Gesammelte Schriften Band 2 • 1912 - 1917

Johan O. Smith

Skjulte Skatter 1916-03 - Die Magd und die Freie

Gesammelte Schriften Band 2 • 1912 - 1917

Die Magd und die Freie

„Denn es steht geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, den einen von der Magd, den andern von der Freien.“ Gal. 4, 22.

„Aber der von der Magd ist nach dem Fleisch gezeugt worden, der von der Freien aber kraft der Verheißung. Diese Worte haben tiefere Bedeutung.“

Der Herr hatte zu Abraham gesagt: „Dieser soll nicht dein Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe sein.“ 1. Mos. 15, 4. Abraham glaubte dies, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Aber die Zeit verging, und Abraham wurde 85 Jahre alt, hatte aber immer noch keinen Sohn bekommen. Sara wurde ungeduldig und kam auf den Gedanken, dass ja alles natürlich vor sich gehen müsste. Sollten die Nachkommen Abrahams so zahlreich werden wie die Sterne am Himmel, dann musste er sich eine Frau nehmen, deren Mutterleib nicht verschlossen war und die nicht über das Alter hinaus war, in dem Frauen gewöhnlich Kinder bekommen. Sie fing an, sich mit ihrem menschlichen Verstand zu beraten. Sie wollte, dass die Verheißungen Gottes an Abraham in Erfüllung gehen sollten; aber sie hatte nicht die Ruhe in ihrem Geist, um abzuwarten, bis die Zeit des Herrn kam. Sie wollte die Ausführung des Willens Gottes beschleunigen, selbst wenn dies dadurch geschehen sollte, dass sie Abraham ihre Magd zur Frau gab. Unter anderen Umständen wäre dies das Allerletzte gewesen, was sie zugelassen hätte. Sara diente hierin dem Gesetz Gottes auf menschliche Weise; und so wurde dann auch in Übereinstimmung mit dem Willen Saras von ihrer Magd ein Sohn nach dem Fleisch geboren.

Ein Mensch, der auf natürliche Weise sein Bestes tut, um Gott zu gefallen, bringt Werke nach dem Fleisch hervor. Man kennt den Willen (das Gesetz) Gottes und man tut diesen auf seine eigene Weise, auf eine natürliche und menschliche Art.

„Die beiden Frauen bedeuten zwei Bundesschlüsse: einen vom Berg Sinai, der zur Knechtschaft gebiert, das ist Hagar; denn Hagar bedeutet den Berg Sinai in Arabien und ist ein Gleichnis für das jetzige Jerusalem, das mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt.“

Das Gesetz wurde am Sinai gegeben; dies ist Hagar. Dieses Gesetz gebiert Kinder zur Knechtschaft. Es fordert Heiligkeit und Reinheit vom natürlichen Menschen, der dadurch notwendigerweise wegen seiner unbewussten Verdorbenheit in Knechtschaft kommen muss.

„Als Hagar sah, dass sie schwanger war, achtete sie ihre Herrin gering.“ 1. Mos. 16, 4. Das ist immer noch so. Wenn der Gesetzesknecht Kinder zeugt, wird er stolz und achtet die Seele gering, die auf die Verheißungen des Herrn harrt, weil Letztere in seinen Augen unfruchtbar zu sein scheint. Hagar entspricht nicht nur Sinai, sondern auch dem jetzigen Jerusalem; das mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt.

Wer sind nun Hagars Kinder in unseren Tagen; wer sind die Kinder des irdischen Jerusalems, wer sind die Knechte nach dem Gesetz?

Alle, die nach den Verheißungen greifen, ohne auf den Herrn zu harren, der in uns das Wollen und das Vollbringen wirkt, sind Kinder Hagars. Ihre Werke sind eine Frucht von Knechtschaft und haben nichts mit dem Gehorsam des Glaubens zu tun. Sie gehören alle zu dem Jerusalem, das jetzt mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt. Als Sara von ihrer Magd um des Werkes willen, von dem sie geglaubt hatte, dass es von Gott wäre, gering geachtet wurde, wurden ihr die Augen aufgetan und sie verstand, dass es Menschenwerk gewesen war. Sofort ging sie zu Abraham und sagte: „Das Unrecht, das mir geschieht, komme über dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen. Der Herr sei Richter zwischen mir und dir.“

Hieraus verstehen wir, dass Abraham und Sara einig geworden waren, dass er die Magd zur Frau nehmen sollte. Abraham sagte: „Siehe deine Magd ist unter deiner Gewalt, tu mit ihr, wie dir’s gefällt. Als nun Sarah sie demütigen wollte, floh sie von ihr.“

Nun hatte Sara Licht bekommen, und sie verstand, dass der Sohn der Magd nicht der sein konnte, den Gott verheißen hatte; sonst wäre sie wegen ihrer Handlungsweise nicht gering geachtet worden. Sie wandte ihr Angesicht wieder der Verheißung zu, die Gott gegeben hatte, und wartete in Hoffnung auf den Sohn, der von ihr selbst kommen sollte. In dieser Hoffnung bekam sie solche Kraft, dass sie ihre Magd in dem Maß demütigte, dass diese vor dem Angesicht ihrer Herrin floh.

Haben wir ein Werk nach Saras erster Handlungsweise getan, dann wird es uns einmal klar werden, dass das hervorgebrachte Werk nur ein Sohn der Magd war. Man merkt dies daran, dass das Werk als solches nicht den Frieden und die Freude brachte, die uns ein Werk des Glaubens gebracht hätte. In Verbitterung über den schändlichen Fehlgriff wenden wir unser Angesicht wieder den Verheißungen Gottes zu, werden im Glauben gestärkt und dem Fleisch nach gezüchtigt, sodass man die Magd (sich selbst) hasst und auch ihren Sohn (das Werk, mit dem man Gott zu gefallen suchte).

Besonders in der ersten Zeit, ehe man einen geübten Sinn hat, um Gesetzeswerke und Glaubenswerke voneinander zu unterscheiden, kämpfen Sara und Hagar um die Macht. Hagar hat die meisten Werke, aber Sara lebt in der Hoffnung darauf, dass sie ein Werk des Glaubens vollbringen wird, und allein die Hoffnung hierauf macht sie so stark, dass sie Hagar mit all ihren Werken demütigt. Hagar floh vor dem Angesicht ihrer Herrin. Des Herrn Engel fand sie und sprach zu ihr: „Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand.“

Wenn wir auch nach der ersten Enttäuschung so verbittert werden, dass wir die Magd und deren Sohn weit von uns weg jagen, so kehrt sie doch nach dem Befehl des Herrn wieder ins Haus zurück mit der Anweisung, sich unter Sara, die freie Frau, zu demütigen.

Diese beiden Bündnisse kämpfen in der ersten Zeit nach unserer Bekehrung um die Macht; denn das, was alt und veraltet ist, ist nahe daran zu verschwinden. Wir treffen in den freien Versammlungen Menschen, die ihr ganzes Leben lang mit Hagar kämpfen. Sie glauben, dass alles Knechtschaft ist und dass alle Knechte sind, die nicht diesen Todeskampf führen. Doch Sara vermochte Hagar zu demütigen und hatte nicht vor, noch Nutzen von ihr zu bekommen. Sie machte Schluss mit dieser Sache und hielt Hagar später allezeit gedemütigt. So auch wir; durch Werke des Glaubens halten wir das Fleisch an dem Platz, an dem es sein soll und sprechen nun nicht mehr vom Kampf mit Hagar, sondern kämpfen den guten Kampf des Glaubens, um die Verheißungen zu erlangen.

Die meisten Christen sind Kinder Hagars und kommen nie an ihr vorbei. Deshalb heißt es: Die Magd hat viel mehr Kinder, als die den Mann hat, nämlich Sara. Gal. 4, 27. Sie können sogar die Geistestaufe bekommen, denn es steht: „Ja, auch über meine Knechte und über meine Mägde werde ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen.“ Apg. 2, 18.

Aber selbst wenn der Geist über sie ausgegossen ist, sind sie leicht zu erkennen; denn sie können ihre eigene Natur nicht verleugnen; sie kämpfen und suchen Macht nach dem Fleisch.

Sie schreiben und reden, wie es der natürliche Mensch tut, und nicht wie der Gottesmensch. Alles dreht sich um ihre eigene Person. Sie schreiben von Frau und Kindern, als ob die Erlösung anderer von ihren Familienverhältnissen abhinge. Sie preisen die Natur, Berge, Täler und Seen. Sie füttern ihre Leute mit Erzählungen darüber, wie sie auf ihren Reisen ihr Fleisch pflegen und rühmen diejenigen in Wort und Schrift, die mit ihren Mitteln dabei mithelfen.

Gottes Gemeinde, die durch Werke des Glaubens die Verheißung sucht, ihr schwören sie Feindschaft; denn sie glauben, dass sie alles in ihrer eigenen Mutter Hagar haben und hassen deshalb Sara, die in ihren Augen unfruchtbar scheint. Sie verfolgen die Kinder Saras, weil sie selbst das Erbe und die Herrlichkeiten behalten wollen.

Doch das wird nicht gelingen. Lass nur Hagar und ihre Kinder, die in großer Mehrzahl sind, sich ihrer großen Versammlungen, ihrer großen Pastorenund Pfarrertitel rühmen. Lass sie das irdische Jerusalem preisen durch Naturbeschreibungen und Reiseerzählungen. Wären sie vom Jerusalem, das droben ist, würden die Herrlichkeiten hier auf der Erde dermaßen verblassen, dass man schleunigst damit aufhören würde, die Schöpfung mehr als den Schöpfer zu loben und zu preisen.

Der natürliche Mensch kann dem Gesetz Gottes nicht untertan sein. Was hilft die Geistestaufe und die Weissagung, wenn man sich wieder auf Hagar und das irdische Jerusalem verlässt? Was nützt der Geist, wenn man ihm nicht gehorcht, sondern durch Verbindungen und Beziehungen jeder erdenklichen Art den Leuten zu gefallen sucht, deren Gesetze direkt vom Berg Sinai kommen? Dieses Wort ist wahr: „Auch über meine Knechte und über meine Mägde werde ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen.“

„Aber das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie; das ist unsere Mutter.“ Gal. 4, 26.

Wer sein Bürgerrecht im neuen Jerusalem hat, der lobpreist niemals das irdische Jerusalem. Der geistliche Sinn wird ihm dies verbieten. Was er droben sieht und hört, ist so viel wertvoller. Er ist wie eine Verschleierte bei den Herden seiner Gefährten und fragt: „Sage mir doch, du, den meine Seele liebt: Wo weidest du? Wo hältst du Mittagsrast?“ Hld. 1, 7. Er fragt nach dem, der die Herde weidet, und nach der Herde. Aber hast du jemals gehört und gesehen, dass den Kindern Hagars die Herden des Herrn am Herzen liegen? Die Herden des Herrn werden von droben geboren und wenn sie nicht ihre Nahrung vom himmlischen Jerusalem bekommen, sterben sie. Reiseerzählungen und Beschreibungen irdischer Herrlichkeit sind für sie wie Steine statt Brot, und sie sterben vor Hunger, wenn sie allein von einer Menge religiösem, fleischlichem Geschwätz über herrliche Dinge hier und dort leben sollen, die für ihr inneres Leben bei weitem keine Herrlichkeit sind gegenüber der Herrlichkeit, die für sie vom neuen Jerusalem offenbart wird.

Gehe deshalb nie zu löchrigen Zisternen, um Wasser zu holen! Suche nie Trost bei den religiösen Massen der Kinder Hagars; sie sind dazu geboren, deine Feinde zu sein. Mache dich vertraut mit diesem Gedanken, dann wirst du nie enttäuscht.

„Ihr aber, liebe Brüder, seid wie Isaak Kinder der Verheißung.“ Gal. 4, 28. Die Verheißungen werden nicht durch menschliche Anstrengungen erfüllt, sondern sie erfüllen sich in ihm und von ihm, der sie verheißen hat. Hagar ist von hier unten und strebt hinauf nach Sinai; die Kinder der Verheißung sind von droben aus unvergänglichem Samen durch das Wort Gottes geboren, das in Ewigkeit bleibt. Hagars Herrlichkeit findet man innerhalb des irdischen Jerusalems, deshalb sehen wir sie mit Begehrlichkeit nach den irdischen Gütern greifen; während die Kinder der Verheißung mit leeren Händen weggeschickt werden in der Kraft der Hoffnung, die auf die Stadt wartet, die einen festen Grund hat und deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.

Als Sara sah, dass Hagars Sohn nicht der Erbe war, empfing sie durch den Glauben Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie achtete den für treu, der es verheißen hatte. Hebr. 11, 11.

Die Kinder der Verheißung setzen ihr Vertrauen auf Verheißungen, die weit außerhalb der Reichweite des natürlichen Menschen liegen; und sie erlangen die Verheißungen durch Glauben. Die Kinder Hagars messen sich mit sich selbst und vergleichen sich mit sich selbst und können nicht fassen, wie man außer durch eigene Stärke etwas erreichen kann. Sie versuchen daher auch nicht, größere Herrlichkeiten zu erreichen als die, die ihre Natur zufrieden stellen können und die schon im irdischen Jerusalem, das jetzt ist, zu finden sind. Man sollte sich deshalb nicht darüber wundern, dass sie ganz entzückt sind von einer Autofahrt, einem prächtigen Versammlungssaal, einem schönen Sommerabend, usw. usw.

Lass dich deshalb nicht von ihrem vielfältigen Lobpreis der Natur und der irdischen Herrlichkeiten betören. Wir haben die himmlischen Herrlichkeiten vor Augen, die Herrlichkeiten, die bestehen bleiben, wenn Himmel und Erde vergehen. Daher, wenn wir die sichtbaren Dinge aufgeben und sie nicht vor Augen haben, sondern unseren Blick auf die unsichtbaren, die ewigen und unvergänglichen, richten, dann werden wir zweifellos die Erlaubnis bekommen, mit Christus dem Fleisch nach zu leiden. Aber dafür werden wir auch mit ihm verherrlicht werden!