An S. F.
Nachdem Sie meinen Artikel vom 28. Nov. vorigen Jahres im „Missionæren“ „eingehend geprüft“* haben, ersuchen Sie mich, eine ansprechendere und rechtschaffenere Einnahmequelle als Basare und dergleichen vorzuschlagen, um Geld für die Sache Gottes zu beschaffen. Es soll mir eine große Freude sein, dieser Aufforderung nachzukommen – soweit Licht und Vermögen es zulassen. Doch habe ich in keinster Weise – weder mit diesem noch mit dem vorigen Artikel – vor, Menschen zu gefallen. Denn wir sind dem Fleisch nichts schuldig – weder Ihrem noch unserem. Dagegen sind wir durch die Gnade, die in Christus ist, Diener des Geistes geworden. Und da dieser Dienst ein Dienst in Herrlichkeit ist, 2. Kor. 3, 8, können wir ihn mit desto mehr Eifer und Freude ausüben.
Aber jetzt zur Sache.
Ich sehe, dass Sie höchst erstaunt darüber sind, dass ich diesem Basarwesen so hart zu Leibe rücken kann. Ich habe gerade eine religiöse Festschrift vor mir liegen und hier bekommen Sie eine kleine Kostprobe davon, was sie darbietet:
Die Frauenvereinigung arbeitet treu,
sie diesen Ruf hat sich bewahrt.
Wenn alles steht still, ist ihr Schwung immer neu,
sie bringt den Verein stets in Fahrt.
:,:Ja, sie bringt uns viel ein:,:
und wenn wir im Herbst dann haben Basar,
dann zaubert das Geld sie herein.
Es ist nämlich gut möglich, große Basare, große Feste und vieles andere Große zu veranstalten, doch wer bekommt die Ehre? Lesen Sie die obenstehenden Verse noch einmal, vielleicht wird es dann verständlicher. Jesu Worte: Sie haben ihren Lohn schon empfangen, kommen mir beim Gedanken an all dieses sehr nahe. Die Ehre bekommen die Menschen und Gott soll sich mit dem Kleingeld zufriedengeben. Dem armen Mann wirft man auch ein paar Münzen zu; aber so etwas wie Ehre behält man für sich selbst.
Übrigens bekommt bestimmt auch Gott nicht so viel von dem Kleingeld ab. Denn wenn ich recht gesehen habe, bauen sie sich davon selbst große, prächtige Häuser, damit man es auf alle menschliche Weise richtig wohnlich und bequem und gemütlich haben kann. Genauso machen es alle möglichen weltlichen Vereine. Wenn also jemand denkt, das sei, Gottes Reich zu bauen, dann will ich raten, Gott darum zu bitten, dass solche davongaloppierenden Gedanken unter den Gehorsam Christi gefangengenommen werden mögen. Vielleicht wird man dann zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Ich fürchte sehr, dass fleischliches Wohlergehen den Löwenanteil des Geldes verbraucht. Aber was bleibt dann für Gottes Sache übrig, muss man unwillkürlich fragen.
Gottes Sache in Geist und Wahrheit fordert nicht so viel. Paulus, von dem man wohl auch sagen muss, dass er ein wenig für Gottes Sache getan hat, bezwang seinen Leib und hielt ihn in Knechtschaft, damit er, der anderen predigte, nicht selbst verwerflich würde. Demnach war nicht soviel nötig, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er musste den Leib bezwingen, um nicht verwerflich zu werden. Man sollte daher annehmen – nach aller gesunden Logik zu urteilen – dass die Verkündiger, die tausende von Kronen pro Jahr für ihren Leib aufwenden, bereits verwerflich sind.
Was Komfort betrifft, sieht es auch nicht danach aus, dass dafür bei Paulus große Summen verbraucht wurden, denn er war in Gefahr durch Flüsse, unter Räubern, unter seinem Volk, unter den Heiden, in Städten, in der Wüste, auf dem Meer, unter falschen Brüdern, bei Arbeit und Mühe, oftmals in Nachtwachen, in Hunger und Durst, in Fasten, in Frost und Blöße, 2. Kor. 11, 26 und 27.
Ich glaube kaum, dass diese Dinge größerer Summen bedürfen. Dagegen glaube ich, dass gerade alle diese Gefahren sehr notwendig waren für einen Diener des Herrn, der imstande sein soll – ohne aufgeblasen zu werden – so viel Erkenntnis Gottes, wie Paulus sie besaß, zu empfangen und zu behalten. Hieraus muss ich unwillkürlich schließen, dass Geldmittel etwas sind, was Gott so weit wie möglich von uns fernhalten muss. Denn das Fleisch will sich gerne auf Güter verlassen und für viele Jahre Ruhe haben und essen und trinken und fröhlich sein und größere Scheunen bauen. Jakobus sagt in Kap. 5, 1: Wohlan nun, ihr Reichen: Weint und heult über das Elend, das über euch kommen wird! Vers 5: Ihr habt geschlemmt auf Erden und geprasst und eure Herzen gemästet am Schlachttag. Hieraus kann man lernen, dass man, je wohlhabender man ist, umso mehr dazu neigt, sich selbst zu pflegen. Doch je mehr man sich selbst pflegt, desto unfähiger ist man in der Arbeit für Gottes Reich. Dies gilt für den Einzelnen, aber da große Vereinigungen aus den Einzelnen bestehen, gilt dort dieselbe Regel.
Mt. 10, 7: Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Vers 9 ff.: Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Reisetasche, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.
All dies scheint mir eine preiswerte Ausrüstung zu sein, vom Erlöser selbst angeordnet.
Warum hat Gott es nun so geregelt, dass beinahe nichts benötigt wird, um Gottes Sache aufrechtzuerhalten? Das hat er einzig und allein aus dem Grund gemacht:
1. Kor. 4, 11-13: Bis auf diese Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße und werden geschlagen und haben keine feste Bleibe und mühen uns ab mit unsrer Hände Arbeit. Man schmäht uns, so segnen wir; man verfolgt uns, so dulden wir’s; man verlästert uns, so reden wir freundlich. Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute. Unter solchen Umständen predigte Paulus unentgeltlich. 1. Kor. 9, 12.
1. Kor. 9, 13. Wisst ihr nicht, dass, die im Tempel dienen, vom Tempel leben, und die am Altar dienen, vom Altar ihren Anteil bekommen?
Hieraus sehen wir, dass diejenigen, die im Heiligtum dienen, vom Heiligen essen sollen. Aber kann man nun sagen, dass die Einkommensquellen, die man benutzt, so besonders heilig sind? Ob es nicht ab und zu vorkommen könnte, dass diejenigen, die davon essen, etwas Unheiliges zu sich nehmen?
2. Kor. 11, 12-13: Hier sehen wir, dass es falsche Apostel und betrügerische Arbeiter gab, die sich als Christi Apostel verstellten. Von diesen sagt der Apostel, dass er den Korinthern das Evangelium weiterhin unentgeltlich verkündigen wollte, damit sie (die falschen Apostel) es ihm auch darin gleichtun sollten. Hier traf er wirklich den Nagel auf den Kopf. Denn eben um weltlichen Gewinnes willen predigten sie ja. Solche Kerle sind teuer und es wundert mich wahrhaftig nicht, dass man zornig wird, wenn jemand den Einnahmequellen Einhalt gebieten will. Denn man braucht ja eine Menge Geld, um so ein Heer zu unterhalten. Aber solche Leute haben ja zu allen Zeiten den Hauptanteil ausgemacht, siehe 1. Kön. 22, 5 ff. Hier hatten Josaphat, der König Judas, und Ahab, der König Israels, nicht weniger als 400 Propheten um sich versammelt, die alle Lüge prophezeiten. Und einer von ihnen, der Sohn Kenaanas, hatte sich sogar eiserne Hörner gemacht und sprach: So spricht der Herr: Hiermit wirst du die Aramäer niederstoßen, bis du sie vernichtet hast! Und alle Propheten weissagten ebenso und sprachen: Zieh hinauf nach Ramot in Gilead, und es wird dir gelingen, denn der Herr wird es in die Hand des Königs geben!
Alle diese 400 Propheten waren Ahabs Propheten und Ahab war ja ein sehr gottloser Mann. Hier machte sich der Unglaube geltend. Er musste eine Menge Propheten haben, denn auf einen einzelnen wagte er nicht zu vertrauen. Es gehörte wohl einiges dazu, diese 400 zu versorgen, die nicht gerade mit Brot und Wasser der Trübsal ernährt werden sollten.
Josaphat, der ein sehr gottesfürchtiger Mann war, merkte bestimmt schnell, dass man diesen 400 Propheten nicht so ganz vertrauen konnte. Deshalb fragte er auch, 1. Kön. 22, 7, ob es nicht noch einen Propheten des Herrn gab, durch den man den Herrn befragen konnte. Doch, es gab noch einen, nämlich Micha, den Sohn Jimlas. Er prophezeite auch, aber er sagte die Wahrheit, was zur Folge hatte, dass Ahab ihn in den Kerker werfen ließ, um ihn mit dem Brot der Trübsal und dem Wasser der Trübsal zu speisen, bis er wohlbehalten zurückkäme.
Aus all diesem kann ich nichts anderes schließen, als dass Gottes Sache sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart keine so großen Geldopfer erfordert. Was aber nötig ist, sind ganzherzige Frauen und Männer, die die Gottesfurcht nicht nur als ein Mittel zur Bereicherung betrachten, sondern willig sind – wenn es sein sollte – um des Namens Christi willen zu leiden.
Geld für Gottes Sache kann nur von gottesfürchtigen Personen gegeben werden, die den Glauben Christi haben. Und diejenigen, die im Heiligtum dienen, sollen von diesem Heiligen essen. Zu diesen Leuten Gottes wird gesagt: Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.
Hiermit betrachte ich diese Angelegenheit von meiner Seite aus als erledigt. Und wenn jemand meint, dass es nicht schriftgemäß genug sei, so hoffe ich doch, dass es mir erspart bleibt, eine Menge Schriftstellen aus der Bibel abzuschreiben; jeder hat sie ja selbst bei sich. Wenn jemand meint, das seien zu starke Worte, dann muss man wissen, dass nicht die Worte geprüft werden sollen, sondern die Kraft, denn das Himmelreich besteht nicht in Worten, sondern in Kraft.
Und jetzt zum Schluss, mein lieber „S. F.“, einen herzlichen Gruß mit Joh. 12, 24.
* Missionæren Nr. 49 – 5. 12. 1907
