Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Brief an Eltern und Geschwister, 16. Dezember 1905

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 16. Dezember 1905
Liebe Eltern und Geschwister!

Vielen Dank für deinen willkommenen Brief mit den Auskünften. Uns geht es gut hier. Christian ist gesund und munter. Br. Berg und ich haben letzten Sonntag zum ersten Mal alleine das Brot miteinander gebrochen. Das war sehr wertvoll. Wie wunderbar Gottes Wege mit uns sind. Seine Barmherzigkeit währt ewiglich. Er übertrifft alle Erkenntnis und alles Wissen, und man kann ihn weder mit dem einen noch mit dem anderen erreichen. Doch kann man ihn erreichen, aber wenn man glaubt, ihn erreicht zu haben, dann offenbart man damit lediglich, wie überaus viel dazu fehlt. Er schenkt uns alles Gute und erfreut unsere Seelen mit seiner Barmherzigkeit. Aber wenn man am Guten festhängen will, dann ist er nicht dort, und wenn man sich an der Barmherzigkeit festklammern will, so ist er auch von dort längst verschwunden. Hieraus verstehen wir, dass Güte und Barmherzigkeit nur seine Fußspuren sind, die von Segen triefen. Wahrheit bekommen wir, indem wir Wahrheit erkennen, und wenn wir Wahrheit erkannt haben, dann wird Liebe zu ihr geboren. Wenn man Gerechtigkeit erkennt, aber nicht Gerechtigkeit tut, so beweist man, dass man Gerechtigkeit nicht liebt, sondern nur Erkenntnis darüber hat. Wenn man Gerechtigkeit erkennt und Liebe zur Gerechtigkeit fasst, dann bekommt man Weisheit. Ebenso mit jeder anderen göttlichen Eigenschaft. Es müssen Realitäten vorliegen, bevor die Liebe geweckt werden kann. Realitäten kommen durch Erkennen hervor. Wenn man seine Liebe den Realitäten zuwendet, dann erhält man die Realitäten als Los und Erbteil.

Adam konnte nicht Liebe zu Eva haben, solange Eva nur eine Rippe in seiner Seite war. Doch als Eva vor ihm stand, konnte er Liebe fassen. Ehe wir von unserer Seite Liebe fassen können, muss Gott „etwas“ geschaffen haben, wozu man Liebe fassen kann. Aber hieraus verstehen wir wieder, dass Gott uns zuerst geliebt hat, der uns solche Gegebenheiten bietet.

Christliche Wissenschaft ist nur ein seelisches und natürliches Verständnis. Man ist vom Gesetz freigemacht, sagt man; und eine große Freude kommt darüber hervor, dass das Fleisch volle Freiheit hat. Diese Freude muss man glasklar von der Freude in Gott unterscheiden. Dieses Licht ist ein falsches Licht, daher kann es nicht über den Horizont des seelischen Denkens hinausreichen. Es ist das wunderbarste und behendeste von allem Licht in und von der Welt, aber es gehört zur Welt. Es treibt Spott mit allen, die sich befleißigen, Gott in Geist und Wahrheit zu dienen, und es meint von sich, über allen zu stehen. Wenn man nur dieses falsche Licht ehrt und liebt, das sich selbst einbildet, Gott zu sein, dann kann man ansonsten eben sogut ein Dieb und Mörder sein. Es erhebt sich über alles, was Gesetz und Ermahnung heißt, und es stellt sich dar als Gott in der Ewigkeit und nicht als Gott im Menschen. Es gibt sich als Christus nach der Auferstehung aus, denn auf diese Weise umgeht es alles, was Gehorsam, Leiden und Trübsale heißt. Denn solche Dinge liebt es nicht, da es nur versteht, das Süßeste und Beste aus der Natur und der Welt herauszuholen. Daher wählen diejenigen, die von diesem Geist beseelt sind, sich solche zu Lehrern, die ihnen erzählen können, dass die Auferstehung schon geschehen sei und dass sie wie Gott in der Ewigkeit seien und nicht wie Gott im Menschen. Auf diese Weise werden sie gefühllos und selbstzufrieden und betrachten sich selbst als diejenigen, die am weitesten gekommen sind. Und alle sollen zu ihnen aufsehen und von ihnen lernen, denn sie sind vollkommen.

Dieses falsche Licht ist der Teufel.

Das kleine Buch, das ich erwähnte, behandelt genau dies. Und ich bin äußerst verwundert, dass ein Priester im 14. Jahrhundert so ein Licht haben konnte und dass er im selben Kampf Erfahrung hatte wie wir. „Det gode budskab“ (Die gute Botschaft) wollte nicht haben, was ich geschrieben habe. Doch ich würde wünschen, dass dies, was ich über die Christliche Wissenschaft geschrieben habe, unter den Lesern der Zeitschrift bekannt würde, denn das ist eine sehr notwendige Erkenntnis. Das Buch kann ich dir nicht zusenden, ehe ich die Erlaubnis dazu habe; aber ich will mich gerne darum kümmern.

Es ist gut, in jeder Sache Klarheit zu bekommen, denn dann hat man größere Siege. Dieses falsche Licht tritt unter Gottes Auserwählten auf, damit der Teufel diejenigen fangen kann, die Erkenntnis über Christus angenommen haben und nicht von ihm geboren sind. Von solchen kann man sagen, dass sie von uns ausgegangen sind, aber nie von uns gewesen sind. Denn wenn sie von uns gewesen wären, wären sie bei uns geblieben. Satan kommt mit etwas, was leichter und angenehmer ist und so viel höher scheint als das wahre Licht, sodass eine nicht wiedergeborene Seele absolut meint, dass dies etwas sei, was es wert sei, daran anzubeißen. Ich bin selbst von diesem falschen Licht getäuscht worden, daher weiß ich, wie schrecklich das ist. Aber der feste Grund Gottes blieb doch unter meinen Füßen und das falsche Licht vermochte nicht, mich zu entwurzeln.

Ich glaube, dass es sehr nützlich ist, wenn du dies auch denen bei Rasmussen erzählst. Sie können ja selbst abwägen und prüfen, ob es sich nicht so verhält.

Im Sommer soll ich dem Kanonenboot Sleipner als assistierender Rechnungsführer zugeteilt werden. „Sleipner“ ist ein Kadettenschiff, sodass dort allerhand für einen Stückmeister zu tun ist, aber es ist auch lehrreich. Gottesfurcht ist nützlich für dieses und das zukünftige Leben. Nie ist es an Land und auf See so gut gelaufen wie jetzt. Gott gibt mir Antworten in allen Dingen. Und ich weiß kaum, woher es kommt, denn aus mir selbst könnte ich nicht so antworten und reden. Nun weiß ich, dass man sich nicht darüber freuen soll, dass einem die Geister untertan sind, sondern darüber, dass unsere Namen im Buch des Lebens geschrieben sind. Dies verlegt die Freude vom Irdischen ins Himmlische, von den Wirkungen der Kraft hin zur Kraft, von den Werken hin zur Person usw. Doch zweifellos wird eine solche Freude entstehen, denn man wird im Glauben gestärkt, wenn man durch die Rede des Glaubens seine Widersacher überwinden kann. Aber dann geht es uns wie Elia; nach einer Wundertat kommt eine starke Freude über die Wundertat und die Kraft verlässt einen, weil man eine Zeitlang an dem Werk anstatt an der Person hängt. Wenn man aber dann wieder richtig hungrig und arm im Geist geworden ist, dann wendet man sich zur Person hin und dann ist man selig, denn solcher ist das Himmelreich. Und dieses Himmelreich füllt uns wieder mit seinen ungeheuren Kräften zu weiterem Wirken in Christus.

Euer

Johan O. Smith

Für morgen, 17.12., erhielten wir Berglioths Mitteilung über ein Paket für Christian. Wir haben es noch nicht abgeholt, aber du kannst Berglioth im Voraus von Christian grüßen und ihr vielen Dank sagen. Er liebt neue Dinge, er wird sich sicher darüber freuen. Er ist sehr verständig und ein lieber Junge. Pauline ist stolz auf ihn und ihre Freundinnen beneiden sie wegen ihres kleinen Jungens.