Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Missionæren Nr. 45 – 7. November 1907 - Liebe

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Liebe

Man findet in unserer Sprache kaum ein so sehr missbrauchtes Wort wie das Wort „Liebe“. In Wort und Schrift wird verbreitet, dass es in den Tagen der Apostel richtig viel Liebe gab, aber jetzt gibt es nichts mehr in der Art. Es ist ungefähr so, als ob jeder einzelne still auf seinem Schemel sitzt und nur verlangt, dass man ihm aufwarten soll – ihm Liebe erzeigt, wie es heißt. Der Schuhmacher soll Schuhe kostenlos nähen, der Schneider Kleidung, der Herausgeber verschickt das Blatt gratis, usw. Wenn nicht, ja dann besitzt man nicht die geringste Liebe. In den Tagen Jesu lief das Volk ihm zu Tausenden nach, damit sie Brot zu essen bekämen und satt würden. Dieselbe Auffassung vom Christenleben ist auch heutzutage sehr üblich. Aber es muss gesagt werden, dass es wohl kaum selbstsüchtigere und egoistischere Menschen gibt als solche, die wie ein löchriger Brunnen nur fordern, fordern und nie voll werden können.

Die echte Liebe ist von der Beschaffenheit, dass sie nur dient, ohne einen einzigen Augenblick an irgendeine Gegenleistung zu denken. Sie opfert nur, fordert nie.

Oder was hätten wir Menschen auf Lager, womit wir Gott vergelten könnten, dass er seinen Sohn gesandt hat? Gott ist die Liebe selbst und wenn er nichts fordert, dann müssen auch wir aufhören zu fordern, wenn wir überhaupt vorhaben, auf dem Weg, der zum Vater führt, zu laufen. Es finden sich kaum Wesen, die weniger zur Hilfe sind als solche, die nur als Schmarotzerpflanzen auf ihren Mitmenschen sitzen wollen und nach Liebesbeweisen schreien. Es ist an der Zeit, dass wir jetzt richtig aufwachen und selbst anfangen, Liebe zu erzeigen, auch wenn Hohn und Spott unser Lohn werden sollten. Lass den, der nur in seiner Sofaecke sitzen will und Bedienung fordert, dort sitzen. Denn solche Leute sind weder in den Tagen der Apostel noch in unseren Tagen etwas anderes als eine Bremse gewesen, von denen sich der Heiland trennte und von denen auch wir uns absolut trennen müssen. Solche Menschen benutzen das Christentum nur als Mittel zum Gewinn; zur Pflege des Fleisches. Aber wir sind weder ihrem noch unserem Fleisch irgendwelche Pflege schuldig.

Wenn man seine Augen ein bisschen aufmachen und sich umsehen will, wird man jetzt in unseren Tagen mehr Liebe finden, als man ursprünglich geahnt hat. Gottes Liebe ist durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen. Doch die Sache ist die, dass wir einander nur nach dem Geist lieben können, weil wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch kennen. Aber derjenige, der findet, dass es in unseren Tagen so grässlich wenig Liebe gibt, geht vermutlich umher und sucht nach jemandem, der ihn nach dem Fleisch lieben kann. Und dann findet er natürlich niemanden und dann macht er seinem Zorn Luft: „Es gibt keine Liebe heutzutage.“ Daran erkennen wir, dass wir Gott lieben, dass wir seine Gebote halten. Gottes Gebot ist jedoch, dass wir einander lieben sollen. Dies kann man nur mit einem reinen Herzen tun – einander inniglich aus reinem Herzen lieben, heißt es. Aber wenn jemand sauer und griesgrämig dasitzt und keine Liebe finden kann, dann will ich so jemandem raten, sich kräftig zusammenzureißen und sich in Geist und Wahrheit zu Gott zu bekehren. Dann wird ihn bestimmt der Geist, der die Liebe mit sich bringt, so gründlich von Liebe überzeugen, dass er alle Menschen lieben wird. Und dann wird er sich kaum darum scheren, wenn ihn nicht alle Menschen lieben. Die gewöhnliche Auffassung von der Liebe ist, dass sie klein beigeben und zu allem Möglichen ja sagen soll, mit dem man gerne aufwarten möchte. Ich persönlich bin zu ganz anderen Ergebnissen gekommen.

Euer in der Zucht der Liebe bewahrter

Horten, 29. Oktober 1907