Gesammelte Schriften Band 3 • 1918 - 1923

Skjulte Skatter 1918-03 - Gebt dem Arbeiter seinen Lohn!

Gesammelte Schriften Band 3 • 1918 - 1923

Gebt dem Arbeiter seinen Lohn!

„Und nun, ihr Reichen: Weint und heult über das Elend, das über euch kommen wird!“

„Siehe, der Lohn der Arbeiter, die euer Land abgeerntet haben, den ihr ihnen vorenthalten habt, der schreit, und das Rufen der Schnitter ist gekommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth.“ Jak. 5, 1 und 4.

Nun hat die Welt Geld und Nahrungsmittel genug, um Millionen von Soldaten und Pferden jahrelang auf dem Schlachtfeld zu versorgen; aber vor dem Krieg war es so knapp, dass fleißige, ordentliche Arbeitnehmer massenweise mit ansehen mussten, wie ihre Kinder aufgrund von Unterernährung dahinsiechten.

Reiche Leute, Staat und Kommunen zahlten ihren Arbeitern so wenig Lohn, dass viele ordentliche Eltern jedes Geldstück mehrmals umdrehen mussten, bevor sie wagten, es auszugeben. Und wenn das gewöhnliche Tagwerk getan war und sie Ruhe nötig gehabt hätten, mussten sie sich nach anderen Arbeiten umsehen, um nicht vor Hunger und Sorgen zugrunde zu gehen.

Aber jetzt ist das Geld ja aufgetaucht. Der Kriegsgott verlangt Milliardenbeträge, und das Volk opfert. Der Lohn, der den Arbeitern in Friedenszeiten vorenthalten worden ist, kommt plötzlich ans Tageslicht. Schmuckstücke aller Art werden auf den Altar gelegt. Diese weltweite Katastrophe wäre uns sicher erspart geblieben, wenn die Herren dieser Welt nicht den Arbeitern ihren Lohn vorenthalten hätten. Es gibt genug Reichtum in der Welt, es gibt genug Korn und Most, es gibt massenhaft Kleidung, wenn jeder bekommt, was seine Arbeit wirklich wert ist. Aber Eitelkeit, Habsucht, Geiz, Völlerei und Schwelgerei verblenden die Menschen dermaßen, dass sie dem Armen und seinen Kindern die Nahrung aus dem Mund stehlen, damit ihre eigenen Goldringe dicker, ihre Kleider feiner und moderner, ihre Zigarren echter und ihre Plätze im Theater und im Varieté prestigeträchtiger werden. Aber jetzt sind die Tage der Rache gekommen, und diese kommen in viel größerem Ausmaß. „Euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird gegen euch Zeugnis geben und wird euer Fleisch fressen wie Feuer. Ihr habt euch Schätze gesammelt in diesen letzten Tagen! Ihr habt geschlemmt auf Erden und geprasst und eure Herzen gemästet am Schlachttag. Ihr habt den Gerechten verurteilt und getötet, und er hat euch nicht widerstanden.“ Jak. 5.

Die Lebensmittelrationierung wird den Armen sicherlich nicht ängstigen; denn in Friedenszeiten hat er wohl kaum so große Rationen bekommen – in den Tagen, als die reichen Leute ihre Herzen am Schlachttag mästeten. Sie wussten wohl, die besten Fleischstücke zu finden; und sie wussten, was sie ihren Arbeitern geben sollten. Aber jetzt kommt bald die Zeit, dass sie weinen und heulen. Die Schlachttage werden weniger, die Arbeiter fordern mehr für ihre Tätigkeit, Kriegssteuern und andere Steuern sitzen nun wie Rost am Gold und fressen es vor ihren Augen weg. Zerreißt nun eure Kleider und erhebt ein Klagegeschrei!

Abels Blut rief von der Erde nach Rache; nun schreit der Lohn der Arbeiter, der Lohn, den sie in Friedenszeiten hätten bekommen sollen, als sie eure Felder abernteten. Die vielen Seufzer von bekümmerten Müttern und erschöpften und ungerecht behandelten Vätern sind zu den Ohren des Herrn Zebaoth emporgestiegen.

Ihre Gebete und das Geschrei ihrer Kinder ist vom Gott allen Fleisches gehört worden; und nun hat er sich aufgemacht, um zu vergelten.

Kann man sich darüber wundern, dass die Massen unter jahrhundertelangem Druck und Unterjochung murren? Jetzt kommen sie wie wilde Horden aus der Erde hervor und fordern ihr Recht. Sie fordern Rache für die Misshandlung ihrer Väter. Sie haben ihre Mütter vor Verzweiflung weinen sehen in deren Kampf, den Ihren das Allernötigste zu beschaffen. Sie saßen in ihren Kinderjahren als stumme Zeugen da und sahen, wie die Reichen und deren Kinder im Überfluss schwelgten. Kann man sich darüber wundern, dass in ihrem Inneren ein Hass über eine so ungerechte Behandlung erweckt wird? Noch in der heutigen Zeit herrscht die Ungerechtigkeit in so einem Maß, dass man sich schämen sollte. Gehe an Bord irgendeines beliebigen Dampfers und du wirst sehen, dass nahezu das ganze Schiff auf die Leute zugeschnitten ist, die am leichtesten bezahlen können. Vorne hat man ein paar Löcher zwischen Tonnen und Mehlsäcken freigelassen für die Leute, die weniger bezahlen können. Manches ist in der letzten Zeit verbessert worden, aber bei weitem nicht so, wie es getan werden sollte.

Es ist den Leuten in Fleisch und Blut übergegangen, dass überall ein schreiender Unterschied sein soll zwischen denen, die Geld haben, und denen, die wenig oder gar nichts haben. Diese Ungerechtigkeit wird als Gerechtigkeit angesehen; und eine Folge hiervon ist, dass jedermann von Geldgier ergriffen wird; denn Geld verschafft einem Ehre, Rang und Würde, selbst wenn man inwendig hohl und leer ist wie eine alte verfaulte Eiche.

Unter solchen Umständen liegt es dem natürlichen Menschen sehr nahe, sich selbst Recht zu verschaffen und zu meinen, dass dies sein gutes Recht sei. Doch die Schrift sagt etwas anderes:

So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn.“ Jak. 5, 7.

Die Rache ist des Herrn, und sie kommt. Wir sollen geduldig sein und nicht mit denen Gemeinschaft haben, die die Dinge umkehren wollen, um sich in eigener Kraft Recht zu verschaffen.

Wenn der Herr uns Recht verschafft, dann tut er dies viel gründlicher, als wir es selbst tun würden. Deshalb stellte auch unser geliebter Herr Jesus Christus alles Gericht über seine Feinde dem anheim, der gerecht richtet.

(Der obenstehende Artikel wurde am 22. 2. 1918 auch in der Hortener Zeitung veröffentlicht. Anm. der Red.)