Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Brief an Aksel Smith, 27. Mai 1907

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 27. Mai 1907
Lieber Bruder Aksel,

vielen Dank für deinen lieben Brief vom 18. des Monats, aus dem man sieht, dass es euch in jeder Hinsicht gutgeht. Gott sei gedankt, der uns allezeit Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus, der als ein Licht in die Welt gesandt wurde. Zum Gericht ist er in die Welt gekommen; doch das ist das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist. Von Licht zu Licht zu gehen ist also von Gericht zu Gericht zu gehen. Weil aber das Gericht Christi Tod ist, wird die Folge davon, dass Christi Leben in unserem sterblichen Fleisch offenbart wird. Oder, wenn man so will: Der zweite Adam ist zu einem lebendigmachenden Geist geworden.

Der Wille Gottes ist unsere Heiligung. Diesem Willen müssen wir uns Stunde für Stunde, Tag für Tag voll und ganz unterwerfen. Es hat mich höchst erstaunt, dass ich eine Menge Christen getroffen habe, die nur den Kopf schütteln, wenn man davon redet, den Willen Gottes in Geist und Wahrheit in die Tat umzusetzen. Erst wenn man den Willen Gottes tut, lernt man die Lehre kennen, die von Gott ist. In unseren Tagen gibt es viele Winde der Lehre, aber es gibt nur eine Lehre, die zur Gottesfurcht führt. Diese Lehre lässt sich nicht vom Leben trennen. Kein Wunder, dass die meisten nichts von Gott wissen. Denn niemand kann zum Vater kommen außer durch den Sohn. Aber zum Vater (zur Vollkommenheit) zu kommen durch den Sohn (den Weg, den Mittler) bedeutet, den Weg des Gehorsams zu gehen, ohne zu feilschen und ohne sich selbst zu schonen. Hier hat jeder die Freiheit vorwärtszugehen. Doch je mehr man vorwärtsgeht, desto mehr hat man Anteil an der Gemeinschaft seiner Leiden und je mehr Gericht, desto mehr Sanftmut. Denn man wandelt in der Nähe des Herrn und das bewirkt, dass man sanftmütig wird. Es gab nicht einen Mann in Israel, der so sanftmütig war wie Mose. Er war der sanftmütigste Mann, den es gab. Aber es gab wiederum auch keinen, der so von Angesicht zu Angesicht mit Gott wandelte. Eure Sanftmut lasst alle Menschen erfahren! Der Herr ist nahe! Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Mt. 5, 5. Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Hieraus versteht man, dass es etwas Großes ist, sanftmütig zu sein; größer ist jedoch, geistlich arm zu sein. Der Sanftmütige ist dem Himmelreich nahe; doch der geistlich Arme lebt darin. Aber da wir auf der Erde Fremdlinge und fern vom Herrn sind, soll unsere Sanftmut davon zeugen, dass der Herr trotz allem dennoch nahe ist. Dies gilt für unser Wesen nach außen hin. Doch inwendig sind wir geistlich arm, denn das Himmelreich ist inwendig in uns. Also haben wir ein äußerliches und ein inwendiges Wesen vor uns, die beide zum erleuchteten Verstand gehören. Das Äußerliche soll sanftmütig sein und das Inwendige arm. Nun mag jedoch jemand sagen, dass das Äußerliche wie das Inwendige ist. Ja, für die Person selbst; doch nicht für denjenigen, mit dem man umgeht und der durch die Sanftmut erkennen soll, dass der Herr nahe ist. Einen armen Geist kann man nicht sehen; doch kann man ein sanftmütiges Wesen sehen. Die Sanftmut entspricht am ehesten der Reinigung mit Wasser und geistliche Armut der Reinigung durch das Blut. Gewaschen am Leib mit reinem Wasser (Sündenvergebung) – Reinheit wie Christus in seinem irdischen Leib. Doch nun haben wir den Eingang durch den Vorhang, das ist sein Fleisch. Nun zerbricht der Leib und das Blut kommt hervor. Wenn alles Blut ausgeschüttet ist, ist der Tod vollständig. Das Blut ist die Seele; er schüttete seine Seele aus bis zum Tod. Hier ging der erste Adam in den Tod, denn der erste Adam wurde zu einer lebendigen Seele. Nun wurde diese Seele ausgeschüttet, halleluja! Solange das Blut Christi uns noch reinigt (und das tut es, solange wir hier zuhause sind), haben wir nicht unsere ganze Seele in den Tod ausgeschüttet. Niemand kann größer werden als sein Meister. Der Geist des Vaters gab Christus Kraft, seine Seele auszuschütten. Diesen Geist nahm Christus in sich auf und nun heißt er Christi Geist, der uns lebendigmacht, wie er zuerst Christus lebendigmachte. Gott legte seine ganze Weisheit in die Ausbildung und in das Werk hinein, das er in Christus ausführte. Daher heißt Christus: „Gottes Weisheit“. Diese Weisheit wohnt leibhaftig in Christus, da das ganze Werk im Leib geschah. Dadurch ist Gottes Weisheit durch Christi Leib auf uns Menschen übertragen worden und das Werk Christi in uns ist unser Anteilhaben an der Weisheit Christi. Die Weisheit wiederum ist das Endprodukt von Gericht und Leiden. Daher beinhaltet die Weisheit in sich selbst Erfahrung, Geduld, Nachsicht, Langmut, Sanftmut und ein für die Welt und Satan unangreifbares Leben. Die Weisheit ist meine größte Lust. Sie ist mir mehr wert als auserlesenes Gold, denn sie macht mich unangreifbar. Sie befähigt mich, Schwierigkeiten zu meistern; sie gibt mir Mut und Sicherheit, Sieg und alles, was ehrbar ist. Die Gottesfurcht ist ein festes Bleiben am Herrn, und sie ist das Größte von allem hier auf der Erde. Die Weisheit ist das, was man im Umgang mit dem Herrn gelernt hat. Die Früchte der Gottesfurcht sind Weisheit; doch der weise Salomo konnte fallen. Wäre er jedoch gottesfürchtig gewesen, dann wäre er nie gefallen. Daher kann man sagen, dass die Gottesfurcht das Größte ist, denn in ihr liegt eine bewahrende Kraft, die nie versagt. Aber da die Gottesfurcht Weisheit hervorbringt, muss man ja sagen, dass die Weisheit ein Produkt der Gottesfurcht ist und als solche kann man diese beiden schwer voneinander unterscheiden. Daher ist es das Beste, gottesfürchtig zu sein und die Weisheit zugleich mit der Gottesfurcht zunehmen zu lassen, sodass das eine das andere hervorbringen kann und alles in Harmonie kommt.

Am Sonntag hatten wir Versammlung im „Bethel“. Ellefsen hat in der letzten Zeit große Fortschritte im Geist gemacht. Gottes Kraft kommt gewaltig über ihn. Er nimmt Tag für Tag an geistlichem Licht zu. Eine körperlich schwache Frau, die von Sozialhilfe lebt und es viele Jahre lang nicht gut hatte – obwohl sie eine Christin gewesen sein soll – freut sich nun, denn sie hat die Geistestaufe bekommen. Gestern weinte sie lange laut, sie weinte im Geist. Eine andere Frau, die in ihrem Herzen von Gott abgefallen ist, weil sie einen Geist der Eitelkeit angenommen hatte, kam nach vorne und bat uns, mit ihr zu beten, damit sie es wieder gut bekommen könnte. Sie sagte, sie empfände, dass Gott weit weg sei, und fragte, was die Ursache sein könnte. Ich erklärte ihr darauf, dass sie nach und nach ihren weltlichen Neigungen nachgegeben hätte und dadurch wäre ein anderer Geist nach und nach in ihr Herz eingedrungen, der bewirkte, dass Gott weit weg kam. Sie räumte ein, dass dies so der Fall war.

Nein, nun ist es spät geworden. Grüße alle zuhause.

Grüße die Geschwister und sei selbst auf das Herzlichste gegrüßt von deinem Bruder

Johan