Wesentliche Auszüge aus einer Bibelstunde in Ålesund am 14. 7. 1916
„Ruft nicht die Weisheit, und lässt nicht die Klugheit sich hören? Öffentlich am Wege steht sie und an der Kreuzung der Straßen; an den Toren am Ausgang der Stadt und am Eingang der Pforte ruft sie:
O ihr Männer, euch rufe ich und erhebe meine Stimme zu den Menschenkindern! Merkt, ihr Unverständigen, auf Klugheit, und ihr Toren, nehmt Verstand an!“
Wenn die Weisheit öffentlich am Wege ihre Stimme hören lässt, an der Kreuzung und an den Toren, warum sind es dann so wenige, die sie finden? Wenn sie ruft, warum wird sie nicht gehört?
Ruft die Weisheit? Nein, sondern die Torheit ruft, und je lauter sie ruft, desto mehr ruft die Weisheit ihre Warnung, damit die Torheit als Torheit gehört und gesehen werden soll.
Du siehst den stolzen Mann und die stolze Frau auf der Straße; die Weisheit flüstert in dein Ohr: So sollst du nicht sein.
Du siehst einen betrunkenen Angeber; die Weisheit sagt: Das ist verrückt.
Du hörst den Unerfahrenen reden, als ob nur er es weiß; die Weisheit offenbart in deinem Herzen: das ist Aufgeblasenheit.
Überall wo Torheit und Verkehrtheit sich zeigen oder ihre Stimme hören lassen, spricht auch die Weisheit ihre mächtige und warnende Sprache.
Und so fragt man: Wie soll ich Weisheit bekommen? Diese Frage stellst du nicht aus Weisheit; denn die Stimme der Weisheit redet zu dir von der Verkehrtheit. Wenn du dich züchtigen lässt und der Stimme der Weisheit gehorchst, dann hast du Weisheit.
„Hört, denn ich rede, was edel ist, und meine Lippen sprechen, was recht ist. Denn mein Mund redet die Weisheit, und meine Lippen hassen, was gottlos ist. Alle Reden meines Mundes sind gerecht, es ist nichts Verkehrtes noch Falsches darin. Sie sind alle recht für die Verständigen und richtig denen, die Erkenntnis gefunden haben.“
Die Weisheit redet natürlich und in Reinheit. Was verdreht ist, wird durch sie als verdreht offenbart und das Verkehrte wird durch das Gerechte beleuchtet und als verkehrt offenbart. Aus diesem Grund wird die Weisheit von der Torheit für verkehrt gehalten. Aber wenn nun die Weisheit dadurch, dass sie ist, wie sie ist – natürlich und geradlinig – das Unnatürliche und Verkehrte entlarvt; sollte sie deshalb verkehrt sein?
„Nehmt meine Zucht an lieber als Silber und achtet Erkenntnis höher als kostbares Gold.“
„Ich, die Weisheit, wohne bei der Klugheit und weiß, guten Rat zu geben.“ Die Weisheit hat Klugheit in sich selbst, denn sie hat eine große Kraft zu überzeugen. Durch Graben in ihren Schätzen weiß sie aus Erfahrung guten Rat zu finden für das, was noch nicht ausgeführt ist.
„Durch mich herrschen die Könige und erlassen die Fürsten gerechte Verordnungen.“ Könige haben ihre Ratgeber. Wenn in der einen oder anderen Sache Entscheidungen getroffen werden müssen, fragt der König seine Ratgeber. Den einfachsten und weisesten Rat befolgt er, wenn er ein verständiger Regent ist.
„Ich wandle auf dem Weg der Gerechtigkeit, mitten auf den Pfaden des Rechts, damit ich denen, die mich lieben, ein wirkliches Erbteil verschaffe und ihre Schatzkammern fülle.“
Christus, der Gottes Weisheit ist, wandelte mitten auf den Pfaden des Rechts. Als sich nach dem Willen Gottes seine Zeit nahte, wandte er sein Angesicht nach Jerusalem. Er stand vor Pilatus im Triumph über den, der ihn zum Tode verurteilte, ja über den Tod selbst. Er fürchtete sich nicht vor dem, der seinen Leib töten konnte. Er öffnete seinen Mund nicht zu schmeichelnder Rede, obwohl Pilatus ihn sehr gerne freilassen wollte. Mitten in dieser Versuchung beugte er sich vor der Macht, die Pilatus von oben gegeben war. Er wandelte mitten auf den Pfaden des Rechts in den Tod hinein. Und das tat er, damit jeder, der ihm folgen will, ein wirkliches Erbteil und gefüllte Vorratskammern bekommt.
Jakobus schreibt: „Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern gibt und niemanden schilt; so wird sie ihm gegeben werden.
Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht.“
Du hast vielleicht oft zu Gott um Weisheit gebetet, aber je mehr du gebetet hast, hast du deine eigene und anderer Torheit zu sehen bekommen. Wir müssen verstehen, dass die Weisheit genau auf diese Weise arbeitet.
Mache einen Abendspaziergang in der Innenstadt und sieh die Eitelkeit, wie man sich herausputzt; sieh die verderbliche Torheit! Ist es schwierig zu verstehen? Du sagst: Ich sehe nur verderbliche Torheit! Richtig, sieh dieser in die Augen, sei nicht bange; aber nimm Zurechtweisung an und folge dieser!
Wie könnte Gott Weisheit offenbaren außer durch Torheit? Kann das jemand sagen?
„Wenn nämlich die Wahrhaftigkeit Gottes durch meine Lüge überströmender wird zu seinem Ruhm, weshalb werde ich dann noch als Sünder gerichtet?“ Röm. 3, 7.
„Als er den Himmel gründete, war ich dabei; als er einen Kreis abmaß auf der Oberfläche der Meerestiefe, als er die Wolken droben befestigte und Festigkeit gab den Quellen der Meerestiefe; als er dem Meer seine Schranke setzte, damit die Wasser seinen Befehl nicht überschritten, […], da war ich Werkmeister bei ihm, war Tag für Tag seine Wonne und freute mich vor seinem Angesicht allezeit.“
Christus, Gottes Weisheit – alles ist durch ihn und zu ihm geschaffen. Wenn nun alles und alle durch ihn geschaffen sind, dann hat er es geschaffen, dass es natürlich sei. Alles Unnatürliche und Gekünstelte ist von einem Vater, dem Teufel, und ist hinzugefügt worden, nachdem die Weisheit alles für sehr gut befunden hatte.
Nicht genug damit, dass wir durch ihn geschaffen sind; wir sind auch zu ihm geschaffen.
Kehrt zurück, ihr Menschenkinder; kehrt um und lasst euch leiten auf gerechten Pfaden. Sprich zur Weisheit: Du bist meine Schwester! und sage zur Einsicht: Du bist meine Vertraute!
Dann wirst du wieder durch ihn an ihn gebunden werden.
Torheit und Verkehrtheit werden hinweggetan wie ein Nebel und ihre Stätte findet man nicht mehr.
Des Herrn Wege sind recht, aber die Menschen suchen viele Künste. Der Geist der Weisheit macht, dass man die Torheit als Torheit erkennt. Wenn dann die Feinde dieser Weisheit aufgedeckt und entlarvt daliegen, ist die Weisheit wieder sie selbst – natürlich und rein als eine schöpferische Macht, die alles sehr gut macht.
„Ich […] hatte meine Lust an den Menschenkindern. So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten!“
Frage nun nie mehr: Wie kann ich Weisheit bekommen, was ist das Kennzeichen dafür, dass ich Weisheit habe?
Erkennst du die Torheit und vermagst du, ihre Wege zu des Herzens eitlen Ratschlägen zurück zu verfolgen? Dann kannst du dies durch Gottes Weisheit. Wenn Gott deine Augen für die verderbliche Torheit öffnet, dann sage nicht zu ihm: Ich habe um Weisheit gebetet und du lässt mich verderbliche Torheit finden. Ein offenes Auge und Ohr für das Böse bringt Gottes Hass im Herzen hervor, und wenn dieser Hass vollkommen ist, wird der Tod über die Torheit geboren, und die Weisheit behält siegreich das Feld. Alle Macht und Gewalt wird durch sie zunichte gemacht werden; was also durch Weisheit geschaffen ist, soll wiederum zur Weisheit zurückgebracht werden, um ewiglich von ihr regiert zu werden.
„Wohl dem Menschen, der auf mich hört, indem er täglich an meiner Pforte wacht und die Pfosten meiner Türen hütet!“
Man will gerne selig sein. Willst du das werden, dann wache Tag für Tag, um Weisheit zu erlangen, gib dein Herz dem hin, was verständig ist. Wo du auch bist, auf der Straße, zuhause oder sonstwo: übe dich darin, die Torheit zu finden und sie als die pure Verrücktheit dingfest zu machen. Aber vergiss mitten darin nicht, deine eigene Torheit zu brandmarken, denn der Weisheit Anfang ist, dass man seine eigene Torheit kennenlernt.
Nimm dich deshalb in Acht vor der Lehre, die sagt, dass Weisheit die Erkenntnis der eigenen Güte, Heiligkeit, Tüchtigkeit und Würde sei.
Die Weisheit ist in sich selbst gut, heilig, tüchtig und würdig, deshalb schiebt sie alle Würde zur Seite, die ihre Wurzel und ihren Sitz im Fleisch hat, damit sie durch sich selbst Gottes Güte, Heiligkeit, Tüchtigkeit und Würde schaffen kann.
„Wer mich aber verfehlt, zerstört sein Leben; alle die mich hassen, lieben den Tod.“
Du kannst vielleicht, während du die Weisheit verfehlst, wie durchs Feuer gerettet werden. Dein Bauwerk entsteht aus Heu, Holz und Stroh, die kein Feuer ertragen. Doch du wirst nie mit Christus regieren dürfen, der alles mit Weisheit regiert. Weisheit zu hassen, heißt den Tod zu lieben; denn ein solcher Mensch will nicht zulassen, dass Christus über ihn regiert.
„Die Weisen werden Ehre erben, aber die Toren werden Schande davon tragen.“ Spr. 3, 35.
