Gesammelte Schriften Band 4 • 1924 - 1931

Skjulte Skatter 1927-08 - Seele und Geist

Gesammelte Schriften Band 4 • 1924 - 1931

Seele und Geist

Ausgearbeitet auf Grundlage eines Buches von Jessie Penn-Lewis

Die Wirkungen des Kreuzes auf seelische Verbundenheit

„Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben (Psyche) findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben (Psyche, Seelenleben) verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ Mt. 10, 38-39.

Diese Worte verwendete Jesus bei einer Gelegenheit, als er die zwölf in seinem Namen aussandte. Er sagt zu ihnen, „dass die Feinde eines Menschen seine eigenen Hausgenossen sein werden“, und zeigt dadurch, dass der erste Schritt in seiner Nachfolge auf dem Weg des Kreuzes ein „Schwert“ in ihrem Familienleben bedeuten wird, weil Verbundenheit mit Christus nicht gleichbedeutend mit Verbundenheit mit der Familie ist. „Das Schwert“, das zwischen dem Seelischen und dem Geistlichen trennt, wird zwischen dem erkannten Willen Gottes und dem Willen der Lieben in der Familie wirken. Dann gilt es für den Gläubigen, sein Kreuz auf sich zu nehmen, den Willen Gottes zu tun, gekreuzigt zu werden und dem Herrn zu folgen, obwohl das „Uneinigkeit“ mit Vater oder Mutter oder den „eigenen Hausgenossen“ verursacht.

Es war bei Christus selbst so. Er, der sagte: „Ehre Vater und Mutter“, sagt auch: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ Wenn man das Kreuz auf diese Weise nimmt und wählt, Christus zu gehorchen, und dies dem vorzieht, familiäre Verbundenheit zu genießen, dann bedeutet das für die natürlichen Gefühle solche Leiden, dass die seelische Verbundenheit in Wahrheit verschwindet, und die gereinigte Menschen- „Seele“ wird bezüglich der Verbundenheit für die Liebe Gottes im Geist offen sein. Hierdurch wird der Gläubige seine liebe Familie nicht länger um seiner selbst willen lieben, sondern für Gott – und in – und durch Gott.

Das niedrigere Leben wird mit einem höheren ausgetauscht. „Die Seele“ als Persönlichkeit ist dieselbe, aber sie ist nun vom Geist durch den Geist Christi vom zweiten Adam geleitet und nicht nur durch das tierische Seelenleben des ersten Adams. s. 1. Kor. 15, 45-48.

Im Lukasevangelium wird die durchdringende Kraft des Schwertes in Verbindung mit der Verbundenheit der Seele noch klarer dargelegt; denn der Herr gebraucht das Wort „hassen“ und sagt: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.“ Lk. 14, 26. Hier wird wieder das „Leben“ (Psyche) erwähnt, das tierische Seelenleben. Matthäus wählt die Worte: „mehr liebt als mich“, aber Lukas gebraucht einen Ausdruck, der die Stellung beschreibt, die der wirklich gottesfürchtige Nachfolger Christi gegenüber dem seelischen Tierleben mit all seinen durchdringenden Verbindungen einnimmt, eine Stellung, die notwendigerweise eingenommen werden muss, um Reinheit zu erwerben. Wer so im Glauben lebt, muss sein eigenes Leben (Psyche) „hassen“ in dessen Verbindungen zu Familie und Verwandtschaft, damit er seine „Seele“ in dieser Hinsicht für den Geist abgesondert bekommen kann, sodass er sein seelisches Leben „hassen“ und „verlieren“ und das höhere und reinere Leben in Christus finden kann. Dieses Leben durchdringt die feinen Verwandtschaftsbande, die von Gott selbst verordnet und auch geehrt sind. Denn auch sein eigener Sohn wurde als Mensch in ein Verwandtschaftsverhältnis zu den Menschen in dieser Welt gesetzt.

Das Kreuz und seelische Eigeninteressen

„Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben (Seele) erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben (Seele) verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ Mt. 16, 24-26.

Später bei einer ähnlichen Begebenheit, als es den Erlöser selbst betraf, sagt Petrus: „Schone dich selbst!“ Aber der Herr ließ ihn wissen, dass, wenn jemand ihm folgen wollte, das heißen würde: „Verleugne dich selbst“. Hier ist das tierische Seelenleben in dem einen Wort „selbst“ aufsummiert, wenn es sich in irgendeiner Form von „Eigeninteresse“, „sich selbst schonen“, „sich gegen die Leiden sträuben“ usw. zeigt – kurz gesagt: alles, was dazu beitragen kann, lieber „sein Leben zu erhalten“, als geradewegs in göttlicher Kraft vorwärtszugehen, sodass die Seele ausgeschüttet werden kann.

Dass man sich um Christi willen für den „Weg des Kreuzes“ entscheidet, bedeutet nichts weniger als einzuwilligen, dass man sein tierisches Seelenleben verliert, um das göttliche Leben Christi zu finden.

In Lk. 9, 23 heißt es „nehme sein Kreuz auf sich täglich“, was zeigt, dass das Kreuz in Verbindung mit dem Ausschütten des Seelenlebens täglich notwendig ist. Dies muss jedoch scharf von dem Kreuz getrennt werden, das in Röm. 6 und anderen Stellen genannt wird, wo Tod über den alten Menschen als eine reale Tatsache aufgefasst werden muss, die für den Gläubigen wahr wird, wenn er sich „der Sünde gestorben“ und „lebendig für Gott“ in Christus Jesus hält.

Das Kreuz und die Gier der Seele nach irdischen Dingen

„Gedenkt an Lots Frau! Wer sein Leben (Seele) zu retten sucht, der wird es verlieren, und wer es (Seele) verliert, der wird es erhalten.“ Lk. 17, 32-33.

Hier finden wir wieder dieselben starken Worte, die Jesus in Verbindung mit dem Eigeninteresse und dem natürlichen Instinkt von Selbstschutz und Gier des Ichs nach irdischem Besitz wiederholt. „Gedenkt an Lots Frau“, sagt der Herr, wenn er die natürliche Tendenz des tierischen Seelenlebens aufzeigt, in der Stunde der Gefahr wegen Gütern umzukehren und „Güter zu retten“, anstatt sie fahren zu lassen.

Das Gesetz, um mit dem höheren geistlichen Leben vereinigt zu werden, ist: „verlieren“, um „vereinigt“ zu werden. Das seelische Leben sucht irdische Schätze, aber auf diese muss man verzichten. Und die Teilung zwischen „Seele und Geist“ in dieser Verbindung wird stattfinden, wenn man den Wert der ewigen Schätze erkennt und sich danach einrichtet. Von manchen steht geschrieben, dass sie in einer harten Trübsalszeit „den Raub ihrer Güter mit Freuden hinnahmen“. Hebr. 10, 34.

Diese Einstellung zu „irdischem Besitz“ offenbart meistens eine größere Gnade Gottes, als wenn man das Leben selbst opfert.

Hat man erst die himmlische Gabe zu schmecken bekommen und entscheidet sich für die Dinge, die von droben sind, dann wird irdischer Besitz seinen Wert verlieren und man kann leicht auf ihn verzichten.

Das übertriebene Interesse von Kindern Gottes an „Häusern“ und „Gütern“ macht, dass man Gottes Reich versäumt. Man nimmt offensichtlich eine seelische Stellung ein, die nichts mit dem Leben des Geistes zu tun hat. Dieses Festhängen an irdischen Dingen oder die Gier danach muss unser himmlischer Hohepriester abschneiden, sodass eine „Trennung zwischen Seele und Geist“ entstehen kann. Man wird auf diese Weise durch Christi Blut von irdischen Dingen gelöst und an die himmlischen gebunden. Hierdurch gehen diese Worte in Erfüllung: Denn du bist gestorben und dein Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Kol. 3, 1-4.

Das Kreuz und seelische Liebe zum eigenen Ich

„Wer sein Leben (Seele) liebt, der wird es verlieren; wer aber sein Leben (Psyche, Seelenleben) in dieser Welt hasst, wird es zum ewigen Leben bewahren.“ Joh. 12, 25.

Hier sehen wir sehr deutlich den Unterschied zwischen dem tierischen Seelenleben und dem höheren Leben im Geist – offenbart in der und durch die Persönlichkeit der Seele. Das tierische Seelenleben ist hier zusammengefasst in dem Wort „Eigenliebe“, – wer „seine Seele liebt“, – was ganz einfach „sich selbst“ bedeutet. Wir haben gesehen, dass das seelische Leben die Verbundenheit mit der Familie durchdringt und in „Barmherzigkeit mit sich selbst“, „Beschützen des eigenen Ichs“, „Gier des Ichs nach irdischen Dingen“ offenbart wird. Kurz gesagt: Man kann es zusammenfassen in „meine Familie“, „meine Güter“, „ich selbst“ – mit „Selbstliebe“ in dem Ganzen und durch das Ganze.

All dies bedeutet Verlust – ewigen Verlust, sagt der Meister, weil es alles zusammen aus einem Leben im ersten Adam hervorkommt, in der Persönlichkeit der Seele offenbart wird und ein Hindernis ist, dass „die Seele“ vom geistlichen Leben beherrscht werden kann, sodass das reine göttliche Leben vom zweiten Adam – dem Herrn des Himmels – zur Entfaltung kommen kann.

Ist es Sünde, das zu behalten? Ja, wenn das Licht kommt und wir die Wahrheit sehen. In einer tieferen Bedeutung ist es Sünde, wenn auch unbekannte Sünde. Denn alles Leben im ersten Adam, dem natürlichen Menschen, ist durch und durch von der Sünde vergiftet worden. Und sogar in denen, die „der Sünde gestorben ergriffen haben, wie in Röm. 6 beschrieben, und die selbstverständlich damit aufgehört haben, in offenbaren „Werken des Fleisches“ „nach dem Fleisch zu wandeln“, durchdringt dieses Gift die Neigungen und kommt in „Liebe zum eigenen Ich“, in „Barmherzigkeit mit sich selbst“, in „Gier nach Dingen für sich selbst“ und in anderen Formen der „Egozentrik“ zum Vorschein. Dies muss Sünde genannt werden, obgleich es sich in einem weniger sichtbaren Maß durch Verstand, Gefühle und Neigungen vorarbeitet.

Der Weg zur Freiheit

Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. 2. Kor. 5, 14-15.

Die Arbeit, Seele und Geist zu scheiden, wird vom Herrn selbst dadurch ausgeführt, dass sein Geist durch das Wort richtet, das als ein lebendiges, scharfes Schwert durch das innerste und verborgenste Dasein des Menschen dringt.

Aber der Mensch seinerseits hat auch etwas zu tun. Gottes Geist kann sein Werk nicht ohne Zustimmung und Mitarbeit des Gläubigen ausführen. Kurz gesagt sind die Bedingungen für die Zusammenarbeit vonseiten des Menschen folgende:

  • 1. Der Gläubige muss die Notwendigkeit sehen, zwischen Seele und Geist zu scheiden, und wenn das Opfer auf den Altar gelegt ist, ganz einverstanden zu sein, dass das Werk ausgeführt wird.
  • 2. Der Wille des Gläubigen muss immer auf Gottes Seite sein, wenn er unter den verschiedenen Lebensumständen diese „Scheidung“ vornimmt.
  • 3. Der Grund für das Kreuz muss immer im Licht von Röm. 6, 1-14 gesehen werden. Weil der Gläubige sich selbst für „wirklich der Sünde gestorben“ hält (Röm. 6, 11) und in der Praxis „die Sünde nicht herrschen lässt“ in seinem sterblichen Leib, und dadurch das Fleisch mit seinen Lüsten gekreuzigt hält (Gal. 5, 25), muss er sich nun in einem viel feineren Maß dem tierischen Seelenleben für gestorben halten, das all das umfasst, was man in das Verständnis von „Selbst“ oder „Eigennutz“ einschließen kann.
  • 4. Wenn der Gläubige diese Bedingungen erfüllt, muss er in seinem praktischen Leben sein Licht leuchten lassen, reine Absichten und Glauben haben, sodass er all dem gegenüber treu ist, was ihm in Gottes Heiligem Geist gezeigt wird, indem er die allezeit wohlüberlegte Aufdringlichkeit des bösen, seelischen Lebens abweist und wählt, sich selbst für das höhere Leben in Jesu Christi Geist zu öffnen.
  • 5. Der Gläubige muss in allen Dingen „nach dem Geist wandeln“. Um unterscheiden zu können, was Geist ist und was Seele ist, muss er dem einen folgen und das andere abweisen. Um das Gesetz des Geistes zu verstehen, muss er darin wandeln, sodass er in Wahrheit ein „geistlicher Mann“ werden kann.
  • Wenn der Gläubige alle diese Bedingungen erfüllt, wird er finden, dass er in Wahrheit eine „neue Kreatur“ wird. Denn das Kreuz als ein Schwert des Geistes ist von dem himmlischen Hohepriester mit solcher Weisheit und Kraft geführt worden, dass es zwischen Seele und Geist geschieden hat. Es hat das tierische Seelenleben bis auf Mark und Bein verfolgt, bis auf die zurückgezogenste Quelle im aktiven Leben der Seele und bis zum Mark seiner Neigungen. Ja, es hat sogar das seelische Leben in Sinn und Gefühle geschieden, sodass man erkennen kann, was von der Seele kommt und was vom Geist kommt. Nun kann der Gläubige im Geist freudiger und leichter in Einklang mit dem geschriebenen Wort wandeln und im Vertrauen auf Gott das „tägliche Kreuz“ aufnehmen, das sich auf seinem Weg befindet. Ergriffen von einem immer größeren Licht über die Wirklichkeit, mit Jesus am Kreuz gestorben zu sein, wird der Geist des Menschen stets mehr und mehr von der Seele geschieden und im Wesen mit dem auferstandenen Herrn, dem zweiten Adam, der ein lebendig machender Geist ist, vereint, sodass wir „ein Geist“ mit ihm werden. Und der Geist des Menschen wird auf diese Weise ein Kanal werden, durch den Christi Geist zu der bedürftigen Welt ausströmen kann.

    Der geistliche (pneumatikos) Christ

    „Der geistliche (pneumatikos) Mensch aber beurteilt alles.“ 1. Kor. 2, 15. „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist (Pneuma) samt Seele (Psyche) und Leib (Soma) unversehrt, untadelig …“ 1. Thess. 5, 23.

    Hier sehen wir wieder die dreigeteilte Natur des Menschen. Es ist merkwürdig, wie diese Ordnung, wie sie im Brief an die Thessalonicher erwähnt wird, oft vom Volk Gottes in einer entgegengesetzten Reihenfolge verwendet wird, wenn sie darum beten, an Leib, Seele und Geist geheiligt zu werden. Dies ist der Beweis dafür, dass der Gläubige die Stellung der gefallenen Schöpfung ganz unbewusst missversteht, bis er von Gottes Geist erleuchtet wird, der den Geist des Menschen auf den Platz führt, wo er sowohl Gedanken als auch andere Aktivitäten des Menschen kontrollieren kann.

    Der Apostel beschreibt in seinem Gebet für die Thessalonicher ein fundiertes Bild eines „geistlichen“ Gläubigen. Denn er konnte nicht anders für diejenigen beten, die er für Christus gewonnen hatte, als dass sie durch und durch geheiligt werden mögen – ebenso wie er den Kolossern schreibt, dass er arbeitete, um jeden Menschen vollkommen und erwachsen in Christus darzustellen. Die Worte, die er gebraucht, bedeuten: „Zur vollkommenen Reife gelangen“. Ich bete zu Gott, sagt er, dass euer Geist samt Seele und Leib „unversehrt“ oder „vollkommen“ bewahrt werden möge. Geheiligt durch und durch bedeutet kurz gesagt:

  • 1. Im Hinblick auf den Geist: Der dreieinige Gott, der ein Geist ist, nimmt Wohnung im Geist des Menschen, der aufgrund des Werks von Gottes Sohn wiedergeboren und durch den Heiligen Geist lebendig gemacht wird.
  • 2. Im Hinblick auf die Seele: Der dreieinige Gott hat im Geist des Menschen Wohnung genommen, der sich im Gefäß der Seele oder in der Persönlichkeit des Menschen mit seinem Willen in vollem Einklang mit dem Willen Gottes offenbart. Der Verstand wurde erneuert und durch den Heiligen Geist erleuchtet. Die Gefühle sind unter die volle Kontrolle und Behandlung des Menschen gekommen, der wiederum unter der Leitung des Geistes ist.
  • 3. Im Hinblick auf den Leib: Der dreieinige Gott wohnt im Geist und offenbart sich durch Zugang zur Seele, sodass er dadurch den Leib unter voller Kontrolle hält, 1. Kor. 9, 27, sodass jedes Glied schnell gehorcht, wenn es gilt, sich als „Waffe der Gerechtigkeit“ hinzugeben, Röm. 6, 13. Dies macht, dass das Äußerste des Menschen (der Leib) in Wahrheit durch den Heiligen Geist geheiligt wird.
  • Dies ist der „geistlich“ Gläubige, der zur „vollkommenen Reife“ herangewachsen ist, und der an Geist, Seele und Leib geheiligt worden ist, und es daher nötig hat, bewahrt zu bleiben ganz und unsträflich – nicht fehlerfrei – mit dem Gott des Friedens in der zentralen Tiefe seines Daseins wohnend.