Weisheit und Torheit
Wenn man einen Mann zum ersten Mal trifft, wer kann dann sagen, ob dieser töricht ist oder ob er weise ist? Das Wahrscheinlichste ist, dass er ein Durchschnittsmensch ist. Den Törichten erkennt man bald an seiner Redseligkeit. Er ist schnell, sein Herz auszubreiten, denn er glaubt selbst, dass alles, was er in seinem Schoß trägt, Gold ist, das jeder akzeptieren muss. Kein Mensch ist in sich selbst töricht, sondern man wird töricht, weil man sich betören lässt. Selbstbewunderung ist ein eingefahrener Weg zur Torheit, darum besteht der erste Weg zur Weisheit darin, seine eigene Schlechtigkeit kennenzulernen. Weisheit kommt also dadurch, dass man Torheit als reinen Wahnsinn erkennt. Man wird durchsäuert von dem, was man bewundert, sei es nun von der Weisheit oder von der Torheit; und dementsprechend wird man weise oder töricht genannt. Die Weisheit hält sich im Verborgenen und man muss sie suchen, darum ist sie wenig bekannt und beachtet. Die Torheit lässt ihre Stimme auf jeder Höhe hören, und es gibt genug von denen, die sie bewundern. Die Weisheit sieht in den Augen der Welt schwach und verwerflich aus, weil es sie ausschließlich in Verbindung mit Gottesfurcht gibt. Darum konnte ein armer, weiser Mann eine Stadt retten, als ein ganzes Heer sie umringte, obwohl kein Mensch an diesen Mann gedacht hatte.
Die Erkenntnis Gottes ist nicht dasselbe wie Weisheit, doch gelebte Treue in Gottes Licht und Erkenntnis ist Weisheit. Gottesfurcht führt also zu Weisheit. Die Weisheit ist die Mutter der edlen Liebe. Die Weisheit liebt alles und alle, weil sie der Ursprung aller Dinge ist. Darum wird Jesus auch „das Wort“ genannt, durch das und zu dem alles geschaffen ist. Er wird auch Christus, Gottes Weisheit, genannt. Die Weisheit tut alle Dinge richtig, denn sie weiß die richtige Zeit und den richtigen Ort. Die Torheit weiß weder Zeit noch Ort. Die Weisheit muss man suchen und sie lässt sich leicht finden von denen, die sie suchen. Das Gegenteil von Torheit ist Weisheit; und während die Torheit sich überall hören und sehen lässt, spricht die Weisheit ihre verborgene Sprache und entlarvt die Torheit als reinen Wahnsinn – manche fragen, wie. Das herauszufinden ist deine eigene Sache!
Sirach sagt, der Geist der Weisheit ist fein, behend, rein. Er erforscht alles und geht von Geschlecht zu Geschlecht auf heilige Seelen über. Wer Weisheit sucht, wird die Menge seiner Vorhaben begrenzen: denn die Weisheit ist weit weg von Habsucht und man erwirbt sie, indem man Zeiten der Ruhe auskauft.
Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern gibt und niemanden schilt; so wird sie ihm gegeben werden. Jak. 1, 5.
