Hirten!
„Weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.“ Hes. 34, 2-3.
Die schlafen, die schlafen des Nachts. Aber wir sind Kinder des Tages und sollten als solche wissen, wie ein Hirte sein soll – wie er in der Liebe und Langmut Christi die Herde weiden soll, in der ihn der Herr als Hüter eingesetzt hat. In den alten Tagen Israels war an den Hirten einiges zu tadeln. Sie weideten sich selbst und ließen die Schafe im Stich. Sie sahen auf ihren eigenen Vorteil und ließen die Schafe Mangel leiden. Sie bedrückten die, die sie hätten hüten und denen sie hätten Speise geben sollen, über die ihnen die Aufsicht anvertraut worden war – und nutzten sie bis zum letzten Scherflein aus. Daher wurden die Schafe auf den Bergen zerstreut und hatten keine Hirten.
Es ist eine Verantwortung, wenn einem Seelen anvertraut worden sind – Seelen, die mit Einsicht und Verstand geweidet werden sollen, damit sie göttlicher Natur teilhaftig werden. Es ist große Liebe im Geist nötig, um die Lämmer großziehen und die Schafe weiden zu können.
Unsere Zeit hat auch ihre Hirten. Aber damit meine ich keineswegs Hirten, die vom Staat angestellt sind und nach den größten Gehältern Ausschau halten. Sondern es gibt Hirten, die aus dem Volk herangewachsen sind, Hirten, von denen man etwas erwarten können sollte, Hirten, zu denen die Massen Vertrauen haben. Wenn solche in ihrem Dienst versagen, wird es schlimmer. Wenn Hirten, die vom Geist Gottes erfüllt und zu großem Segen gewesen sind, sich abwenden und von Bewunderung ihrer eigenen Würde und Persönlichkeit benommen werden, dann sieht es in Wahrheit schlecht aus. Wenn diese Hirten die Schafe mit dem füttern, wovon sie selbst Tag für Tag leben – wie sie reisen, wer sie zum Schiff begleitet und wer sie am Reiseziel empfängt, wo sie schlafen, essen und predigen - dann sieht es hoffnungslos aus. Arme Schafe! Manche im Norden des Landes, in Amerika oder anderswo in der Welt sollen von dem leben, was ihr Hirte von Tag zu Tag in dem einen oder anderen Saal erlebt.
Der Apostel Paulus fragt: Wer ist Paulus und wer ist Kephas? Wir aber können versucht werden, zu fragen: Für was halten sich die Hirten der heutigen Zeit, wenn sie so viel über ihre eigene Person zu erzählen haben? Und wer sind diese unwissenden Schafe, die so in blinde Bewunderung eines Menschenkindes verfallen sind, das viel von sich selbst zu erzählen hat?
Es könnte Hoffnung geben, wenn die Hirten ihre Augen so weit aufbekämen, dass sie lernen könnten, ihre Werke zu hassen und davon abzulassen. Aber nun verkündigen manche, dass sie niemals Dinge tun, die hassenswert sind. Ganz im Gegenteil seien sowohl ihr Leben als auch ihre Werke liebenswürdig und rein. Dinge, die sie hassen, richten und lassen müssen, existieren nicht. Es wäre gefährlich, auf solche Gedanken zu kommen; sondern alles, was sie tun, sei wohlgetan – ihre Pläne darüber, was sie tun wollen und was sie vielleicht noch tun werden, sei alles nach dem Ratschluss Gottes! Niemals haben sie sich geirrt; denn sie sind selbst immer die Größten, und wer wagt es, Kritik zu üben? Der Neubekehrte, der soeben das meiste von seiner Eitelkeit abgelegt hat, kann den Hirten bei Abwesenheit gut vertreten. Wenn nur der Neubekehrte eine angesehene Person ist, dann ist alles zusammen ehrenwert. Wenn man nur gut auftreten kann, gebildet ist, gestikulieren und die Leute mitreißen kann, dann macht es nichts aus, wenn das Ganze nur ein Schauspiel ist und bleibt.
Diesen Wahnsinn zu hassen, würde als eine gefährliche Lehre betrachtet werden, denn wenn man Gottes Geist bekommen hat, darf keine Selbsterkenntnis, keine Demütigung und keine Reue mehr stattfinden; denn dies würde ja Knechtschaft und Abfallen bedeuten!
Wie ergeht es aber den Schafen unter der Leitung der Hirten unserer Zeit? Werden sie von Kraft zu Kraft, von Sieg zu Sieg geführt? Wachsen sie heran zur Mannesreife in Christus? Nimmt ihre Erkenntnis Gottes von Tag zu Tag zu? Befleißigen sie sich einer täglichen Reinigung? Werden sie unterwiesen und gelehrt, dass sie täglich ihr Kreuz aufnehmen und tragen sollen? Ist der Hirte darum bemüht, dass die Schafe Speise bekommen und niemand die kleinsten Lämmer behelligt? Kennt er sie mit Namen und versteht er, die Lämmer zu versorgen, hütet er die Schafe und die Lämmer? Geht er selbst voraus und sagt: Seid meine Nachfolger, gleichwie ich Christi?
Oder nährt er sich selbst, redet von sich selbst, rühmt den, der ihn bedient, der ihn ehrt und der ihn erhebt?
Man kann mit Recht fragen: „Aber wer hat im Rat des Herrn gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?“ Jer. 23, 18.
