Die Starken sollen tragen
„Wir aber, die Starken, haben die Pflicht, die Gebrechen der Schwachen zu tragen und nicht Gefallen an uns selbst zu haben.“ Röm. 15, 1.
Wie oft wird doch gegen dieses Wort gesündigt. Der Starke setzt in der Regel seine Ehre darein, stark zu sein. Stell dir vor, wenn die Liebe so groß wäre, dass er mit seiner Stärke das Unvermögen der Schwachen tragen würde! Wer hat sich nicht hierin versündigt und dazu beigetragen, Seelen – für die Christus gestorben ist – an den Abgrund der Verzweiflung zu führen? Es ist so leicht, mit seiner Erkenntnis und Stärke eine Seele abzuweisen, sie in den Hintergrund zu stellen, um so selbst hervorgehoben zu werden. Dies ist nicht die Gesinnung Christi. Er löscht den glimmenden Docht nicht aus und er zerbricht nicht das geknickte Rohr. Mit Recht und Gerechtigkeit nimmt er sich des Geringen und des geistlich Armen an. Man braucht einiges vom Geist der Weisheit, des Rates und der Stärke, sowie vom Geist des Verstandes, um mit seiner Stärke die Schwachen tragen zu können. Alles echte Christentum führt zu dem Ziel hin, Bürden tragen zu können. Das heißt, zum Pfeiler im Tempel Gottes gemacht zu werden. Unsere Stärke wird nicht daran gemessen werden, wie viele Menschen wir von uns wegjagen können, sondern daran, wie viele wir imstande sind zu tragen. Nicht nur die Guten, sondern auch die Verkehrten. Denn den Guten zu dienen ist leicht, schwieriger ist es dagegen, den Verkehrten zu dienen. Doch auch diese muss man bedienen können, wenn man aller Diener sein will. Der Größte ist der, der alle bedienen kann. Sollen wir aneinander teilhaben, müssen wir uns voneinander bedienen lassen und anderen dienen. Schwachheiten zu tragen heißt, gnädig und barmherzig zu sein. Die Schwachheiten werden durch diese Gnade nach und nach verschwinden, und die Seele wird stark und kommt mit der Zeit dahin, dass sie das Unvermögen anderer tragen kann. Setze dich deshalb nicht als Richter über die Schwachheiten deines Bruders, sondern trage diese vor den Richter. Das bedeutet zu tragen und zu ertragen und geduldig zu sein.
„Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß.“ Röm. 15, 5.
