Gesammelte Schriften Band 2 • 1912 - 1917

Skjulte Skatter 1913-02 - Das Gesetz

Gesammelte Schriften Band 2 • 1912 - 1917

Das Gesetz

„Das Gesetz ist geistlich; ich aber bin fleischlich.“ Röm. 7, 14. Es ist eine allgemein verbreitete Meinung, dass das Gesetz etwas Böses sei, von dem man so schnell wie möglich freigemacht werden sollte. Die Schrift sagt jedoch, dass das Gesetz heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut ist. V. 12. Wenn man sich nun wünscht, dass man von dem freigemacht wird, was heilig, gerecht und gut ist, dann zeigt dies, dass man Unheiligkeit und Ungerechtigkeit mehr liebt als das heilige und gerechte Gesetz, das über ein solches Leben und einen solchen Lebenswandel Gericht bringt. Doch die Ungerechten und Gottlosen werden niemals frei vom Gesetz und dessen Fluch, denn gerade um ihretwillen ist das Gesetz gegeben.

Die einzige Weise, auf die man von dem Gesetz als solchem freigemacht werden kann, besteht darin, dass man genauso heilig und gerecht wird wie das Gesetz. Dann entfällt seine richtende Wirkung: Man ist sich selbst ein Gesetz geworden. Dies geschieht jedoch nicht in einem Augenblick. Wir sind durch den Leib Christi dem Gesetz (dessen Fluch) gestorben, Röm. 7, 4; aber wir sind nicht dem Geist des Gesetzes gestorben, das heilig, gerecht und gut ist. Das Gesetz ist der Wille Gottes, der aufgrund der Schwachheit des Fleisches – der innewohnenden Sünde – nie voll und ganz ausgeführt werden konnte. Was aber dem Gesetz unmöglich war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch. Röm. 8, 3. Gott machte Christus uns gleich, damit er dadurch der Sünde im Fleisch zuleibe rücken konnte. Nachdem wir nun mit Christus im Leib seines Fleisches vereint sind, sind wir freigemacht vom Fluch des Gesetzes und teilhaftig geworden des Gesetzes des Geistes, dessen Treiben und Ziel die Zunichtemachung der Sünde im Fleisch ist, d. h. die Zunichtemachung des Sündenleibs. Röm. 6, 6. Das Gesetz im Leib Christi hat einen Weg bis ins Heiligtum hinein gebahnt. Sind wir mit Christus an diesem Gesetz teilhaftig gemacht, wird die Sünde auch in unserem sterblichen Fleisch angegriffen. Wir bekommen Anteil mit Christus an seinen Leiden und werden, was das innere sündige Wesen betrifft, immerdar in den Tod gegeben, damit das Leben Christi an unserem sterblichen Fleisch offenbart werden kann. Während dieses ganzen inneren Prozesses im Leib ist der Fluch des Gesetzes weg. Man ist unter das Gesetz Christi gekommen, wessen Ziel es ist, einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, d. h. durch sein Fleisch, zu bahnen. Innerhalb dieses Leibes liegt ein weit ausgedehntes Land; und in Christi Person ist so viel Raum, dass man in ihm wandeln kann.

Nun aber hat man sich vom Gesetz losgesagt, sobald man gefühlt hat, dass die Verdammnis im Gewissen gewichen ist. Ja, man hat sogar geglaubt, dass man in einen Zustand hineingekommen sei, für den das 7. Kapitel des Römerbriefes nicht mehr zutreffen könne; und darum hat man sich von diesem Kapitel losgesagt und Röm. 8 als seinen zukünftigen Aufenthaltsort erwählt. Untersuchen wir dies aber ein wenig genauer, werden wir herausfinden, dass dieser Annahme „das Gefühl“, vom „Fluch des Gesetzes“ freigemacht zu sein, zugrunde liegt.

Aber sind wir denn vollkommen, wenn der Fluch des Gesetzes weg ist? Wenn wir auch in der Gesinnung vollkommen sein können, so ist damit noch nicht das Leben vollkommen. Wenn es darum geht, auf der Rennbahn zu laufen, glaube ich, dass es kein Leichtes ist, mit Paulus Schritt zu halten. Aber sogar er musste sagen, dass er’s noch nicht ergriffen hatte und noch nicht vollkommen war. Phil. 3, 12. Obwohl sein Gewissen rein und frei von Verdammnis war, war er nicht vollkommen. War er aber nicht vollkommen, so konnten auch nicht alle seine Werke vollkommen sein. Wenn es aber bei ihm Werke gab, die als unvollkommene Werke gerichtet werden mussten, dann mussten diese in etwas ihre Wurzel haben; und konnten sie ihre Wurzel nicht im Geist haben, dann mussten sie diese in der Sünde im Fleisch haben. Paulus konnte somit ein reines Gewissen haben, obwohl er in Werken und im Leben nicht vollkommen war. Aber ich glaube nicht, dass Paulus die Werke, die er tat, liebte, wenn sie nicht nach dem Willen Gottes waren. Nein, er hasste sie. Auch ich habe durch die Gnade Gottes die Gabe des Heiligen Geistes zu schmecken bekommen, tue aber trotzdem ziemlich oft Werke, die ich hasse. Und weshalb können wir sie hassen? Das können wir durch das Licht des Geistes. Tue ich aber, was ich hasse, dann bin ich ja einig mit Paulus in seinem 7. Kapitel an die Römer. Manche werden vielleicht sagen: Ich tue nie, was ich hasse. Dann ist man in einen elenden Zustand gekommen. Möge Gott uns vor solchem Irrtum bewahren. Eine demütige Seele wird immer etwas bei sich selbst zu richten finden. In Röm. 8, 13 heißt es sogar: „Denn wenn ihr gemäß dem Fleisch lebt, so müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.“

Diese Werke des Leibes, die durch den Geist getötet werden sollen und die selbst der hat, der sich im 8. Kapitel des Römerbriefes befindet – was sind das für Werke und wie wirken sie? Was in Röm. 8 über die Taten des Leibes dargelegt wird, wird in Röm. 7, 23 erklärt und entwickelt: Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Wir – du und ich – werden gefangen genommen von dem Gesetz der Sünde, das in unseren Gliedern ist, und wir tun oft Werke, die wir überhaupt nicht tun wollten. Diese Werke nennt man „Taten des Leibes“, die durch den Geist getötet werden sollen. Aufgrund der Schwachheit des Fleisches vermochten wir nicht, sie zu stoppen, bevor sie zur Ausführung kamen. Daher müssen wir sie durch den Geist töten, nachdem sie hervorgekommen sind. Diese Werke des Leibes darf man nicht verwechseln mit Werken des Fleisches, die offenbare Sünden sind. Gal. 5, 19.

Tue ich, was ich hasse – was ich nicht will – so bin nicht mehr ich es, der es tut, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Ich hasse es und Gott hasst es auch. Wir sind uns also einig in dieser Sache. Deshalb gibt es auch keine Verdammnis für diese Werke, wenn wir sie nur durch den Geist töten. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Ich verharre nicht in den Werken des Leibes, sondern töte diese – deshalb bin ich frei. Alle Sünde ist auf Grund der Begierde in der Welt. Wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde. Diese Sünde führt zum Tod und darf nicht mit Werken des Leibes verwechselt werden.

„Wohl dem Menschen, dem der Herr die Missetat nicht zurechnet, in des Geist kein Falsch ist!“ Ps. 32, 2.