Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Brief an Aksel Smith, 19. Dezember 1905

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 19. Dezember 1905
Lieber Bruder,

vielen Dank für deinen willkommenen Brief und dein Geschenk (den silbernen Löffel) für den kleinen Christian. Er bekam auch einen sehr schönen Kleiderstoff und einen schönen Hund von Berglioth und Vater und Mutter. Alles zusammen bekam er morgens am 18. Du kannst dir vorstellen, dass es ihm Spaß machte, sich in den blanken Knöpfen zu spiegeln. Und dann bekam er noch eine Postkarte von Selma, sodass er an seinem ersten Geburtstag überaus reich beschenkt wurde.

Ich will dir dafür danken, dass du mir widersprichst, wenn du nicht einig bist, denn dadurch kann man die Sache besser ergründen. Ich habe viel über das nachgedacht, was du schriebst, um die Sache noch deutlicher darlegen zu können. Was das Wort „Materie“ betrifft, so weißt du, dass unsere Sprache auf diese Welt abgestimmt ist. Und wenn man über die himmlischen Dinge sprechen will, dann kann man nicht eine andere Sprache sprechen als die, die man gelernt hat. Doch wir erklären geistliche Dinge mit geistlichen Worten, nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehrt, sondern mit Worten, die der Heilige Geist lehrt. Nun meine ich, geistlich gesprochen, dass „Materie“ und „materiell“ „etwas“ ist im Gegensatz zu „nichts“, selbst wenn die Materie abstrakt ist wie z.B. Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit, Erkenntnis usw. Also muss man sein Herz hingeben, um solche Dinge zu verstehen, sodass man weise werden kann. Denn wenn man schwerlich Weissagung versteht, wie viel schwerer wird man dann Zungenrede und die Schrift verstehen. Nun hoffe ich, dass wir in diesen Dingen einig sind, dass so, wie man sich irdische „Materie“ vorstellt, sich auch himmlische „Materie“ vorstellen kann, ohne dabei an Berge und Bäume und greifbare Dinge zu denken.

Das Nächste, wovon du sprachst, war von weit schwierigerer Art als das von der „Materie“, obwohl alles einfach genug ist. Du sagst, dass die Liebe vor der Weisheit war und dass Gott solche Liebe hatte, dass er das Mittel Weisheit benützte, um diese dadurch auszugießen. Dies ist eine sehr vernünftige Rede und es ist schwierig, ihr zu widersprechen, doch kann man ihr widersprechen.

Nun ist die Sache die, dass nichts nichts ist. Nichts kann man nicht lieben oder hassen und Liebe und Hass ist für „nichts“ nichts. Bevor irgendetwas geschaffen wurde, war Gott für nichts, wie nichts für Gott war. Gott hatte in der Ewigkeit Liebe, Gerechtigkeit, Wahrheit, Güte und alle guten Eigenschaften inne; doch diese Eigenschaften waren für „nichts“ nichts. Sie waren in sich selbst gebunden und konnten nicht über nichts ausgegossen werden. Wenn man daher darüber reden will, was die erste Eigenschaft in Gott ist, dann muss man über die Eigenschaft reden, die als Erste wirksam ist, um etwas hervorzubringen. Die Weisheit ist gesättigt mit Liebe, sodass die Liebe nicht außerhalb der Weisheit ist, sondern in ihr. Entziehst du der Weisheit die Liebe, dann bleibt dir die bloße Erkenntnis. Die Liebe benutzt nicht die Weisheit, sondern die Weisheit ist der Regulator der Liebe. Die Liebe ist ein einzelner Faktor, aber die Weisheit enthält alle Faktoren und ist daher das Leben selbst. Es ist möglich, dass eine Mutter ihr Kind so liebt, dass sie seine Fehler zum Schaden für das Kind übersieht. Eine Mutter mit Weisheit hingegen züchtigt es zur rechten Zeit und auf die rechte Weise.

Es war nicht die Liebe zu dem, was nicht war, die Gott dazu brachte, etwas zu schaffen, denn Gott kann nicht nichts lieben. Wenn ein so starkes Verlangen in ihm war, seine Liebe auszuschütten, sodass er dazu, wie du sagtest, die Weisheit benutzt hätte, um etwas hervorzubringen, dann wäre das beinahe so, als ob er bei sich selbst ein Verlangen zufriedenstellen wollte, aber es war nicht aus Liebe zu dem, was es nicht gab. Hierin musst du wohl zustimmen.

Also sehen wir, dass die Weisheit für die Schöpfung das Erste ist, bis sie geschaffen war. Denn die Schöpfung konnte Liebe nicht verstehen oder begreifen, bevor sie geschaffen war. Auch du liebst nicht etwas, was du nicht gesehen oder gekannt hast, obwohl du in Besitz der Liebe bist, die durch den Heiligen Geist in dein Herz ausgegossen ist. Dass die Liebe für die Schöpfung da war, das weiß ich jetzt, aber ich wusste es nicht, als es mich nicht gab, weil da Liebe und Hass für mich dasselbe wie nichts waren. Und das, was etwas war, war doch nichts für mich, der ich nichts war. Doch als die Weisheit mich bildete, da wurde die Liebe entfacht. Also ist die Weisheit die Mutter der schönen Liebe.

Lies Jesus Sirachs Weisheit Kap. 24 und die Verse, wo er vom Gesetz der Weisheit spricht und wo er von der Weisheit sagt: Ich bin die Mutter der schönen Liebe und der Gottesfurcht und der Erkenntnis und der heiligen Hoffnung. Dies sagte er nicht ohne Einsicht.

Du sagtest, dass es die Liebe vor dem Schöpfungswerk gab. Dasselbe war ja der Fall mit Weisheit, Gerechtigkeit und Wahrheit. Aber, wie gesagt, diese Dinge waren nicht da für „nichts“, das nichts war. Die Liebe wurde erst wirksam, als die Weisheit das Werk ausgeführt hatte. Die Weisheit sagt, Spr. 8, 7: Denn mein Mund redet Wahrheit, und meine Lippen verabscheuen Gottlosigkeit.

Spr. 8, 23: Ich war eingesetzt von Ewigkeit her, vor dem Anfang, vor den Ursprüngen der Erde. Als noch keine Fluten waren, wurde ich (die Weisheit) geboren, als die wasserreichen Quellen noch nicht flossen. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Vers 34: Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore!

Zwischen Weisheit und Erkenntnis muss man klar unterscheiden. Offenbarung in der Erkenntnis Gottes wird einem jeden zum Nutzen verliehen. Die Erkenntnis Gottes erlangt man durch Erkennen. Und Bewunderung dessen, was man erkennt, bewirkt Liebe. Und die Liebe bewirkt, dass wir seine Gebote halten, und als Folge davon werden wir weise.

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn sandte usw. Gottes Liebe geht über die ganze Welt und zieht alle zu Christus (Gottes Weisheit). Niemand kann zum Sohn kommen, ohne dass er sich vom Vater ziehen lässt. Das Ziehen des Vaters zum Sohn geschieht durch ein liebevolles Auftun der Augen über Sünde, Gerechtigkeit und Gericht. Wenn dann der Sohn Zugang zu uns bekommen hat, können wir durch den Sohn zum Vater kommen; denn niemand kommt zum Vater denn durch den Sohn. Die Liebe zieht zur Weisheit, denn ohne sie kann die Liebe nichts ausrichten. Denn Gott liebt niemanden – außer denjenigen, der an der Weisheit hängt. Niemand hat Gott in der Ewigkeit erkannt außer der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Der Weg durch den Sohn ist die Schule der Weisheit und der Weg der Zucht und der Trübsal. Von diesem Weg und dieser herrlichen Ausbildung ist eine ganze Schar befreit. Und sie jubeln darüber, dass Christus alles gelitten hat und sie nun so hart an der Grenze wie möglich nach dem Fleisch leben können. Am Sonntagabend hörte ich in einer Versammlung jemanden darüber jubeln, dass Lots Frau eine herrliche Salzsäule geworden war. Hast du so was je gehört?! Und der Fehler ist, dass diejenigen, die ihnen zuhören, so etwas nicht durchschauen können. Alle Menschen sind errettet, sagen sie, sodass eine Bekehrung nicht nötig ist. In derselben Versammlung legte ich ein Zeugnis ab. Doch sie ließen mich durch Äußerungen hinter meinem Rücken ihren Unwillen spüren. Und diejenigen, die anschließend redeten, gaben zu erkennen, dass ich mich in Finsternis und Sünde befinden würde. Du verstehst also, dass ich Widerspruch aller Art gewohnt bin, und ich kann mich wahrhaftig nicht dessen rühmen, dass ich in dieser Welt so viele auf meiner Seite habe. Doch Gottes Friede ist in mir und der bewahrt mich vor allen Kunstgriffen Satans und rettet mich aus der Hand meiner Widersacher. Und diejenigen, die über ihre Freiheit im Fleisch jubeln, werden beschämt werden.

Grüße zuhause und schreibe bald „mehr von diesem“, wie du sagtest. Dein Bruder

Johan

Christian und Pauline danken dir sehr für dein schönes Geschenk. Ich habe das Buch heute Nachmittag Vater geschickt. Lies es, du kannst mir glauben, dass daraus viel zu lernen ist. Es ist alt und zerschlissen, aber das macht nichts.