vielen Dank für euren Brief vom 15. Mai, den ich heute erhalten habe. Dienstag und Mittwoch war Erik Andersen bei uns; seine Frau war auch dabei. Er predigte an beiden Abenden im „Bethel“ und das waren zwei gute Versammlungen.
Du sagst in deinem Brief: Ich schreibe diesen Brief nicht, um dich zu widerlegen, sondern um die Sache von einem anderen Blickwinkel aus zu betrachten.
„Es ist schon gut, wenn wir einander strafen, aber wir müssen vorsichtig sein, damit nicht wir selbst versucht und in einem Netz gefangen werden, das wir selbst, weil es so fein ist, nicht bemerken.“
Hierüber kann man viel sagen und es ist immer gut, über Dinge zu reden, die zur Lehre sein können. Ich selbst glaube nicht an das Netz Satans, es mag grob oder fein sein. Sondern das Vertrauen auf Gott und der Glaube an ihn machen uns stark und siegreich, sodass das Netz Satans wie Spinnweben wird – es hält nicht. Man kann auch nicht „halleluja“ sagen zu allem Möglichen, was in den Versammlungen hervorkommt, denn dann befürchte ich, dass alles innerhalb ganz kurzer Zeit von Unkraut erstickt würde. Es ist nötig auszujäten. Wenn wir von der Welt verspottet werden, dann sollen wir wegen unserer Geistlichkeit verspottet werden, denn dann sind wir Überwinder. Doch wenn wir so viel Dummheit begehen, dass wir wie Simson gefangen und gebunden und dann verspottet werden, so ist dies nicht zu Gottes Ehre, sondern eher zur Schande. Du erzähltest selbst, dass es „wie ein buntes Durcheinander“ erschien, zu sehen, wie eine ganze Schar sich selbst in einen geistlichen Zustand emporarbeitete. Da kann schon etwas dran sein, aber wenn etwas wie ein buntes Durcheinander aussieht, spreche ich das an, sodass die betreffende Person es korrigieren kann. Denn es gibt immer etwas zu korrigieren. Die Sache ist jedoch, ob man es in Liebe und Versöhnlichkeit sagen kann. Br. Berg und ich sind zwar oft in Kampf miteinander gewesen, aber wenn ein Dritter einen von uns angreifen will, wird er schnell erfahren, dass er nicht einen angreift, sondern zwei. Ebenso ist es ja bei Brüdern im Natürlichen.
Ich gehe also davon aus, dass das Ganze, wenn nicht lauter Wassertriebe wachsen sollen, beschnitten werden muss – und das rechtzeitig. Hier in Horten läuft es in gesunden Spuren und Satan hat nicht viel Gelegenheit, anzugreifen, denn man ist meistens nüchtern und Herr der Lage. Wir züchtigen nicht wie die zehntausend Zuchtmeister, die versuchen totzuschlagen, sondern Gott hat uns einen anderen Sinn gegeben, dass, wenn etwas korrigiert wird, dies dann für den Betreffenden zum Nutzen sein soll. Unsere Väter züchtigten zum Nutzen, aber die zehntausend Zuchtmeister züchtigen aus Hass um totzuschlagen.
Es wäre wohl das Beste, wenn alles so fehlerfrei zugehen könnte, dass es einem erspart bliebe, etwas korrigieren zu müssen. Aber so ist es nie gewesen und so wird es auch künftig nicht sein.
„Wer mit zu viel Autorität auftritt, wird gehasst werden“, heißt ein Sprichwort. Wenn man jedoch nicht mit mehr Autorität auftritt als mit der, die einem verliehen ist, dann geschieht alles geziemend, und es ist so, wie es sein soll. Derjenige jedoch, der sein Pfund nicht benutzt, sondern es in der Erde vergräbt, ist dumm. Wenn derjenige, dem von Gott die Gabe zu leiten zugeteilt ist, nicht leitet, dann werden andere auftauchen und ehe man sich versieht auf die breiten Wege hinausleiten. Daher soll man sein Pfund benutzen. Wenn ich früher schwach gewesen bin, dann bestand meine Schwachheit in zu viel Nachgiebigkeit. Du kannst sicher sein, dass die Diener Satans nicht sehr nachgiebig sind, wenn sie einen erst einmal mit der Kralle erhascht haben, aber dann ist es schon sehr spät.
Ich verstehe schon, dass du es gut meinst; doch auch ich meine, es gut zu meinen. Es steht geschrieben: „Überführe, weise zurecht, ermahne; es sei zur Zeit oder zur Unzeit.“ (2. Tim. 4, 2). Wenn jemand diese Aufgabe hat und diese in aller Langmut ausführt, dann geht er nicht zu weit, sondern arbeitet innerhalb seiner eigenen Grenzen. Er drängt sich nicht in ein fremdes Amt. Wenn jemand von dem erzählt, was er tagsüber arbeitet, dann sagen wir nicht zu ihm: „Du musst dich vorsehen, denn du kannst dich der Gefahr aussetzen, zu prahlen und in Satans feines Netz zu fallen.“ So auch im Geistlichen. Wenn wir nicht über das Maß des Glaubens hinausgehen, dann befinden wir uns innerhalb unseres Aufgabenbereichs. Wenn der Horizont dieses Aufgabenbereichs jemanden miteinschließt, dessen Horizont innerhalb des Horizonts des Erstgenannten liegt, geht deshalb der Erstgenannte zu weit?
Eine Mutter kann so eine Liebe zu ihren Kindern haben, dass sie alle deren Fehler übersieht, aber dann zieht sie Schlangen in ihrem eigenen Schoß auf.
Es war wohl ein gängiger Gedanke unter den Korinthern, dass sie meinten, dass Christus nur dann in ihnen war, wenn sie untüchtig waren (2. Kor. 13, 5). Ebenso jetzt, man muss so nett und freundlich sein, dass man sich auf der Nase herumtanzen lässt. Und man muss alle möglichen Verrücktheiten gewähren lassen, dann ist man liebevoll und gottesfürchtig, dann ist Christus in uns. Wenn wir untüchtig sind, dann ist Christus in uns, sagen die Leute. Kein Wunder, dass sie einen Beweis dafür forderten, dass Christus durch Paulus redete, als er die Torheit strafte.
Paulus wäre gerne als einer, der untüchtig war, bei ihnen gewesen, wenn nur sie tüchtig gewesen wären. Denn er vermochte nichts gegen die Wahrheit, sondern für die Wahrheit. Er sagt jedoch im entgegengesetzten Fall in 2. Kor. 13, 6: Ich hoffe aber, ihr werdet erkennen, dass wir nicht untüchtig sind.
Es ist jetzt halb vier Uhr nachmittags und ich habe vor, etwas hinauszugehen, vielleicht zu Ellefsen oder Berg.
Seid alle auf das Herzlichste gegrüßt von eurem Sohn und Bruder
Johan