zu sein. Die Freimachung vom „Ich“ ist ein langwieriger Prozess. Es gibt wohl kein lebendiges Geschöpf außer Jesus Christus, das ganz und gar davon freigemacht wurde. Während der Heiligung werden wir durch Christi Leiden und Tod immer mehr von uns selbst gelöst, aber da Christus alle Erkenntnis übertrifft, ist das Ziel für unsere Vollendung weit weg, selbst wenn wir aus allen Kräften laufen und all das vergessen, was dahinten ist.

Das Gesetz ist ein Licht außerhalb des Leibes, um die Sünde außerhalb des Leibes zu richten. Das Licht des Himmelreichs ist in uns und will die Sünde im Fleisch richten und verurteilen. Damit wird das wahr: Denn was dem Gesetz unmöglich war usw., das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch. Das Gesetz des Geistes hat mich – in Christus Jesus – frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Der Leib ist tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Der Leib kann auf diese Weise durch die Kraft Gottes als ein lebendiges, Gott wohlgefälliges Opfer dargebracht werden. Dies ist unser geistlicher Gottesdienst.

Die Erlösung durch das Leben Jesu setzt voraus, dass wir durch seinen Tod errettet sind. Denn er starb um unserer Sünden willen, aber ist auferstanden und lebt um unserer Rechtfertigung willen. Lies Röm. 5, 10.

Wenn wir im Geist leben und im Geist wandeln, dann leben wir im vollkommenen Gesetz der Freiheit. Nun kann man auf die Zeit zurückblicken, in der man vom Fluch des Gesetzes freigemacht wurde, und sich weiterhin in diese Freiheit versetzt wähnen, ohne es jemals mit dem Gehorsam des Glaubens so genau genommen zu haben. Eben hierin betrügt man sich selbst. Sobald man dem Glauben gegenüber ungehorsam ist, ist man wieder einem Geist der Knechtschaft unterworfen und muss sich fürchten. Freiheit und Gehorsam gehen Hand in Hand; denn wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit, auch wenn man dem Fleisch nach getötet wird.

Die Erkenntnis über Freiheit macht mich nicht frei, die Freiheit muss erlebt werden. Die Freiheit im Geist lässt nie dem Fleisch Freiheit, es ist am Kreuz und muss am Kreuz sein. Dort, wo man dem Fleisch Freiheit lässt, endet es immer in Sünde und Gottlosigkeit. Es kann nicht gleichzeitig Freiheit für Geist und Fleisch geben, da diese gegeneinander sind. Soll der Geist Gottes in unseren Herzen regieren, und ist Christus in unseren Herzen als Herr geheiligt, dann muss das Fleisch geknebelt und am Fluchholz gekreuzigt werden. Ist im Gegensatz dazu das Fleisch Herr, dann muss der Geist Gottes weichen und Satan und seine Geistesmächte übernehmen die Leitung. Ein wenig Hinken auf beiden Seiten macht lau und gleichgültig, und es endet oft damit, dass man ein Feind des Kreuzes Christi wird und ein Feind von den Werkzeugen Gottes, die das Wort vom Kreuz verkündigen. Wenn man dann unter solchen Umständen glaubt, Christi Freiheit zu besitzen, dann betrügt man sich selbst.

Die unaufhörliche Verkündigung von Sündigen und Gnade ist nichts anderes, als Leuten beizubringen, es nicht so genau zu nehmen, da ja Gnade bis zu siebzigmal siebenmal am Tag zu bekommen ist. Das wird ein „Auf-der-Stelle-Treten“. Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, man kommt auf dem Weg nicht vorwärts, man kommt nicht zur Wahrheit und nicht zum Leben, man kommt nicht über den Zustand hinweg, zu sündigen und Gnade zu bekommen. Mit diesem Programm lebt man bis ans Ende seines Lebens, ohne jemals zur Freiheit Christi, zur Wahrheit und zu einem wirklichen Leben in Christus Jesus zu kommen. Noah war ein „Prediger der Gerechtigkeit“; aber man muss wohl von den meisten Verkündigern sagen, dass sie keine Verkündiger der Gerechtigkeit sind, sondern „Verkündiger der Gnade“. Es soll nämlich Gerechtigkeit verkündigt werden; denn das bedeutet, als Gottes Wort zu reden. Wenn sich die Menschen dann in diesem Spiegel selbst zu sehen bekommen, dann erkennen sie ihre Mängel, dringen auf Gott ein und bekommen erst dann die Gnade, die uns in Zucht nimmt, damit wir gerecht leben. Wenn in die Finsternis hineingeleuchtet wird, wird in den Herzen Gottes Gericht gehalten; dann entsteht lautes Schreien und Flehen, göttliche Betrübnis und Fragen, was man tun soll.

Hier bekommen wir einen Altar, von dem zu essen kein Recht haben, die der Stiftshütte dienen. Der Stiftshütte zu dienen, ist ein andauernder Dienst damit, zu sündigen und Gnade zu bekommen. Wir können ihn auch „einen siebzig-mal-sieben Dienst“ nennen. Gottes Volk vergeudet seine kostbare Zeit, indem es sich nur damit beschäftigt. Wir sollen ja den verbleibenden Teil unserer Lebenszeit nach dem Willen Gottes leben und nicht nach menschlichen Begierden. Tun wir das, dann wandeln wir im Licht und bekommen das Gericht des Lichts in unserem inneren Wesen zu spüren. Dann reinigt uns das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, von aller Sünde, das heißt von der Sünde, die im Fleisch ist, und dann haben wir Gemeinschaft untereinander. Niemand darf glauben, dass der, der im Licht wandelt, gleichzeitig in der Sünde lebt, sodass das Blut Christi bewusst getane Sünden wegreinigen würde. Da draußen in der Finsternis tut man ja die Werke der Finsternis. Doch diese, die im Licht wandeln, leiden mit Christus während der Gerichte des Lichts und reinigen sich entsprechend den Forderungen des Lichts und gehen auf diese Weise von Licht zu Licht, von Kraft zu Kraft. Hier haben wir Gemeinschaft miteinander; denn nur hier ist die Gemeinschaft der Heiligen. Man bekommt nie nur dadurch Gemeinschaft, dass man sündigt und Gnade bekommt. Gemeinschaft haben wir in der Gerechtigkeit, in der Wahrheit und im Licht. Wenn mich ein Mann, der mir sehr viel Leid angetan hat, um Vergebung bittet und ich ihm auch von Herzen vergebe, können wir dennoch keine vertraute Gemeinschaft miteinander haben, bevor er nicht durch sein Leben bewiesen hat, dass er sich wirklich bekehrt hat. Nun gibt es massenweise Prediger, die in ihrem Wirken und in ihrer Finsternis so verwirrt sind, dass sie allen Ernstes davon überzeugt sind, es könne etwas nicht stimmen, wenn ein Mann in Gottes Kraft anfängt, Sieg über die Sünde zu bekommen. In ihren Augen gehört es zur „guten alten reinen Lehre“, täglich zu sündigen und dann jeden Abend Gnade für all die Scheußlichkeiten zu bekommen. Muss man sich dann noch darüber wundern, dass die Tabakspfeife bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit im Mund hängt und dass allerlei Ungerechtigkeiten ausgezeichnet unter dieser sogenannten „Decke der Gnade“ gedeihen? Denn wenn der Abend kommt, wirft man ja seine ganze Bosheit ins „Meer der Gnade“. Was wird dann aus den gerechten Werken der Heiligen, die die feine kostbare Leinwand sind, in die sich die Braut kleiden sollte? Man sagt ja selbst, dass all das, was man getan hat, verwerflich ist, und dass das Gewissen einen verurteilt. Das muss dann ein schmutziges Kleid sein, weil es schmutzige Werke sind, die an jedem einzelnen Abend eine Wäsche brauchen.

Wer im Licht wandelt, wäscht sich nicht nur jeden Abend, jedes einzelne Werk im Lauf des Tages wird im Licht des Gerichts durch das Blut Jesu gewaschen. Er hat keinen großen Wäscheberg angehäuft, der im Meer der Gnade gereinigt werden soll, er reinigt seine Kleider im Blut. Jesus kam nämlich nicht nur mit dem Wasser, er kam auch mit dem Blut. Das Wasser ist für das Äußere, das Blut für das Innere.

Viele sollten gereinigt, geläutert und geprüft werden, aber die Gottlosen sollten gottlos handeln; alle Gottlosen werden’s nicht verstehen, aber die Verständigen werden’s verstehen. Dan. 12, 10.

Wenn diese Worte bis auf den heutigen Tag versiegelt waren, dann breche jetzt das Siegel auf, dann wirst du es verstehen. Das Siegel wird auf die Weise aufgebrochen, dass man sich von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes reinigt und seine Heiligung in der Furcht Gottes vollendet. Das heißt, dass man den Rest seines Lebens im Gehorsam des Glaubens nach dem Willen Gottes lebt.