Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Brief an Aksel Smith, 20. Dezember 1903

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Marviken, 20. Dezember 1903
Lieber Bruder Aksel,

das Buch, das ich von dir erhielt «Lysstreif over Livsproblemer» [Streiflichter über Lebensprobleme], habe ich teilweise gelesen. Es könnte interessant sein, seinen Inhalt und dessen Grundlage ein wenig zu betrachten. Ich will nicht dem Buch als Geschenk zu Leibe rücken, sondern dem Buch als Lehrmeister und Erzieher auf einem anderen Fundament als auf dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

Der Verfasser tut sein Äußerstes, das Gute im Menschen hervorzugraben und daraus ein Fundament zu formen und zu bauen, worauf eine Festung gebaut wird, die allem Bösen im Menschen widerstehen und es besiegen soll.

Gott sagt: Der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Doch dass wir den Unterschied zwischen gut und böse kennen, führt nicht dazu, dass wir gleichzeitig böse und gut sein können. Gott kennt den Unterschied zwischen gut und böse, aber „niemand“ ist gut als Gott allein. Also ist der Mensch in Bezug auf die Erkenntnis des Guten und Bösen in dieses „niemand“ eingeschlossen.

Röm. 3, 10 & folgende. Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer. Ihr Rachen ist ein offenes Grab usw.

Daraus ersehen wir, dass es im Menschen absolut kein brauchbares Material für ein gutes Fundament gibt, worauf etwas Gutes gebaut werden könnte.

Der Mensch ist von Natur aus mit seiner ganzen Existenz im Tod, weit weg von dem, der gut ist, nämlich Gott.

Alle, die in diesem Todestopf des Menschen graben und studieren, arbeiten vergeblich. Man kann sogar sein ganzes Leben opfern, ohne zu irgendeinem Ergebnis zu kommen. Gott hat alles unter die Sünde beschlossen, auf dass er sich aller erbarme. Alles, was unter die Sünde beschlossen ist, ist auch durch ihn und zu ihm geschaffen. Wenn nun ein Mensch sein ganzes Leben lang die Schöpfung und die Natur, die unter die Sünde beschlossen sind, lobpreist und Gedichte darüber schreibt, welchen Nutzen hat er davon, wenn er nie den Ursprung dieser Dinge kennenlernt, nämlich Gott? Die Welt mit ihrer Lust vergeht. Welchen Nutzen hat man dann davon, dass man das gepriesen hat, was vergangen ist? Und warum muss es vergehen? Eben weil es unter die Sünde beschlossen ist.

Eine schlechte Quelle kann kein gutes Wasser geben. Niemand ist gut als Gott allein. Er ist die Quelle, aus der wir Wasser trinken müssen und so zufriedengestellt werden, dass wir nie mehr dürsten. Du, dies ist etwas anderes als das, was in dem genannten Buch steht, wonach man sich im Augenblick des Todes mit einem Lichtstreif am Himmel begnügt.

Im natürlichen Menschen ist nichts Gutes, darum muss ein Mensch von Neuem geboren werden. Das Neue, das in uns geboren wird, ist nichts weniger als Jesus Christus selbst. Er ist gut, weil er mit dem Vater eins ist; und in Jesus Christus gilt auch nichts anderes als eine neue Schöpfung. Warum gilt nichts anderes? Nun, weil es nichts Gutes außerhalb von ihm gibt.

Der Mensch hat gesündigt und darum muss er sterben. Wenn es im natürlichen Menschen etwas Gutes gäbe, dann würde dieses nicht sterben müssen. Aber nun stirbt ja der ganze Mensch, es bleibt nicht der geringste Rest von ihm übrig. Dasselbe gilt auch für den, der an Jesus Christus glaubt, denn sein Fleisch und Blut werden Gottes Reich nicht ererben. Aber der Unterschied ist, dass derjenige, der glaubt, durch seinen Glauben Jesus Christus in sich trägt. Und dieses neue Leben, auf das man nicht zeigen kann und das man nicht betasten kann, ist das, was lebt, wenn unsere irdische Hütte zerbrochen wird.

Man muss ja völlig blind und in den tiefsten Schlaf versunken sein, wenn man nicht verstehen kann, dass Himmel und Meer, Berg und Tal uns im tiefsten Herzensgrund nicht glücklich machen können. Im Innersten des Herzens gibt es ein schreiendes Verlangen, das zufriedengestellt werden möchte. Aber kein untergeordnetes Geschöpf kann dieses Verlangen stillen, denn wir sind ja selbst das Höchste aller Geschöpfe. Nur Gott kann Balsam für dieses schreiende Verlangen geben und es ganz zufriedenstellen. Wenn man auf diese Weise zufriedengestellt ist, dann sucht man nicht mehr beim Leberblümchen nach Zufriedenstellung, denn man ist zufriedengestellt.

Nur wer nicht zufrieden ist, kommt auf die merkwürdigsten Dinge, um dieses schreiende Verlangen zu stillen. Man sucht, das Verlangen beim Leberblümchen, beim sternklaren Himmel oder in der Natur als Ganzem zu stillen, aber man sucht es nicht bei dem, der die Natur schuf.

Wenn der Mensch von sich aus herausfindet, dass die Natur herrlich ist, wie viel eher sollte er dann nicht herausfinden, dass der, der sie schuf, über die Maßen reicher an Herrlichkeit ist.

Niemand rühmt oder bewundert Ibsens und Björnsons Werke, ohne dass er die Verfasser dieser Werke noch mehr bewundert. Nicht „Ja vi elsker dette landet“ (norwegische Nationalhymne: „Ja, wir lieben dieses Land“) erhielt den Nobelpreis, sondern deren Verfasser. „Ja vi elsker dette landet“ kann nie mehr hervorbringen als das, was es als solches beinhaltet, während ihr Verfasser mehr hervorbringen kann.

Also lass uns hieraus schließen, dass der Schöpfer weit wertvoller und herrlicher ist als die Schöpfung.

Wenn jemand „Ja vi elsker dette landet“ preisen und vergöttern, aber ihren Verfasser bespucken und verachten würde, dann würde das ja zeigen, dass der Betreffende ein blindes Huhn ist; was auch alle diejenigen sind, die die Schöpfung preisen und den Schöpfer nicht kennen.

Du, der du jung bist und dich für die Wahrheit interessierst: Verstehe, was Wahrheit im tiefsten Sinn ist und lass dich nicht von der schönen Oberfläche blenden, sonst bleibst auch du oberflächlich.

Wenn du Weisheit suchst, dann suche sie beim Ursprung der Weisheit, denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott. Alle Dinge sind durch Jesus Christus und zu Jesus Christus geschaffen. Darum können wir bei ihm alles Erdenkliche lernen.

Keine Weisheit kann vor Gottes Weisheit bestehen. Daher ist es das Erbteil der Knechte des Herrn, alle ihre Widersacher vor Gericht schuldigzusprechen.

Jetzt ist deine Zeit. Jetzt kannst du in falschen Theorien so verwurzelt werden, dass du nur schwer wieder davon loskommst. Aber nun kannst du auch so in Gottes teure Wahrheiten eindringen, dass du ein unüberwindbarer Professor in Gottes Weisheit wirst. Du musst selbst wählen, aber mein herzlichster Wunsch ist, dass du Letzteres wählst. Beurteile selbst, was richtig ist!

Dein Bruder

Johan