Gesammelte Schriften Band 2 • 1912 - 1917

Skjulte Skatter 1912-01 - Freimachung

Gesammelte Schriften Band 2 • 1912 - 1917

Freimachung

Wenn von Freimachung die Rede ist, muss es notwendigerweise auch etwas geben, das bindet. Die Fesseln der Sünde sind grausam, sie binden den Sünder und zwingen ihn dazu, das, was er tut, immer wieder zu tun. So lange man auf diese Weise gebunden ist, wirkt der Fluch des Gesetzes auf Herz und Sinn, denn verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt, dass er danach tue. Nichts kann den Sinn mehr bedrücken und einschüchtern als dieser Fluch, und könnten irdische Güter das Gewissen befreien und reinigen, würden wohl viele dafür ihren ganzen Besitz opfern, um frei zu werden. Aber hier ist doch mehr erforderlich.

Gott hat uns in seiner großen Weisheit einen Befreier geschenkt, Christus, der uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft hat, da er zum Fluch für uns wurde. Gal. 3, 13. Jesus musste herabkommen, um uns zur Hilfe zu kommen. „Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er’s gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel.“ Hebr. 2, 14.

Jesus musste uns gleich werden, er musste in unseren Zustand hinabgehen, von einer Frau geboren werden und alle Verhältnisse eines Menschen durchmachen. Und als solcher wurde er geplagt, obwohl er elend war, er drohte nicht, als er litt. Er redete die Wahrheit und fürchtete sich nicht vor denen, die den Leib töten konnten; denn sein Leib war allezeit als ein lebendiges und Gott wohlgefälliges Opfer hingegeben und seine Worte waren wie Stacheln, weswegen auch die damalige religiöse Welt ausrief: „Hinweg mit diesem und gib uns Barabbas los!“ Jesus wurde verhöhnt, verspottet und angespuckt; danach wurde er ans Holz gehängt und mit einem Räuber zu beiden Seiten zu den Übeltätern gerechnet.

Er, in dessen Mund kein Falsch gefunden wurde, musste nun leiden; aber gerade hierin liegt auch unsere Erlösung. Gottes reines Lamm wurde zu den Übeltätern gerechnet, um den Übeltätern zu Hilfe kommen zu können. Der Teufel trieb seine Knechte dazu, sich am Heiligen Gottes zu vergreifen. Doch damit ging er selbst in die Falle und wurde im Tod des Gerechten besiegt. Wäre Jesus ein Gesetzesübertreter gewesen, wäre der Teufel ganz im Recht gewesen. Christus aber war gerecht und derjenige, der den Tod des Gerechten verursachte (also der Teufel), musste sich selbst des Todes schuldig machen, und genau dies hat er getan.

Durch seinen Tod nahm Jesus dem die Macht, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel. Dadurch, dass Jesus als Übeltäter litt, obwohl er gerecht war, kann er nun Übeltätern vergeben und Gottlose gerecht machen. Denn nur derjenige, dem Unrecht getan wurde, hat die Macht zu vergeben. Und weil Christus bis in den Tod hinein Unrecht getan wurde, kann er nun bis in den Tod vergeben und erlösen; und auf diese Weise nimmt er dem die Macht, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel.

Wenn sich nun der gebundene Sünder mit Christus in seinem Tod vereint, dann muss der Teufel ihn loslassen. Hier vermag der Teufel mit allen seinen Kräften und Banden nichts. Am Kreuz siegte Christus über die Mächte und Gewalten und stellte sie öffentlich zur Schau. Wenn wir daher bis zu Christus am Kreuz vordringen, kommen wir zu dem, der in Wahrheit triumphiert hat, und zu dem Ort, an dem alle Feinde überwunden sind.

Das Geheimnis, Kraft zu bekommen, liegt also in Christus und mit Christus am Kreuz. Wenn die Begierden gekreuzigt sind, kann der Teufel nichts ausrichten und genau das ist Kraft. Darum können Kreuz und Kraft nicht voneinander getrennt werden. Es gibt viele, die versucht haben, das Kreuz los zu werden und nur die Kraft zu genießen, aber sie sind früher oder später dem Betrug des Teufels verfallen.

Am Kreuz wurde uns die wahre Freiheit geschenkt, da muss der Fluch des Gesetzes seine Beute loslassen und das Gewissen ist rein. Doch genau von dem Augenblick an, in dem uns der Fluch des Gesetzes loslässt, müssen wir uns nach Christi Gesetz richten, das uns zu Kreuz und Selbstkontrolle führt. Denn die Freiheit in Christus macht uns nicht gesetzlos.

Es fühlt sich gut an, vom Fluch des Gesetzes befreit zu werden. Man fühlt sich wie ein Vogel frei von allem und allen. Gott möchte, dass wir in dieser Freiheit all unsere Gottesfurcht ausüben; er liebt Seelen, die ihm aus freien Stücken und mit einem willigen Herzen dienen. In dieser Freiheit sollen wir unser Kreuz tragen, wissend, dass alle Dinge denen zum Besten dienen, die Gott lieben und fürchten. Obwohl wir von allen frei sind, können wir uns in dieser Freiheit allen zum Knecht machen. Die Freiheit macht uns sehr beweglich und behände, sie gibt uns Verstand und Kraft zur Selbstkontrolle und Verleugnung. Ist die Freiheit mit Weisheit und Verstand verbunden, wird ihr Besitzer durch Gottesfurcht unüberwindlich sein. Und was mehr braucht ein Mensch, der in das vergängliche Fleisch Adams gekleidet ist?

Der Kampf gegen das Geisterheer der Bosheit im Himmel und gegen die Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Zeit regieren, hat unter diesen Umständen gute Aussichten, zu unserem Vorteil auszufallen.

In all unserer Freiheit haben wir etwas von Paulus in seiner Freiheit zu lernen. Das, was ihm Gewinn gewesen war, achtete er für Schaden, da die Erkenntnis Christi Jesu, seines Herrn, ihm so viel mehr wert war. Phil. 3, 7-8. Und in all dieser Freiheit achtete er alles für Schaden, um ihn zu erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, um seinem Tode gleichgestaltet zu werden.

Es gibt nicht gerade viele, die mitten in ihrer Freiheit die Gemeinschaft der Leiden Christi wählen, die wählen, Jesus zu folgen, wie er vom Heiligen Geist getrieben sein Angesicht gegen Jerusalem wandte, und die wählen, mit ihm gekreuzigt zu werden und zu sterben.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die meisten gerne bei der Hochzeit zu Kana mit Jesus zusammen wären und an der Herrlichkeit auf Tabor teilhätten. Jedoch möchte er so gerne, dass du mit ihm in Gethsemane wachst und in Liebe zu ihm auch die Leiden mit ihm teilst. Und tun wir das, werden wir eines Tages auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.