Römer 7
„Wisst ihr nicht, liebe Brüder – denn ich rede mit denen, die das Gesetz kennen –, dass das Gesetz nur herrscht über den Menschen, solange er lebt?
Denn eine Frau ist an ihren Mann gebunden durch das Gesetz, solange der Mann lebt; wenn aber der Mann stirbt, so ist sie frei von dem Gesetz, das sie an den Mann bindet.“ V. 1-2.
Man ist dem Verständnis von Römer 7 etwas nähergekommen, wenn man weiß, dass im ganzen Kapitel solche angesprochen werden, die das Gesetz kennen. Das Gesetz ist für die Übertreter, und da ist keiner, der gerecht ist, keiner, der Gutes tut. Daher sollte man glauben, dass es sehr viele gibt, die das Gesetz kennen. Dem ist aber nicht so; denn die Vorhaut des Fleisches hindert das heilige und gerechte Gesetz daran, als Gesetz auf ein Gewissen einzuwirken, das tot in Sünden und Übertretungen ist. Erst nachdem man Sündenvergebung empfangen hat und durch die Beschneidung Christi den sündlichen Fleischesleib abgelegt hat, wird das Gewissen so weit wach, dass das Gesetz als Gesetz wirken kann. Zu solchen Menschen also, die mit Hilfe des Gesetzes ihre Reinheit bewahren wollen, spricht Paulus von einer weiterführenden Erlösung. Ja, nicht allein zu diesen, sondern auch zu jenen, die vom Gesetz frei sind und in denen dasselbe sein Werk getan hat; denn erst nachdem man vom Gesetz frei ist, versteht man sein Wirken und seine wahre Absicht.
Obwohl wir nun vom Gesetz frei sind, bleibt doch die verheiratete Frau durch das Gesetz an ihren Mann gebunden, solange er lebt. Wie kann man an das Gesetz gebunden sein und dennoch von ihm frei sein? Eben dadurch, dass man dem Gesetz zustimmt! Wenn man lernt, das heilige und gerechte Gesetz zu lieben, dann wirkt es nicht mehr als Gesetz, sondern wie liebliche Bande, die uns in Liebe miteinander verbinden. Das Gesetz ist um der Sünde willen gekommen.
Nimm die Sünde weg, und das Gesetz wird nicht mehr dein Widersacher, sondern dein Ehemann sein.
„Wenn aber ihr Mann stirbt, ist sie frei vom Gesetz, sodass sie nicht eine Ehebrecherin ist, wenn sie einen anderen Mann nimmt.“ V. 3.
Wenn wir auch noch so gerecht nach der Leitung des Geistes wandeln, werden wir doch nicht frei vom Geist des Gesetzes, sondern von dessen Buchstaben und Fluch. Der Fluch kommt, wenn eine Frau einen anderen Mann heiratet, während ihr Mann lebt. Im Gegensatz dazu wird die Forderung des Gesetzes erfüllt, wenn die Frau bei ihrem Mann bleibt, solange er lebt. In uns wird die Forderung des Gesetzes erfüllt, wenn wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. Röm. 8, 4. Die Freimachung vom Gesetz besteht also darin, dass dessen Forderungen erfüllt werden, dass des Herrn Gesetz meine Lust wird.
„Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet durch den Leib Christi, sodass ihr einem andern angehört, nämlich dem, der von den Toten auferweckt ist, damit wir Gott Frucht bringen.“ V. 4.
Wir sind durch den Leib Christi dem Gesetz getötet. Beachte: durch den Leib Christi. Der Fluch des Gesetzes ist nun weg, aber dessen Forderung bleibt vollständig in Kraft. Der Buchstabe ist weg, aber der Geist im Buchstaben lebt und herrscht. Dieser Geist ist Christi Geist, mit dem wir zu einem Leib getauft sind. Der alte Mensch wird mit Ihm gekreuzigt. Röm. 6, 6. Durch das Kreuz verschwinden die Übertretungen und damit auch der Fluch. Aber anstelle des Fluches bekommt man durch das Kreuz Leiden, Leiden Christi; Christus hat sich in der Kraft des ewigen Geistes Gott geopfert. Die Gemeinschaft mit Christus am Kreuz gibt uns mit Christus teil an seinen Leiden. Die wahre Erlösung vom Fluch des Gesetzes wird daher immer vom Kreuz und der Gemeinschaft seiner Leiden begleitet. Nun gehören wir einem anderen an; denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Das Treiben des Geistes und die Forderung des Gesetzes arbeiten in dieselbe Richtung an unserer Heiligung, die Frucht für Gott ist.
Der Geist hat nicht Wohnung in uns genommen, um uns mit süßen Gefühlen zu gefallen, sondern um uns zur Forderung des Gesetzes zu treiben, in Richtung des Blutes des Bundes, zu dem, was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war. Der Geist widersteht bei dieser Arbeit dem Fleisch, und es geht uns wie unserem Vorläufer Christus: Wir werden getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. Das ist die Gemeinschaft der Leiden Christi, welche den vielen, den Feinden des Kreuzes Christi, verborgen ist.
Die Sünde war – unter dem Fluch des Gesetzes – außerhalb des Leibes, aber jetzt empfängt sie im Leib ihr Urteil und das, was dem Gesetz unmöglich war, wird nun möglich durch den Leib Christi.
„Denn solange wir dem Fleisch verfallen waren, da waren die sündigen Leidenschaften, die durchs Gesetz erregt wurden, kräftig in unsern Gliedern, sodass wir dem Tode Frucht brachten.“ V. 5.
Solange wir dem Fleisch verfallen waren! Sind wir nicht auch jetzt noch im Fleisch? Wir wohnen zwar im Leib, aber unser Sinn ist im Geist. „Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich.“ Röm. 8, 9. Solange wir dem Fleisch verfallen waren, waren die sündigen Leidenschaften kräftig. Unser ganzer Sinn und all unsere Gedanken waren im Fleisch; all unser Streben war darauf gerichtet, das Fleisch zu pflegen und zu befriedigen. Weil nun die fleischliche Gesinnung Feindschaft wider Gott ist, kamen wir unter den Fluch des Gesetzes. Aber jetzt sind wir nicht mehr dem Fleisch verfallen, auch nicht mehr unter dem Fluch, auch nicht mehr in der Feindschaft wider Gott. Solange wir dem Fleisch verfallen waren, wirkten die sündigen Leidenschaften, die in den Gliedern wohnen, sodass wir dem Tod Frucht brachten. Aber nun, da wir aus dem Tod in das Leben gekommen sind, von der Macht Satans zu Gott, aus dem Fleisch in den Geist, sind wir unter die Einwirkung des Geistes gekommen – das bedeutet Leben und Friede.
„Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, sodass wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.“ V. 6.
Wir sind nun vom Gesetz frei, indem wir dem abgestorben sind, das uns gefangen hielt. Was hielt uns gefangen? Die Begierden im Fleisch hielten uns gefangen und machten das Gesetz wirksam; denn ohne Gesetz ist die Sünde tot. Wir waren Knechte unter mancherlei Begierden, und dadurch wurde das Gesetz mit ebenso vielen Flüchen wirksam. Denn das Gesetz ist ein Licht von Gott, das auf die Übertretungen hinweist. Nun sind wir aber dem abgestorben, das uns gefangen hielt. Wir konnten ohne eine vollständige Selbstaufgabe (Tod) nicht von der Sünde frei werden; da befreite Gott uns durch das Leben seines geliebten Sohnes, der die Schmerzen des Todes auflöste und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht brachte. Durch sein Leben sind wir nun in das Reich seines lieben Sohnes versetzt, ein Reich, das in Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist besteht. Als wir im Fleisch waren, dienten wir nach dem alten Wesen des Buchstabens, aber nun dienen wir Gott im neuen Wesen des Geistes.
„Was wollen wir denn nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz. Denn ich wusste nichts von der Begierde, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren.“ V. 7.
Das Gesetz ist heilig, gerecht und gut; aber alle Sünde ist vom Teufel. Es ist eine abgrundtiefe Kluft zwischen dem Gesetz und der Sünde. Aber weil das Gesetz die Sünde in allen ihren Verästelungen verfolgt, kommt Paulus auf den Gedanken, dass die Menschen Gesetz und Sünde miteinander verwechseln könnten. Darum fragt er: Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Alle Menschen haben Begierden; dies wird nicht als Sünde betrachtet. Aber das Gesetz sagt: Du sollst nicht begehren! Es gibt einen Unterschied zwischen dem, Begierden zu haben und dem, zu begehren. Wenn der Mensch begehrt, wird die Gesinnung aktiviert; während die Begierde im Fleisch tot ist und ohne die Mitarbeit der Gesinnung höchstens als Versuchung wirken kann. Indem man dieser Versuchung widersteht, siegt man in der Kraft des Geistes; wenn aber die Begierde Oberhand gewinnt, sodass man sagen muss, dass man begehrt, dann ist man sofort ein Gesetzesübertreter und unter dem Fluch. Hätte das Gesetz nicht gesagt: „Du sollst nicht begehren“, dann hätte man die Begierde nicht erkannt. Wir sehen hieraus, dass das Gesetz ein Licht ist, das uns erleuchtet und für die sündigen Lüste Gebote aufstellt. Wer das Gebot übertritt, handelt wider besseres Wissen und bekommt die Zucht und den Fluch des Gesetzes zu spüren.
„Die Sünde aber nahm das Gebot zum Anlass und erregte in mir Begierden aller Art; denn ohne das Gesetz war die Sünde tot.“ V. 8.
Durch das Gebot wird die Sünde im Fleisch zum Begehren gereizt. Das Gebot war überall zugegen, und wenn es nicht sagte: „Du sollst nicht“, dann sagte es:
„Du sollst!“ Die Sünde im Fleisch kam in Schwingungen und durch das Gebot und um des Gebotes willen wurde allerlei Begierde erregt. Die Sünde wurde zur Sünde, wo man früher nichts von Sünde wusste – obwohl sie reichlich vorhanden war; denn das Gesetz kam und die Sünde wurde lebendig.
„Ich lebte einst ohne Gesetz; als aber das Gebot kam, wurde die Sünde lebendig.“ V. 9.
Jeder erkennt sich hier selbst wieder. Es gab Zeiten in unserem Leben, da lebten wir ohne Gesetz: Das Gewissen war tot, und die Sünde wurde von uns nicht als Sünde betrachtet. Als aber das Gebot kam, wurde die Sünde lebendig. Jesus spricht vom Frieden, den die Welt gibt. Und das ist genau dieser Friede – ohne Gesetz! Man mag das heilige Gebot nicht, weil es die Sünde lebendig macht. Man wird unruhig, der Friede der Welt verschwindet. Man wünscht, ohne Gesetz zu leben, sodass die Sünde tot sein kann und nicht lebendig.
„Ich aber starb. Und so fand sich’s, dass das Gebot mir den Tod brachte, das doch zum Leben gegeben war.“ V. 10.
Paulus hörte auf das Gebot, er beachtete es genau; er war darauf aus, danach zu leben. Er versuchte nicht, sich auf oberflächliche Weise davon zu befreien, sondern ging der Sache auf den Grund. Gott ließ die Gebote auf ihn einströmen, und je mehr diese zu ihm kamen, desto lebendiger wurde die Sünde. Der Apostel überlegte: Woher kommt das? Das Gebot ist zum Leben gegeben, denn wer es tut, wird dadurch leben. Für mich aber wird die Sünde durch das Gebot überaus sündig. Woher kommt das? Ich trachte ja mit aller Kraft danach, Gott wohlgefällig zu leben, und je mehr ich darauf aus bin, meine Pflichten zu erfüllen, umso schlimmer wird es mit mir! Währenddessen hat Gott gleichwohl sein Werk getan, obwohl es verzweifelt aussieht. Das „Ich“ des Apostels beginnt, sich vom Fleisch zu lösen, denn er findet heraus, dass gerade dort die Sünde ihren Sitz haben muss. Er gibt sein Streben auf, das Gesetz halten zu wollen, und erklärt vor Gott, dass er nicht imstande ist, auf diese Weise voran zu kommen. Er stirbt. Denn die Sünde nahm das Gebot zum Anlass und betrog ihn und tötete ihn durch das Gebot.
„So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.“ V. 12.
Durch das heilige, gerechte und gute Gebot hat Paulus nun eine sehr wichtige Entdeckung gemacht; er hat das Gesetz der Sünde in den Gliedern gefunden. Nicht viele haben dieses Gesetz gefunden, obwohl es so eindeutig und klar beschrieben wird.
Wenn man aber genau auf das Gebot Acht hat, wird man dadurch, dass man nach ihm lebt, dieses Gesetz der Sünde im Fleisch finden. Hat man erst einmal das Gesetz der Sünde im Leib, im Fleisch, in den Gliedern, oder wie man auch diesen vergänglichen Leib nennen will, entdeckt, so ist man auf bestem Weg dazu, den Kampf gegen die Sünde im Fleisch aufzunehmen. Früher war die Sünde außerhalb des Leibes und wurde durch das Gesetz bekämpft, aber nun finden wir die Sünde im Leib und sollen sie durch das Treiben des Geistes in der Kraft Gottes bekämpfen. Was dem Gesetz unmöglich war, wird nun möglich für den, der glaubt, weil Christus die Sünde im Fleisch verdammte und dadurch einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang bahnte, das heißt durch sein Fleisch. Röm. 8, 3. Das Gebot, das heilig, gerecht und gut ist, machte die Sünde lebendig für mich, sodass ich zu sehen bekam, dass sie fest in meinem Fleisch sitzt, und daher konnte ich davon Abstand nehmen, indem ich mich in den Geist begab. Röm. 7, 3 und 8, 9. Da wir uns nun im Geist befinden – sehen wir in seinem Licht – das Gesetz der Sünde im Fleisch; solange wir aber im Fleisch waren, konnten wir das Gesetz der Sünde nicht sehen, weil wir selbst von ihm gefangen genommen waren.
„Ist dann, was doch gut ist, mir zum Tod geworden? Das sei ferne! Sondern die Sünde, damit sie als Sünde sichtbar werde, hat mir durch das Gute den Tod gebracht, damit die Sünde überaus sündig werde durchs Gebot.“ V. 13.
Es war nicht das gute Gebot, das ihm zum Tod wurde, sondern die Sünde, die lebendig wurde und der gegenüber er sich ganz ohnmächtig fühlte. Die Sünde wurde durch das Gebot überaus sündig. Paulus wandte sich mit Abscheu von seinem eigenen Fleisch ab, von dem er früher nicht so schlecht gedacht hatte.
Nun hatte er diese Lektion gelernt: In mir, das ist in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes. Er wählte daher, im Geist Wohnung zu nehmen.
„Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.“ V. 14.
Mein „Ich“ als natürlicher Mensch ist fleischlich, unter die Sünde verkauft. Das „Ich“ vermag nicht, sich von der Sünde in den Gliedern zu befreien. Selbst wenn man im Licht des Gesetzes den Willen Gottes erkennt, ist doch das Gesetz der Sünde in unseren Gliedern stärker, und man wird unter dessen Gesetzen wie ein verkaufter Sklave gefangengenommen.
„Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.“ V. 15.
Der Wille ist gut, weil das Gesetz gut ist, aber Gutes zu tun, vermag man nicht. Manche glauben, dass man nach der Geistestaufe vermag Gutes zu tun. Nein! Man muss vom Geist getrieben werden, um die Werke Gottes zu tun. Niemand kann Gutes tun, denn keiner ist gut, auch nicht einer. Röm. 3, 12. Wenn jemand versucht, Gutes zu tun, so tut er, ohne es zu wissen, Dinge, die er hasst. Wird aber jemand gleichwie unser Herr Jesus Christus vom Geist getrieben, dann fängt Gott an, das Wollen und das Vollbringen zu wirken – ohne meinen fleischlichen Willen.
„So ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut sei.“ V. 16.
Nun stimmt der Mensch dem Gesetz zu: Es ist gut! Aber warum vermag man dann nicht, das Gute zu tun, ist die nächste Frage? Eben weil man weiterhin fleischlich ist, unter die Sünde verkauft. Soll dies denn immer so bleiben? Ja, nur musst du Licht darüber bekommen, dass es so ist und nicht anders sein kann. Du tust ständig, was du nicht willst, was du hassest, d. h. vorausgesetzt, dass du wach und nüchtern bist. Lässt du dich von süßen Gefühlen mitreißen, so wie es in der ersten Zeit nach der Geistestaufe oder der sogenannten „Freimachung“ der Fall ist, dann kannst du zwar selbst glauben und auch anderen gegenüber den Eindruck erwecken, dass alles, was du tust, „wohlgetan“ sei. Wer aber nüchtern ist, wird bald etwas ganz anderes herausfinden. Man tut überaus viele Dinge, die niemals vom Heiligen Geist diktiert worden sind – Dinge, die man hassen sollte – wenn man wach wäre.
„So tue ich nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“ V. 17.
Die Sünde wohnt in mir, sagt Paulus. Das war eine große Einsicht. Die meisten tun sich bestimmt schwer damit, diese Wahrheit zu verdauen, nachdem sie den Heiligen Geist empfangen haben. In mir, das ist in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes; denn da wohnt die Sünde. Aber obwohl sie da wohnt, sollen wir sie doch nicht herrschen lassen, und ihren Begierden keinen Gehorsam leisten. Röm. 6, 12. Nein, sagen manche, hier meint Paulus einen anderen Zustand, er meint vor unserer Bekehrung, er meint vor der Geistestaufe, als wir noch unter dem Gesetz waren! Nein, er meint genau das, was er sagt: Was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, wird nun durch den Heiligen Geist und die Kraft Gottes ermöglicht. Die Sünde im Fleisch soll nun verdammt werden.
Nun bin nicht mehr ich es, der es tut, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Es ist klar, wenn ich wider meinen besten Willen Dinge tue, die ich hassen muss, dann kann ich dafür nicht getadelt oder verurteilt werden; denn es bin nicht ich, der es tut – d. h. nicht das Ich meiner Gesinnung tut es – sondern die Sünde, die in mir wohnt. Aus diesem Grund gibt es auch keine Verdammnis von Gottes Seite. Aber wenn es auch keine Verdammnis gibt, muss man sich sehr davor hüten, auf den Gedanken zu kommen, dass dies gleichgültig sei, denn es wohnt weiterhin nichts Gutes im Fleisch.
„Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen finde ich nicht.“ V. 18.
Paulus verherrlicht nicht die Sünde; sondern er hat so viel Liebe zur Wahrheit, dass er zu bekennen wagt, dass in ihm, in seinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Was er an Gutem besaß, war ein guter Wille, aber Gutes zu tun, vermochte er nicht. Ich weiß nicht, ob andere dies vermögen. Ja, sagen manche, wie kann man denn reines Herzens sein, wenn die Sünde in mir wohnt? Ja, das ist vielleicht eines der Geheimnisse der Gottesfurcht. Gott sieht nicht die Sünde in deinem Fleisch an, sondern deine Bereitwilligkeit und deine gute Gesinnung. „Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Trug ist!“ Ein solcher Mann ist reines Herzens. Übertretungen waren zwar vorhanden, aber der Herr will sie nicht zurechnen, weil der Geist ohne Trug war.
Wenn nun Gott die Übertretungen auch nicht zurechnet, so ist es ein Trugschluss, wenn man glaubt, dass es keine Übertretungen gibt. Gibt es aber Übertretungen – ohne Verdammnis – dann muss es ja Sünde in mir geben; Sünde, die ich trotz meines besten Willens nicht zurückzuhalten vermag. Diese Werke nennt die Bibel „Taten des Leibes“, und diese sollen durch den Geist getötet werden. Röm. 8, 13. Diejenigen, die den Geist Gottes empfangen haben, können diese Taten durch den Geist töten. Wenn diese Taten aber durch den Geist getötet werden sollen, dann können wir sicher sein, dass sie nicht vom Geist gewirkt sind.
„Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ V. 19.
„Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“ V. 20.
Haben wir erkannt, dass die Sünde, die in mir wohnt, die Werke tut, die ich nicht will, die ich hasse, dann haben wir die Möglichkeit, diese durch den Geist zu töten, sobald wir darüber Licht bekommen. Fehlt einem aber diese Erkenntnis, so tut man dennoch reichlich solche Werke – ohne diese zu töten. Was ist nun das Beste? Erkenntnis über die Sünde zu haben, die im Fleisch wohnt, und die Werke des Leibes zu töten oder seine Augen fest vor diesem angsteinflößenden Wort „Sünde“ zu verschließen und trotzdem reichlich Werke des Leibes zu tun ohne sie zu töten, weil man am liebsten eine eigene Lehre darüber hat, dass keine Sünde im Fleisch existiert. Sünde haben ist eine Sache, Sünde tun ist etwas anderes.
„So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt.“ V. 21.
Hast du dieses Gesetz für dich gefunden? Nicht viele finden dieses Gesetz; man muss im Licht des Geistes genau auf sich selbst achthaben, um es zu finden. Wenn aber jemand es nicht gefunden hat, sollte es darum nicht existieren? Doch, es ist vorhanden! Du kannst ganz sicher sein: Wenn du das Gute tun willst, so hängt dir das Böse an. Oder ist es so, dass es in deinen Worten und in deinem Wandel nie etwas zu tadeln gibt? Die Wahrheit macht frei. Wenn es wahr ist, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt, dann wird auch diese Wahrheit frei machen. Ein Narr spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott! Ob es deswegen keinen Gott gibt? Wenn du sagst: Die Sünde wohnt nicht in mir! Ob sie wohl deshalb nicht da wohnt? Doch, sie wohnt da! Die Schrift bezeugt es, und nicht nur sie, sondern auch alle die unzähligen Werke, die in keinster Weise Früchte des Geistes sind. Ich meine hierbei nicht die Welt, sondern ich meine dich, der du den Geist empfangen hast.
„Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.“ V. 22-23.
Dieses Gotteswort ist schlicht und einfach; aber die Menschen suchen viele Künste. Wir haben Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen, aber dann erhebt sich das Gesetz der Sünde in den Gliedern und widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt. Das Gesetz der Sünde hält mich gefangen, sodass ich gezwungen werde, das zu tun, was ich nicht will, was ich hasse. Was ist nun zu tun? Nun, wir können diese Werke durch den Geist töten, denn Gott hasst sie, ich hasse sie auch, wir sind uns also einig darin. Er richtet mich nach dem Gesetz in meinem Gemüt und nicht nach dem Gesetz der Sünde in meinen Gliedern. Denn wo die Bereitwilligkeit vorhanden ist, da ist man Gott wohlgefällig nach dem, was man hat, und nicht nach dem, was man nicht hat.
„Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“ V. 24.
In dieser elenden Lage ruft der Apostel aus: Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? Aber bekommt er darauf eine Antwort? Nein! Er darf seinen Leib weiterhin behalten, in welchem sich, solange er lebt, das Gesetz der Sünde befindet. Das dürfen auch wir – trotz aller falschen Lehre darüber, dass Römer 7 dem Gesetzesknecht und Römer 8 der freigemachten Seele gelte.
„Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.“ V. 25.
Dass der Apostel Gott dafür dankt, dass er mit seiner Gesinnung dem Gesetz Gottes dient, ist leicht zu verstehen. Schwieriger ist wohl zu verstehen, dass er Gott dafür dankt, dass er mit seinem Fleisch dem Gesetz der Sünde dient. Wenn wir aber darüber nachdenken, dass das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan sein kann und Gott keinen fleischlichen Gottesdienst wünscht, so werden wir verstehen, dass Paulus dafür danken kann, dass es ist, wie es ist.
Beachte, dass Paulus dem Gesetz der Sünde mit seinem Fleisch diente – nicht mit seiner Gesinnung. Hier ist eine interessante Trennung, die nur im Geist erfasst werden kann. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.
Manche haben diese Schriftstelle dahingehend verfälscht, dass man der Sünde dienen könne, soviel man will; aber das entspricht nicht der Aussage des Apostels. Solche Menschen dienen dem Gesetz der Sünde mit ihrem Sinn. Doch Paulus hat dies nicht getan; er diente mit seinem Sinn dem Gesetz Gottes. Die Begehrlichkeit der Sünde in seinem Leib war bei ihm in den Bereichen gekreuzigt, über die er zum Licht gelangt war. Der Lust wurde jeweils durch das Gesetz in seinem Sinn Einhalt geboten. In den Bereichen jedoch, in denen er noch fleischlich war, wurde er vom Gesetz der Sünde in den Gliedern gefangengenommen, sodass er tat, was er hasste. Wer aber mit Absicht sündigt, tut nicht, was er hasst, denn sein Sinn ist einverstanden. Wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde. Die Empfängnis geschieht, wenn die Lust erreicht, dass der Sinn einwilligt und dann wird Sünde geboren. Diese Art von Sünde hat Paulus nicht getan. Hingegen diente er mit seinem Fleisch dem Gesetz der Sünde.
Weil es sich so verhält und nicht anders sein kann, gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Röm. 8, 1.
Zwischen Römer 7 und Römer 8 ist kein jäher Übergang, im Gegenteil: Röm. 8, 1 beginnt mit einer Schlussfolgerung. In einer deutschen Übersetzung [z. B. Textbibel 1899] beginnt V. 1 folgendermaßen: „Eben darum gibt es jetzt keine Verdammnis mehr für die, die in Christus Jesus sind.“ Und in einer englischen: „Es gibt darum nun keine Verdammnis ...“
Der Sprung zwischen Römer 7 und Römer 8 existiert in der Bibel nicht, wohl aber in der oberflächlichen sogenannten „Freiheitslehre“, wo man am leichtesten davonkommt, indem man das ganze 7. Kapitel des Römerbriefes gestrichen hat und es für den sogenannten „Gesetzesknecht“ passend findet. Dadurch will man seine Feindschaft gegenüber dem Kreuz, seine eigene Untüchtigkeit und seinen Mangel an der Erkenntnis Gottes zudecken, die den Menschen durch Leiden im Fleisch zu Leben und Frieden im Geist führt.
Um nun Römer 7 zu verstehen, muss man noch einige Verse von Römer 8 hinzunehmen.
„Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“ V. 2.
Das Gesetz des Geistes, der lebendig macht, hat meinen Sinn vom Gesetz der Sünde in meinen Gliedern freigemacht, sodass ich in die Lage versetzt werde, dem Gesetz Gottes mit meinem Sinn zu dienen. Doch diene ich – trotz dieser Befreiung – weiterhin dem Gesetz der Sünde mit dem Fleisch. Röm. 8, 13.
Gott konnte mich vom Gesetz der Sünde und des Todes freimachen; die Grundlage dafür ist im nächsten Vers beschrieben:
„Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch.“ V. 3.
Solange man unter dem Gesetz war, hielt die Sünde im Fleisch krampfhaft fest an der Gesinnung; denn das Gesetz ist ein Licht außerhalb des Leibes, um sichtbare Werke zu richten, die alle mit Ausnahme von Unzucht außerhalb des Leibes sind. Nun sandte Gott seinen Sohn und verdammte die Sünde im Fleisch, d. h. im Fleisch drinnen. Hierdurch geschah eine Erlösung, indem mein Sinn vom Gesetz der Sünde in meinen Gliedern losgerissen wurde, sodass ich, obwohl ich selbst im Leib bin, Werke hassen und verurteilen kann, die vom Leib ausgeführt wurden. Wir werden in die Lage versetzt, dass wir – wie unser Herr und Meister - nach dem Fleisch getötet und nach dem Geist lebendig gemacht werden können. Unter dem Gesetz konnte man nicht nach dem Fleisch getötet werden, denn da versuchte man mit aller Kraft, Gott dem Fleisch nach zu gefallen. Denn das Fleisch will lieber Knecht sein und leben als leiden und sterben. Christus ist nun in das Fleisch des Leibes eingedrungen und hat darin die Sünde verdammt. Dadurch hat er uns einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist sein Fleisch, gebahnt. Wir, die wir leben, werden nun beständig in den Tod gegeben um Jesu willen, damit sein Leben an unserm sterblichen Fleisch offenbar werde. Soll aber sein Leben in unserem sterblichen Fleisch offenbar werden, dann muss die Sünde im selben Fleisch verdammt werden. Denn Christi Leben verdrängt die Sünde im Fleisch, und wir werden erlöst durch sein Leben. Röm. 5, 10.
