Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Brief an Eltern und Geschwister, 6. Juli 1906

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 6. Juli 1906
Liebe Eltern und Geschwister,

das Buch, das Aksel geschickt hat, habe ich erhalten. Grüßt ihn und sagt ihm vielen Dank für das Buch. Aksels Gedanke, das Buch zu schicken, war gut, und diese Güte wird ihm zum Besten angerechnet. Das Buch selbst jedoch war ermüdend; erst das Ende des Buches war etwas besser. Der Verfasser hat ungeheuren Fleiß angewandt und sehr viel Arbeit in das Buch investiert, doch es war menschliche Vernunft, die hauptsächlich „das Leben“ erklären sollte. Anders ist es, „das Leben“ zu verkündigen. Wie dumm und trocken und ermüdend und geisttötend es ist, alle die von ihnen aufgereihten Punkte zu lesen. Mein Geist in mir wird regelrecht vor Hunger ausgezehrt. Es ist selten, dass man ein gutes Buch findet.

Der falsche freie Geist ist in unseren Tagen ungeheuer verbreitet. Ein etwa 60jähriger Mann saß gestern lange im 1. Stock und predigte mit scheinbar großer Erkenntnis und einer großen Einsicht. Doch seine Lehre führte nicht zur Gottesfurcht und daher war es nicht die Lehre Christi. Ich saß da und hörte ihm mit großem Interesse zu, um den Humbug besser verstehen zu lernen. Aber ich konnte es nicht lassen, ihm zu widersprechen. Du hast wohl noch nie die Auslegungen eines solchen Menschen gehört. Er konnte massenhaft Schriftstellen auswendig und er behauptete, viele Jahre mit Eifer gelesen und gegrübelt zu haben, um zu dem zu kommen, was er heute hat. Ich sprach zu ihm von der Leidensgemeinschaft Christi, aber das wies er selbstklug zurück, denn hier bäumen sich alle Feinde des Kreuzes Christi auf.

Er sagte, er habe größeres Licht – als die Apostel.

Erst vor kurzem habe ich mit Oskar Kristiansen gesprochen, der es einmal gut hatte. Er war nun ganz und gar durch den Wind. Solche Menschen sind zweimal abgestorben und entwurzelt. Es ist gefährlich, entwurzelt zu werden. Dann verliert man allen Halt und alles Gesetz und ist wie ein umherirrender Stern, dessen Los die dunkelste Finsternis in Ewigkeit ist. Man taumelt ohne irgendein Gesetz umher. Man ist freigemacht von der Sünde und ist auch freigemacht vom Gesetz und hat das Wirken des Geistes unterdrückt, sodass man auch vom Gesetz des Geistes freigemacht ist. Man ist die Beute eines falschen freien Geistes geworden. Zuerst war man tot in Sünden und Übertretungen und nun ist man dadurch tot, dass man das Wirken des Geistes unterdrückt hat. Also zweimal abgestorben und entwurzelt. Die Welt ist nicht entwurzelt, denn der Geist tut ihr die Augen auf über Sünde und Gerechtigkeit und Gericht. Aber diese Menschen sind freigemacht von allem Überführtwerden und damit sind sie entwurzelt. Der Mann gestern sagte, dass es in der Welt kein Gesetz gäbe und daher auch keine Sünde.

Hierin widersprach ich ihm aufs Kräftigste, aber er war zu kraftlos, um etwas von Kraft zu verstehen. Doch Worte hatte er massenhaft. Der Teufel war gut und die Sünde war gut, sagte er. Hierin widersprach ich ihm auch. Aber eigentlich war er im Gespräch mit ein paar Frauen, sodass er sich nicht um mich scherte. Die Apostel hätten an mehreren Stellen gelogen, sagte er. Und nun war die Welt so weit vorangeschritten, dass man verstehen könne, woran sie gestrauchelt seien. Ich entgegnete ihm, dass Gott gestern und heute und auch in Ewigkeit derselbe ist. Und das, was die Apostel hatten, war Offenbarung von Gott, und diese haben wir auch, sodass die seither verstrichene Zeit keine Rolle spielt. Er hatte ein Buch herausgegeben, das Pauline kaufte. Nur derjenige, der die Rechtfertigung in Christus kennt, erkennt die falschen freien Geister.

Dann ist da der Kampf gegen die Herren dieser Welt. Dieser Kampf wird immer schlimmer. Es ist völlig ausgeschlossen, eine Haaresbreite zu weichen, mein ganzes Inneres zeugt gegen sie. Ich habe Gott darum gebeten, dass niemand vermag, meinen Geist zu unterdrücken; dass er mich in allem siegen lassen möge. Heute war ich alleine im Korpsbüro und hatte viel zu erledigen, der Korpsunteroffizier hat ein paar Tage Urlaub. Ich empfand einen rasenden Kampf gegen den Korpschef. Er hat einen steifen menschlichen Geist und einen Geist, der unterdrücken will. Doch Gott gab mir Kraft, ihm zu widerstehen und nicht eine Haaresbreite in Unterwürfigkeit zu weichen – ich habe nur meinen Dienst ausgeführt. Dieser Sieg ein ums andere Mal über diese tyrannischen Herren ist mir eine große Freude, und Gott sei Lob und Dank, der uns allezeit Sieg gibt durch Jesus Christus. Es ist unmöglich, diesen Kampf und diesen Sieg zu erklären. Doch Gott führt mich in die Hände der Schlimmsten, die wir in der Marine haben, damit ich ausgebildet werde. Zu Beginn zittere ich direkt, aber wenn der Kampf erst mal in Gang gekommen ist, werde ich ganz ruhig und still. Und obwohl dann der Teufel brüllt, vermögen sie nichts. Nicht einmal Fregattenkapitän Kielland hat derzeit Lust, mit mir zu sprechen. Er lässt mich nur spüren, dass er nicht weiter ins Gespräch zu kommen wünscht; nur der oberflächliche Dienst. Auf diese Weise fühle ich mich wie ein verstoßenes Wrack. Doch trotzdem kann niemand ins Wanken bringen, was Gott mir gegeben hat. Gott weiß selbst, wozu alles dienen soll, und mein Geist hat die größte Lust, den Geist, von dem sie regiert werden, zu zerbrechen und zu verzehren und zunichtezumachen. Daher entsteht Kampf. Niemand versteht dies, wenn ich ihnen von meinem Kampf erzähle. Sie halten es nur für etwas Merkwürdiges.

Ich denke oft an Aksel. Er muss einen großen Kampf durchzustehen haben; das steht außer Frage. Möge Gott ihm darin Sieg geben. Es ist ein harter Prozess durchzumachen, wenn man direkt aus der Welt herausgenommen wird und zu einem Gefäß der Ehre gebildet werden soll. Gott hat mich so sehr zerbrochen und zerstoßen, dass ich eine nicht geringe Erfahrung darin habe. Er hat mich zwischen zwei Mühlsteinen zermalmt. Er hat mich mit seiner Stärke getötet. Er hat nicht geschont, sodass die Schmerzen in meinem Innern mich dazu gebracht haben, mich von der Sünde fernzuhalten. Wer im Fleisch gelitten hat, hat von der Sünde abgelassen. Aber das Wunderbarste ist: Die Kraft, mit der er mich zermalmte, ist als mein Eigentum bei mir geblieben. Kann man eine so verwunderliche Behandlung verstehen? Dein letzter Brief war gut. Gebe Gott, dass du an Eifer und an Weisheit zunimmst, denn unser Gott ist ein eifernder Gott.

So viel für diesmal mit einem Gruß in Christus.

Mit Aksel würde ich sehr gerne sprechen. Vielleicht würde Gott mir Worte geben, die ihn aus seiner Nervosität befreien und seinen Sinn in das Gesetz der Freiheit setzen könnten, sodass der Jubel die Überanstrengung verdrängen könnte und Ruhe und Vertrauen die Wunden heilen könnten. Dies ist mein Dienst in Christus. Ich habe mir diese Aufgabe nicht selbst genommen, sondern der, der auffuhr und den Menschen Gaben gegeben hat, hat es mir geschenkt. Meine Aufgabe besteht nicht darin, das Evangelium zu predigen; sondern nur das, was Gott gibt.

Euer

Johan