Die Engel der Gemeinde und die Gemeinden
„Schreibe, was du gesehen hast, und was ist, und was nach diesem geschehen soll:
das Geheimnis der sieben Sterne, die du in meiner Rechten gesehen hast, und der sieben goldenen Leuchter. Die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter, die du gesehen hast, sind die sieben Gemeinden.“ Offb. 1, 19-20.
Die sieben Sterne in seiner rechten Hand sind also Engel der sieben Gemeinden, und die sieben goldenen Leuchter sind die sieben Gemeinden.
Christus wandelt mitten unter den Leuchtern und leitet die Gemeinden durch seine Sterne (Engel), die er in seiner rechten Hand hält. Diesen Engeln hat er Macht in der Gemeinde gegeben und zieht sie zur Verantwortung für ihre Werke.
Dem Engel der Gemeinde in Ephesus sagt er: „Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel, und sind’s nicht, und hast sie als Lügner befunden, und hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden.
Aber ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlässt.“ Offb. 2.
Dieser Engel hatte eine umfangreiche und gute Arbeit getan, er hatte die geprüft, die sagten, dass sie Apostel seien, und sie als Lügner befunden. Er hatte um Christi willen die Last getragen und war nicht müde geworden.
Aber er hatte seine erste Liebe verloren.
Diese glühende Liebe, die es vermag, zu Christus zu ziehen, und die alle und alles vereint – diese Macht der Liebe hatte er verlassen. Er hatte dadurch auch etwas von seiner Macht in der Gemeinde verloren.
„So denke nun daran, wovon du abgefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte – wenn du nicht Buße tust.“
Denke daran, wovon du abgefallen bist. Ja, wenn man daran denkt, dann gelingt es einem leichter, sich zu bekehren. Dies war eine Bekehrung innerhalb der Erlösung; er tat auch jetzt Werke, aber er sollte sich bekehren und die ersten Werke tun. Die Glut der ersten mitreißenden Liebe machte die Werke vollkommener als die später eher kalt berechnende Weise zu arbeiten.
Aber wenn du nicht Buße tust, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter aus seiner Stätte wegrücken.
Sollte die eingetretene Kühle anhalten, würde die Macht des Engels über die Gemeinde abnehmen; die Gemeinde selbst würde wie ihr Engel werden, und er würde nicht ganz vorne im Licht stehen bleiben können, wo der Meister unter den Leuchtern wandelte.
Die erste Liebe äußert sich nicht nur als Liebe; sie wirkt als brennender Hass gegen alle Heuchelei und falsche Lehre. Sie verteidigt die ehrliche Seele mit brennendem Eifer und hält ihr Schwert nicht vom Blut zurück. Im Kampf für Wahrheit und Recht kann ihr gegenüber nichts standhalten; denn die Liebe freut sich der Wahrheit, und um der Wahrheit willen verkehrt sie an einsamen Orten und erschließt Offenbarungen unter der Wegleitung des Geistes der Wahrheit.
Dem Engel der Gemeinde in Smyrna: „Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Synagoge des Satans.“
Eine Gemeinde, arm und in Trübsal, wird nicht sehr beachtet, besonders von denen, die im Schatten des Reichen sitzen und von sich selbst glauben, dass sie Juden seien. Sie verspotten auch heute noch die Armut und bewundern weltliche Größe, besonders wenn diese einen religiösen Anstrich hat. Aber der Herr sagt: Du bist reich; und dieses Zeugnis wiegt zehntausendmal den Spott von denen auf, die sich Juden nennen, aber die Synagoge Satans sind.
Dem Engel der Gemeinde in Pergamon: „Ich weiß, wo du wohnst: da, wo der Thron des Satans ist; und du hältst an meinem Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet, auch nicht in den Tagen, als Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet wurde, da, wo der Satan wohnt.
Aber einiges habe ich gegen dich: Du hast Leute dort, die sich an die Lehre Bileams halten, der den Balak lehrte, die Israeliten zu verführen, vom Götzenopfer zu essen und Hurerei zu treiben. So hast du auch Leute, die sich in gleicher Weise an die Lehre der Nikolaiten halten.“
Du wohnst dort, wo der Thron des Satans ist. Das bedeutet, dass du dort wohnst, wo die Gottlosigkeit ihre Hochburg hat, wo die Torheit in Ehren gehalten wird und die gerechte Seele Tag und Nacht wegen all der Gottlosigkeiten, die sie sieht und hört, in Angst sein muss. Auch Antipas wurde von diesen gottlosen Menschen getötet; und es stand kurz bevor, dass der Engel der Gemeinde an der Reihe war. Aber er hielt fest am Glauben Christi. Dies war äußerst rühmenswert.
Doch er hatte welche in der Gemeinde, die an der Lehre Bileams festhielten. Diesen Menschen hätte er Einhalt gebieten und ihnen ihre falsche Lehre entreißen sollen oder hätte er vor ihnen warnen und sie draußen halten sollen. Er war hier nicht wachsam. Und wie viel Elend entsteht nicht im Leben und im Wandel durch falsche Lehre? Wir haben in unsern Tagen genügend davon gesehen. Die Freiheitslehre hat sich weit hinaus in die Sünde gestreckt. Es ist deshalb dringend nötig, augenblicklich erbarmungslos den Kampf aufzunehmen gegen teuflische Lehren oder eine solche Unterweisung, die nicht zur Gottesfurcht führt. Wer nicht die Lehre Christi hat, der hat auch Gott nicht. Ein Engel der Gemeinde, der nicht über die Lehre wacht, ist nicht zu entschuldigen, selbst wenn er sonst viele gute Tugenden hat. Bileam unterwies für Reichtum und Ehre und gab Balak den Rat, dass er Israel besiegen könnte, wenn er sie dazu brächte, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen. 4. Mos. 25, 1 ff und 31, 16. Der Engel der Gemeinde hatte Macht von Gott, diese Lehre aus der Gemeinde auszurotten, aber er unterließ es um des Friedens willen oder aus Feigheit, gegen diese Lehre zu kämpfen. Und dies hatte Gott wider ihn. Gott liebt keinesfalls Frieden, wenn Satan in diesem Frieden seine Pläne aushecken kann.
„Tue Buße; wenn aber nicht, so werde ich bald über dich kommen und gegen sie streiten mit dem Schwert meines Mundes.“
Es heißt nicht vom Gemeindeengel, dass er auf die Lehre Bileams und die Lehre der Nikolaiten hörte; aber dennoch musste er sich bekehren. Er hatte stillschweigend diese Dinge durchgehen lassen und wurde auf diese Weise deren Beschützer. Davon brauchte er eine gründliche Bekehrung. Wenn nun der Gemeindeengel nicht kämpfen wollte, dann wollte der Herr selbst über ihn kommen, d. h. er wollte ihn untüchtig machen, die Personen, die eine falsche Lehre führten, zu verteidigen; und dann wollte der Herr andere Personen erwecken, die gegen solche kämpfen sollten.
Dem Engel der Gemeinde in Thyatira: „Ich kenne deine Werke und deine Liebe und deinen Glauben und deinen Dienst und deine Geduld und weiß, dass du je länger je mehr tust.
Aber ich habe gegen dich, dass du Isebel duldest, diese Frau, die sagt, sie sei eine Prophetin, und lehrt und verführt meine Knechte, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen.“
Dieser Gemeindeengel hatte Liebe, Glauben, Geduld – und er diente; ja, er hatte sogar die Anzahl seiner Werke gesteigert.
Doch ließ er die Frau Isebel regieren. Sie brach nieder, was er aufbaute; und dies ließ er zu. Wie viele Gemeinden sind nicht von der einen oder anderen Frau - einer Isebel – die gerne regieren wollte, heimgesucht worden? Und hat der Gemeindeengel ihr dann gestattet, in einer Sache mitzuregieren, hat sie ihm bald das Steuer aus der Hand genommen; und er hat es später nicht geschafft, das Steuer wieder zu übernehmen.
Wäre es nicht besser, dass ein Mann mit Liebe, Dienersinn, Glaube und guten Werken fest und unerschütterlich leitet, als dass er aus Schwachheit einer Frau nachgibt, deren Werke darin bestehen, die Seelen auf Abwege zu führen? Gewiss nannte sie sich selbst eine Prophetin; aber solche Prophetinnen – Gleichgesinnte von Isebel – sollten sofort mit dem Schwert des Geistes zerhauen werden, damit sie keine Zeit und Ruhe dazu bekommen, innerhalb der Gemeinde ihre Kinder zu gebären. Sie sind und werden ohnehin eine Beute des Todes. Offb. 2, 23.
Dem Engel der Gemeinde in Sardes: „Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.
Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott.“
Dieser Engel war abgestumpft. Er hatte Interessen auf der Erde, die sein geistliches Leben bis in den Tod schwächten; aber noch hatte er den Namen, dass er lebte und dass er seinen Dienst als Gemeindeengel verrichtete. Aber vor Gott waren seine Werke nicht vollkommen; denn wenn das Leben erstorben ist, dann sind die Werke tot. Werde wach! Diese Ermahnung gibt zu erkennen, dass ein geistlich toter Zustand in der Sünde nicht eingetreten war. Er war nur tot als Diener des Herrn. Seine Werke als Gemeindeengel waren unbrauchbar. In dieser Bedeutung war er tot; aber dennoch hielt man ihn für den richtigen Mann und für fähig, seine Aufgabe zu erfüllen. Niemand von den anderen in der Gemeinde konnte ihn ablösen. Gott hatte ihn in seine Stellung gesetzt, und seine Gnadengaben und seine Berufung gereuen Gott nicht. Deshalb redet er auch zu niemand anderem als zum Gemeindeengel und bittet ihn, wach zu werden; denn niemand hatte so eine Macht wie er, die anderen zu stärken. Obwohl nun der Engel der Gemeinde so untauglich war, hatte er doch einige wenige Personen in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt hatten. Deren Kleider waren rein; aber ihnen konnte das Amt eines Gemeindeengels nicht übertragen werden; sie hatten nicht die Berufung von Gott dazu. Aber sie waren rein und sollten mit dem Herrn in weißen Kleidern einhergehen.
Dem Engel der Gemeinde in Philadelphia: „Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.“
Du hast eine kleine Kraft, hast aber doch mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet. Dieses Wort und dieser Name haben bemerkenswerte bewahrende Fähigkeiten. Selbst wenn die Kraft klein ist, so ist doch der Name stark und das Wort ewig. Dies war es auch, was die Gemeinde zusammenhielt. Es war nicht leicht für falsche Lehren, Fuß zu fassen, wenn der Engel der Gemeinde an Jesu Wort festhielt. Wenn auch die Kraft klein war, hatte das Wort, an dem er festhielt, Macht, das Unreine auszusondern. Dies war sehr rühmenswert. Gott wollte ihn daher auch dafür ehren, indem er einige aus der Synagoge Satans kommen lassen wollte, solche, die von sich sagten, dass sie Juden seien, es aber nicht waren. Diese Menschen würden gewiss all ihre Kunstgriffe gegen diesen Gemeindeengel anwenden, der eine so kleine Kraft hatte, denn sie gehörten nicht von ungefähr zur Synagoge Satans. Weil er aber an dem Wort des Herrn festhielt und seinen Namen nicht verleugnete, sollte es ihnen nicht gelingen, ihn zu übermannen. Gott würde es sogar so machen, dass der Gemeindengel es ihnen dermaßen zeigen würde, dass sie vor seinen Füßen niederfallen würden und erkennen, dass Gott ihn liebte.
„Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!“
Dem Engel der Gemeinde in Laodizea: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest!“ „Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.“
Dieser Engel war weder kalt noch warm, weshalb ihn der Herr aus seinem Mund ausspeien wollte.
Er sagte von sich, dass er reich war und Überfluss hatte, und wusste nichts von seiner Armut, Blindheit und Blöße. Er hatte einmal ein so gründliches Bad in der Gnade erlebt, dass er sich selbst reich dünkte. Er lebte von diesen herrlichen Erinnerungen bis weit hinein in die Armut. Anstatt heute auf die Stimme des Herrn achtzugeben, wandte er sich immer wieder zurück zu den alten Erinnerungen an die Bekehrung und die Geistestaufe. Er vergaß es, heute vom Wort des Herrn zu leben, und so zog er die ganze Versammlung in Erinnerungen an die Vergangenheit hinein, wo man sich reich und mächtig fühlte. Aber heute herrschte die Armut; die Schande seiner Blöße begann sichtbar zu werden.
Was er brauchte, war Gold, das im Feuer geläutert war. Bis jetzt war das Feuer ihm ein Schrecken gewesen; er erwartete alles ohne Opfer, ohne Gemeinschaft der Leiden mit Christus, ohne Mühe. Aber der Herr gab ihm einen guten Rat, nämlich Gold zu kaufen, das im Feuer geläutert war.
Man sagt, dass der Zustand dieses Gemeindeengels sehr auf die Gemeinde in unserer Zeit zutrifft. Obwohl ich nicht im geringsten an all diese nach menschlicher Weise erdachte und ausgefeilte „Lehre“ glaube, insbesondere wenn man in den einfachsten für das Leben notwendigen Wahrheiten Unklarheit erkennen lässt, so will ich zugestehen, dass dies hier ausnahmsweise ausgezeichnet zutrifft. Denn noch nie haben die Nackten sich so bekleidet gefühlt wie gerade jetzt, und noch nie hat man sich in seiner Armut so reich gefühlt wie jetzt. Ohne Feuer, ohne Leiden und ohne Opfer rühmt man sich einer gewaltigen Geistesfülle und Macht. Diese Beschreibung passt daher ausgezeichnet auf unsere Zeit. Ohne Erkenntnis der nötigsten einfachen Wahrheiten erörtert man Dinge, von denen die Vollkommensten in Christus erkennen müssen, dass sie darin keine Einsicht bekommen haben. Man reist mit überaus selbstbewusstester Miene umher und redet von Dingen, die man noch nie gesehen hat – selbstgefällig, aufgeblasen in seinem fleischlichen Sinn. Man wird ihnen Recht geben, sie leben in Laodizea – und der Herr steht draußen vor der Tür und klopft an. Offb. 3, 20.
