Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Brief an Aksel Smith, 15. Oktober 1906

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 15. Oktober 1906
Lieber Bruder Aksel,

vielen Dank für deine zwei Postkarten. Es war schön, die mit dem Haus darauf zu bekommen. Uns allen hier geht es gut und ich hoffe dasselbe von euch. Du bist jetzt nicht mehr so eifrig im Schreiben wie am Anfang; vielleicht hat dein Eifer nachgelassen. Eifer bewirkt völlige Festigung in der Hoffnung. Gott ist ein eifernder Gott. Gewiss kommen Trübsale und Widerwärtigkeiten aller Art, aber die Trübsale bewirken Geduld und die Geduld einen geprüften Sinn und ein geprüfter Sinn Hoffnung und die Hoffnung lässt nicht zuschanden werden. Also dienen alle Dinge demjenigen zum Besten, der Gott fürchtet und liebt. Aber Jünger Jesu zu sein, ist ein Leben in Selbstverleugnung und ein Leben, in dem man sein Kreuz trägt. Doch wird er uns nicht über Vermögen prüfen. Gott hat Gedanken des Friedens mit uns und seine Wege sind nicht immer unsere Wege. Wenn wir dann unseren Weg aufgeben sollen, um im Gehorsam dem Weg Gottes zu folgen, dann kann das schon schmerzen, besonders, wenn man Gelegenheit dazu hat, sich zu entziehen. Aber der Herr sagt: Wer aber weichen wird, an dem wird meine Seele kein Gefallen haben.

Er prüft zwar die Seinen im Ofen mit Feuer,
doch keinen von ihnen er jemals verstößt.
Die Trübsal, vor der dir graut, ist daher teuer,
weil eine verkleidete Segnung sie ist.

Die Prüfungen sind verkleidete Segnungen, das ist wahr. Ein Diener der Gemeinde muss zuerst geprüft werden. Wenn er treu erfunden wird, dann kann er in der Gemeinde dienen. Gold wird im Feuer geläutert und das Volk, dessen sich der Herr annimmt, im Ofen der Erniedrigung. Um geschmeidig und leicht beweglich zu werden, müssen wir uns genauso gut abwärts wie aufwärts bewegen können. Wer nur nach dem trachtet, was in den Augen der Welt groß ist, ist sehr schwerfällig, geknechtet und unbeweglich. Aber der Geist der Weisheit ist behende und er macht diejenigen, die ihn annehmen, ebenso. Gott achtet auf die kleinen Lebewesen im Staub an der Landstraße ebenso gewiss, wie er auf den König in seinem Schloss achtet. Hier siehst du Freiheit. Stell dir vor, Menschen zu verachten, die nach dem Bild Gottes geschaffen sind, weil man sich in Blindheit einbildet, das Höhere dadurch zu erreichen, dass man das Niedrigere mit Füßen tritt. Nein, sondern indem man sich zum Niedrigeren demütigt, bekommt man von Grund auf ein gesundes Verständnis und ist imstande, von dieser Grundlage aus die höchsten Gipfel zu beurteilen, denn das Fundament dieser Gipfel ist die breite Masse. Denn jeder Turm muss etwas haben, auf dem er stehen kann. Man muss sich immer scharfer Selbstkritik und Selbstkontrolle im Licht von Gottes Geist befleißigen. So wird man eine uneinnehmbare Festung und ein Gefäß zu Ehren sein – dem Herrn geheiligt und dem Hausherrn nützlich. Man muss sich immer so verhalten, dass man unangreifbar ist, denn dies bedeutet, den Bösen zu überwinden. Alle Sünde ist aufgrund von Begierde in der Welt. Wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde, die Sünde, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. Deshalb muss man über die Begierde siegen und im Geist leben. Wer den Begierden im Fleisch nachgibt, ist von der Welt und tut den Willen des Fleisches und der Gedanken. Er sät auf das Fleisch und wird von dem Fleisch das Verderben ernten.

Nur diese wenigen Zeilen zum Nachdenken und Trost, sofern du dich innerhalb des Horizontes des Trostes befindest; denn Gott ist der Gott des Trostes.

Grüße zuhause, Ludvig und seine Familie und sei selbst herzlichst gegrüßt. Schreibe einen Brief und erzähle, wie es dir geht. Hab keine Angst, Dinge klar anzusprechen, denn ich habe nicht vor, dir den Kopf abzureißen; doch Heuchelei ist vom Teufel.

Dein Bruder

Johan