Heilung
Woher kommt es, dass man das eine Mal zu Gott betet und der Kranke wird geheilt und ein anderes Mal nicht? Die meisten Gläubigen haben wohl Gottes Macht zu heilen gesehen und viele sind selbst geheilt worden. Doch es gibt Fälle, in denen man nichts vermag. Woher kommt das? Es gibt ja Leute unter uns, die sich nahezu als Experten in Heilung durch Glauben und Gebet ausgeben. Aber es ist eine Tatsache, dass sehr viele Menschen ebenso krank von ihnen weggehen wie sie gekommen sind. Der eine oder andere wird zwar geheilt; doch dies kommt überall unter den Gläubigen im ganzen Land vor. Eine wirkliche Einsicht in die Geheimnisse der Heilung oder Nichtheilung existiert nicht. Sie alle müssen sozusagen an den Knöpfen abzählen: Wird, wird nicht, wird, wird nicht. Vielleicht gelingt es, vielleicht auch nicht. Die Einsicht, die Autorität in sich hat, fehlt ganz und gar.
Wenn Glaube verlangt wird, um geheilt zu werden, dann muss man fragen: Was ist Glaube? Wenn Gott bestimmt hat, dass der Kranke heimgeholt werden soll, dass seine Tage hier auf der Erde zu Ende sind, kann es dann helfen, etwas anderes zu glauben als das, was Gott glaubt? Kann es dann helfen, um Leben zu beten? Nein, man wird ganz bestimmt vergeblich beten. Der Betreffende stirbt trotz all unserer Gebete. Wenn aber der Geist alle Dinge erforscht, sollte man dann nicht im Geist den Willen Gottes mit dem Kranken spüren können? Doch, gewiss, doch hierzu bedarf es eines feinen Organs (Empfangsapparats), um solche feinen Wahrnehmungen des Geistes in sein Bewusstsein aufnehmen zu können. Man ist meistens dickhäutig genug, um das Zeugnis des Geistes nicht zu bemerken; daher fährt man fort, aufs Geratewohl zu beten.
So viel Verkehrtes tut man damit sicher nicht; doch so viel Richtiges tut man auch nicht.
Mitunter erlegt Gott einem Menschen Krankheit auf, um die Seele zu sich zu ziehen und sie von der Welt zu lösen. Für eine solche Krankheit zu beten, bedeutet dann, gegen den Willen Gottes zu beten.
Wir haben auch wundersame Heilungen gesehen, bei denen Menschen von Schwindsucht, Magengeschwüren, Brüchen und v. m. geheilt wurden; aber wir haben auch oft erfahren, dass wir nichts vermochten – trotz unseres Gebets. Es anders zu sagen, als es ist, kann nicht weiterbringen. Manchmal ist die Heilung sofort eingetreten, manchmal erst später.
Es wird oft auf Jes. 53 hingewiesen, wo steht: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.“ Dies wird dahingehend gedeutet, dass, wenn er unsere Krankheiten und Schmerzen getragen hat, wir weder Krankheit noch Schmerzen haben sollen. Falls jemand das hat, wird er für ungläubig gehalten. Dies ist eine von Grund auf falsche Auslegung. Außer unserer Krankheit trug Jesus auch unsere Sünde mit seinem Leib hinauf an das Holz; aber dennoch gibt es eine Unmenge von Sünde in der Welt; es gibt massenweise Krankheit und Sünde unter weltlichen Menschen wie auch unter den religiösen. Viele der Heiligen hatten einen schwachen Leib, und meistens hat das dazu beigetragen, dass sie in geistlicher Hinsicht weit gekommen sind. In Sirach heißt es, dass Salomo von seinem Leib übermannt wurde und sündigte. Hätte Salomo ständig mit Krankheiten Mühe gehabt, dann nehme ich an, dass er davon verschont geblieben wäre, die Ehe mit vielen ausländischen Frauen einzugehen, die ihn dazu verführten, Abgötter anzubeten.
In Jes. 53, 10 steht von Jesus: „So wollte ihn der Herr zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des Herrn Plan wird durch seine Hand gelingen.“ Wenn also der Meister selbst mit Krankheit zerschlagen wurde, um das Schuldopfer zu geben, dann können auch wir keine leichtere Behandlung erwarten, wenn unser Schuldopfer gebracht werden soll. Nicht dass ich glaube, dass Krankheit notwendig ist, doch wenn Gott sieht, dass es unserer geistlichen Entwicklung dient, dann darf uns das nicht befremden. Madame Guyon war ihr ganzes Leben lang krank, Catharina Booth und Finney waren auch sehr krank; und doch sind sie als gottesfürchtige Menschen bekannt, die vielen in geistlichen Fragen zurechthalfen. Ferner sagt Sirach, dass man den Arzt um seiner Kunst willen ehren soll; denn der Herr hat ihn geschaffen und er kann dir in einer entsprechenden Zeit nützlich sein. Den Herrn als seinen Arzt zu verwerfen und sich alleine an die Ärzte zu wenden, ist selbstverständlich ganz verkehrt; aber es ist auch verkehrt, Hals über Kopf die Ärzte zu verwerfen, da Gott ihnen Verstand für viele Dinge gegeben hat, auf die wir uns im Allgemeinen nicht verstehen. Es gibt Beispiele dafür, dass Leute, die die Ärzte in ihrem Herzen verachtet haben, in ihrer Krankheit keine Gebetserhörung bei Gott fanden, aber gesund wurden, als sie den Arzt aufsuchten. Gott hat zuallererst die innere Heilung vor Augen.
„Einem anderen Gnadengaben der Heilungen in demselben Geist.“ 1. Kor. 12, 9. Das bedeutet, dass es Menschen gibt, denen die Heilung naheliegt. Sie haben hierfür einen besonderen Glauben, und dieser Glaube liegt im Geist, daher kann es ihnen auch gelingen, dass durch sie Heilung kommt. Doch Glaube von Gott kann nicht gegen den Willen und die Weisheit Gottes ankämpfen. Keine Gnadengabe und kein Glaube vermag, einen Hiob zu heilen, ehe Gottes Stunde schlägt und die Krankheit das ausrichten konnte, was Gott sich vorgenommen hatte. Versucht man das, dann experimentiert man auf menschliche Weise. Es gibt Krankheiten als Strafe für Übertretungen und es gibt Krankheiten, die einem dazu helfen, sich von der Sünde fernzuhalten. Wenn derjenige, der die Gnadengabe hat zu heilen, in seiner Aufgabe reif sein will, sollte er genug Einsicht haben, um im jeweiligen Einzelfall mit Gott zusammenarbeiten zu können. Wenn man ergebnislos für einen Kranken betet, so hat dies gewiss seinen Grund darin, dass man eigenmächtig handelt – ohne in Verbindung mit dem allmächtigen Gott zu sein.
Oft wird gesagt: Jesus heilte alle, die zu ihm kamen. Man will damit zu verstehen geben: Daher sollen auch alle, die zu mir kommen, geheilt werden. Nun ist die Sache aber die, dass es ebenso sicher ist, dass nicht alle, die zu uns kommen, geheilt werden, ganz gleich, ob wir die Gnadengabe dazu haben oder nicht. Woher kommt nun dies? Eben daher, dass Jesus aufmerksam für die Stimme des Vaters war. Er tat nichts ohne den Willen seines Vaters; denn er bezeugte selbst, dass er nichts von sich aus tun konnte. Diese unerschütterliche Treue in den kleinsten Einzelheiten machte, dass ihm auf seinem Weg nur die Kranken begegneten, die der Vater heilen wollte. Da der Sohn alles tat, um den Vater zu ehren, tat auch der Vater alles, um den Sohn zu ehren. Jesus war in Nazareth, wenn er dort sein sollte, und in Jerusalem, wenn der Vater ihn dort haben wollte. So wurde er zu den Personen geführt, in denen Gott sein Werk tun wollte – entweder zur Erlösung oder zur Verstockung.
In alten Tagen zogen die Prediger los, ohne gesandt worden zu sein. Auch in diesem Punkt gibt es nichts Neues unter der Sonne. Ich hätte daher gern gewusst, ob sich nicht viele von den Missionaren in China und Indien auf dem Bauernhof ihres Vaters nützlicher gemacht hätten. Ihre Reiselust hinaus auf das Missionsfeld und gleich danach wieder heim und dann wieder hinaus zeugt deutlich davon. Wenn man nun für den Willen und die Leitung Gottes so wenig feinfühlig ist, dann kann man nicht erwarten, dass man im Hinblick auf die Heilung des Leibes in Verbindung mit der Erlösung der Seele mit Gott zusammenarbeiten kann. Denn diese Arbeit hat nichts mit Reiselust und Geldbetteleien zur Befriedigung dieser Lüste zu tun, obwohl Gott auf seine eigene Weise auch daraus Nutzen ziehen kann – ohne mit ihnen darin zusammenarbeiten zu können. Wenn das Leben von dieser Beschaffenheit und das Ohr so schwerfällig und träge zu hören ist, dann wird es auch mit der Heilung durch Gebet, wie es eben wird. Aber trotzdem wird der Kranke des Unglaubens bezichtigt, wenn er nicht sofort gesund wird. Dass man selbst untauglich sein könnte, kommt einem nicht einmal in den Sinn.
Etwas mehr von den Früchten des Geistes in Verbindung mit Gebet um Heilung würde dem Gebet mehr Gewicht und Kraft verleihen. Dies wiederum würde vorteilhaft auf den Kranken wirken. Denn das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist. Erst wenn der Mensch zur Ruhe in Gott kommt, versteht man, dass die Heilung des Leibes nicht das Erste ist. Deshalb heißt es: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes […] so wird euch das alles zufallen.“ Das Reich Gottes besteht nicht in Heilung des Leibes, sondern in Frieden und Freude im Heiligen Geist. Was ist also zu tun? Eben zuallererst danach trachten, dass der Mensch erlöst wird, dann wird die Heilung des Leibes zur Nummer zwei. Soll Heilung vorausgehen, dann muss es um der menschlichen Schwachheit willen sein; doch immer muss die Erlösung der Seele das Ziel des Ganzen sein. Unser Glaube, der die Welt überwunden hat, ist stark genug, um auch eine Krankheit nach dem Willen Gottes und zu unserem eigenen Nutzen zu tragen. Doch kannst du frei werden, so ergreife es viel lieber. Doch soll man sich von menschlichen Künsten fernhalten, wenn man um Heilung bittet; denn Gott ist Geist und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
