Wie man im Hause Gottes wandeln soll
Die ersten Gläubigen, die von den Aposteln selbst gelehrt worden waren, hielten getreulich fest an der Lehre der Apostel, an der Gemeinschaft, am Brotbrechen und am Gebet. Apg. 2, 42.
Die Lehre der Apostel – wie viele halten wohl in der heutigen Zeit treu daran fest? Innerhalb der sogenannten freien Gemeinschaften ist man so frei geworden, dass es einem wohl fast als Zwang und Knechtschaft vorkäme, wenn man nun anfangen sollte, über das Gesetz des Herrn Tag und Nacht nachzusinnen. Die ganze Verkündigung läuft auf Freimachung vom Fluch des Gesetzes hinaus. Mit diesem Ziel vor Augen hat man im Laufe der Zeit eine ganze Menge lustiger kleiner Erzählungen zusammengetragen, die dazu dienen, den Zuhörern ein Lächeln ins Gesicht zu bringen und dem Ganzen einen selbstzufriedenen Glanz zu verleihen.
Diejenigen, die die „Freimachung“ angenommen haben, sollen sich dann jahraus, jahrein immer wieder die gleichen drolligen Geschichten über die eitlen Bemühungen des „Gesetzesknechtes“ anhören. Es gibt inzwischen mehrere, die über ein ziemlich großes Geschick verfügen, das Volk aus der Wüste über den Jordan hinüberzubringen. Aber dann lässt man sie auf der Gilgalanhöhe sitzen, ohne sich weiter um die Sache zu kümmern.
Paulus, der bekanntlich ein Meister war, wenn es galt, das Volk weiter ins verheißene Land hinein zu führen, ermahnte Timotheus aufs Eindringlichste, auf sich selbst und auf die Lehre achtzuhaben. „Beharre in diesen Stücken“, sagt er;
„denn wenn du das tust, wirst du dich selbst retten und die, die dich hören.“ 1. Tim. 4, 16.
Nun aber ist es modern, nicht an der Lehre festzuhalten. Stattdessen wetteifert man darin, zu Wort zu kommen – und dies in so unheimlichem Ausmaß, dass es in der Welt dagegen recht gesittet zugeht, weil man dort gelernt hat, sich einigermaßen im Griff zu haben. Wenn davon die Rede ist, im Hause Gottes würdig zu wandeln, dann glaube ich, dass man innerhalb „der freien Gemeinschaften“, wo man sich der Geistestaufe und der Leitung durch den Geist rühmt, sich als Anfangsgrund das Wort aus Spr. 12, 23 zu Herzen nehmen sollte, wo es heißt:
„Ein verständiger Mann trägt seine Klugheit nicht zur Schau; aber das Herz des Toren schreit seine Torheit hinaus.“
Wenn man dann die große Kunst des Schweigens erlernt hat, könnte die Hoffnung bestehen, dass man später auch lernen könnte zu hören.
Es gibt eine ganze Reihe sogenannter „predigender Brüder“; und man muss ziemlich geübt sein, wenn man vor einem von ihnen zu Wort kommen möchte. Diese bedauernswerten Personen, die zur Zuhörerschar dieser predigenden Brüder gehören, sind fast ausschließlich in der Situation, dass sie schweigen, zuhören und Geld in die Kollekte legen sollen – eine merkwürdige Freiheit.
Ich glaube, dass es viel geistlicher zugehen würde, wenn die predigenden Brüder ab und zu daheim blieben, sodass die Geringen in der Versammlung Zeit bekämen, um zu denken und zu reden.
Gäbe man etwas mehr Acht auf die Lehre der Apostel, dann würde man zu dieser Erkenntnis gelangen: „Wo viel Worte sind, da hört man den Toren.“ Pred. 5, 2.
Aber wenn die Wahrheit nicht Raum bekommt in denen, die sich selbst „leitende Brüder“ nennen, wie soll dann die Herde, die sich von solchen leiten lässt, vorwärtskommen?
Mit Recht sagt Jesaja:
„So wurde das Recht verdrängt, und die Gerechtigkeit zog sich zurück; denn die Wahrheit strauchelte auf dem Markt, und die Redlichkeit fand keinen Eingang.“
Vielerorts tritt der Leiter als Hirte, Evangelist und Lehrer zugleich auf – er ist alles für die Herde. Anstatt die Gemeinde zu unterweisen, sodass aus ihrer Mitte Apostel, Propheten und Lehrer heranwachsen könnten, 1. Kor. 12, 28, wacht er stattdessen eifersüchtig darüber, dass niemand ihm den Rang streitig macht. Selbst wenn man durch die Waffe der Wahrheit selbst bearbeitet wird, windet man sich heraus, um hinterher erneut als der allumfassende Repräsentant für alles, was Gemeindeleben heißt, auf dem Podium aufzutreten.
Es wird höchste Zeit, dass die gewöhnlichen Leute in den Versammlungen solcher Leiter ihre Augen mit Augensalbe salben, sodass sie selbst anfangen können zu sehen, zu denken und zu handeln, und nicht nur als stumme Zuhörer da sitzen, die nur ab und zu in einen Hallelujaruf ausbrechen, wenn der Leiter die eine oder andere witzige Bemerkung von sich gibt. Oder die nur ab und zu ein Zeugnis ablegen, das innerhalb des Horizontes und Aufseheramtes des Leiters liegt.
Wenn daher jemand lernen will, wie man im Hause Gottes wandeln soll, dann forsche er selbst in Gottes Wort und leihe selbst dem Geist der Wahrheit aufmerksam sein Ohr.
