Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Brief an den „Missionæren“, 26. Oktober 1907

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 26. Oktober 1907
An den „Missionæren“.

Man kann kaum eine Zeitschrift lesen, welcher Art auch immer, ohne dass der eine oder andere darüber jammert, dass es in unserer Zeit so wenig Liebe gibt. In den alten Tagen, zur Zeit der Apostel, da war alles gut, aber nun ist alles so verkehrt.

Solches Gerede kommt natürlich einzig und allein daher, dass man keine Spur Verständnis davon hat, was Liebe ist. Wer von den Menschenkindern hat Gott zuerst geliebt, dass er kraft dieser Liebe seinen Sohn hätte senden können? Ist nicht Gottes Liebe von der Art, dass er seinen Sohn in die Welt sandte, um zu leiden und zu sterben, als wir noch Sünder waren? Die echte Liebe fordert nie etwas, sie gibt nur. Die Eigenliebe aber jammert sowohl schriftlich als auch mündlich darüber, wie wenig Interesse man ihr entgegenbringt. Der Schuhmacher soll ihr die Stiefel kostenlos nähen, der Schneider die Kleider, der Herausgeber ist schuldig, ihr die Zeitschrift kostenlos zuzuschicken. Mit anderen Worten: Alles und alle sind schuldig, sie zu ehren, hellwach zu sein, um sie zu bedienen, vor ihr den Hut zu ziehen, sie anzubeten und zu bewundern. Wenn nicht, dann schreit sie: „Heutzutage gibt es keine Liebe!“

Gott, der die Liebe selbst ist, lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute, lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte; er fordert nie, sondern gibt nur. Wenn nun wir vollkommen werden sollen, wie unser himmlischer Vater vollkommen ist, ist es an der Zeit, dass wir aufhören, zur Zeit und zur Unzeit zu verlangen und zu fordern, sondern vielmehr danach trachten zu geben. Die echte Liebe ist früh und spät wirksam, fordert aber nie irgendeine Gegenleistung.

Genauso wie man sich im Natürlichen ertüchtigen kann, kann man das auch im Geistlichen tun. Es gibt wohl kaum unnützere Wesen, als solche verdrehten Menschen, die nur als Schmarotzergewächse leben und nur fordern, fordern, ohne jemals zufrieden zu sein.

Was wir in unseren Tagen brauchen, sind Männer und Frauen, die die Quelle der Liebe, aus der sie schöpfen können, in ihrer eigenen Brust haben. Leute, die Hohn und Spott und Speichel ertragen und die wie Paulus willig sind zu sagen: Verlästert man uns, ermahnen wir. Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehrricht, bis heute, 1. Kor. 4, 13. Aber von solchen Perlen wachsen im Lauf jedes Jahrhunderts nicht viele heran.

Seitdem ich im Jahr 1900 die Geistestaufe bekam, habe ich keinen einzigen Tag ohne Kampf erlebt. Knuffe einstecken und Knuffe austeilen ist tägliches Brot gewesen. „Aber hat dir denn niemand Liebe erwiesen“, fragst du. Hierauf will ich nur antworten, dass ich froh bin, leben zu dürfen – weit weniger habe ich etwas zu fordern. Wir haben viele Kanten, die von uns abgehauen werden müssen, bevor wir von der Hand des Meisters fertig gebildet sind. Ja, die Hand des Meisters, sagst du – wenn es nur er wäre, dann wäre es noch in Ordnung. Aber wir sind ja allen möglichen Angriffen vonseiten der Menschen ausgesetzt. Hierauf kann man nur antworten, dass die Schrift, die nicht aufgehoben werden kann, sagt: Sie sind alle dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die die Seligkeit ererben sollen; und dass alle Dinge denen zum Besten dienen, die Gott fürchten und lieben.

Höre nun auf damit, dich selbst zu lieben und andere zwingen zu wollen, dich dem Fleisch nach zu lieben. Hältst du dich aber für eine ehrenwerte Persönlichkeit – etwas Besonderes vor anderen – jemanden, dem alle zu dienen schuldig sind, dann wisse, dass alles Fleisch Gras ist. Es könnte vielleicht an der Zeit sein, daran zu erinnern, dass die Liebe im Geist liegt und nicht im Fleisch und dass wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch kennen – nicht einmal uns selbst. Denn, als wir im Fleisch waren, Röm. 7, 5, war es schlecht um uns bestellt. Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden und ihm abgestorben, das uns gefangenhielt, sodass wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.

Im „Missionæren“ vom 17. Oktober des Jahres wünscht Br. Ludvig Ellingsen, dass mehrere sich äußern sollten, wie sich ein Christ zur Abstinenzbewegung stellen sollte – ob man nicht auf die eine oder andere Weise zu deren Förderung beitragen könnte usw.

Bei dieser Gelegenheit ist es mir eine Freude zu sagen, dass das, was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch. Die Abstinenzbewegung ist eine Sache äußerlicher Art, die daran arbeitet, die Menschen im Fleisch zu verbessern. Christi Sache dagegen ist, das Fleisch zunichtezumachen. Haben wir Christus richtig lieb, werden wir sehr schnell herausfinden, dass alle unsere Fähigkeiten, all unsere Zeit und all unsere Kraft allein ihm geopfert werden müssen. Man soll ja nicht einen Professor als Lehrer in einer Grundschulklasse einsetzen, wo buchstabiert wird. Auch soll man nicht einen lebendigen Nachfolger Christi dazu einsetzen, sich um die Sache der Abstinenzbewegung zu kümmern. Lass den, der im Fleisch ist und der offene Augen dafür bekommen hat, dass es verkehrt ist zu trinken, sich um die Abstinenzbewegung kümmern. Es ist ja sehr gut möglich, ein Antialkoholiker zu sein und dennoch ein Knecht nahezu aller sonstigen Sünden zu sein. Aber wenn wir uns gegen ein einziges Gebot vergangen haben, sind wir in allem schuldig geworden. Also wird man – trotz völligem Verzicht in allem Möglichen – dennoch ein Trinker. Aber Unzüchtige, Hurer und Säufer werden das Reich Gottes nicht erben. Unsere Gemeinschaft jedoch ist nur mit denen, die im Licht wandeln und Erben des Himmelreichs sind. Also finde ich persönlich heraus, dass man von ihnen hinausgehen und nichts Unreines anrühren soll. Wenn man sich aber unter so etwas wohlfühlen kann und sogar dazu aufsteigen kann, dort zu einer Größe zu werden, dann beweist dies, dass man unheimlich wenig Verständnis davon hat, was es bedeutet, denen ein Geruch des Todes zum Tode zu sein, die verloren gehen. – Aus demselben Grund merken vielleicht auch diejenigen, die errettet werden, so unheimlich wenig vom Geruch des Lebens, über den solche Personen reden, die in Abstinenzvereinen, in politischen Vereinigungen und allen möglichen Arten von Vereinen die Größten sein wollen. Welche Gemeinschaft hat der Gläubige mit dem Ungläubigen? Welche Gemeinschaft haben Christus und Belial? Geht aus von ihnen, mein Volk und rührt nichts Unreines an, so will ich euch annehmen, spricht der Herr, der Allmächtige. Will jemand ein Abstinenzler sein, so sei er es für Gott, dann bekommt Gott die Ehre. Bist du es aber für einen Abstinenzverein, dann wird dieser die Ehre dafür bekommen und wird sich deines Fleisches rühmen können.

Euer in der Auferstehungskraft und Leidensgemeinschaft Anteil habender Bruder

Johan O. Smith