vielen Dank für deinen lieben Brief, den ich heute bekam. Du sprichst darin von der Liebe, dass sie das Haupt der Weisheit und der Erkenntnis ist. In diesem kann ich nicht einig mit dir sein, obwohl ich verstehe, dass du es aufrichtig und gut meinst.
Gott musste durch die Weisheit alle Dinge erschaffen. Und als die Dinge erschaffen waren, da sah er sie an und sah, dass sie sehr gut waren, und dann kam die Liebe. Also ist die Weisheit die Mutter der Liebe, wie in den Apokryphen geschrieben steht. Gott konnte seine Liebe nicht erzeigen, bevor es etwas Materielles gab, an dem er sie erzeigen konnte. Aber um etwas hervorzubringen, wo nichts war, musste es durch die Weisheit geschaffen und gebildet werden. Gott ist Liebe, steht geschrieben. Ja, so muss er uns erklärt werden, damit wir nicht bange vor ihm sind. Er nähert sich uns durch Liebe. Doch sollen wir bedenken, dass wir aus Erde gebildet sind. Es hat uns also die Weisheit behandelt, ehe wir die Wärme der Liebe zu spüren bekamen.
Dass die Liebe alle Erkenntnis übertrifft, darin sind wir uns einig. Denn die Erkenntnis ist nicht das Leben, sondern Weisheit ist das Leben selbst. In Christus sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen, steht geschrieben. Dies bedeutet: Christus ist Gottes Weisheit; das ist daher hier nicht gemeint, sondern in Christus ist die erworbene Weisheit und Erkenntnis der Menschen aufbewahrt. Dies sind die gesammelten Schätze, die die Motten und der Rost nicht fressen können. Weisheit bringt Liebe hervor, denn wenn man gründlich Einblick in seine eigene Schlechtigkeit bekommt, dann ist das der erste Schritt zur Weisheit. Und dieser erste Schritt wirkt so kräftig, dass man unwillkürlich auch die Fehler seiner Nächsten vergibt und vergisst, denn es ist einem gegenwärtig, wie abscheulich man selbst ist. Auf diese Weise bringt Weisheit Liebe hervor. Weisheit macht uns so glücklich, dass wir allen Menschen wünschen, weise zu werden. Also ist die Weisheit die Mutter der Liebe. Gottes Liebe bringt uns dazu, uns selbst wegen unserer eigenen Härte im Gegensatz zu Gottes unendlicher Liebe zu hassen und zu verachten. Dieses Wissen um die eigene Schlechtigkeit ist der erste Schritt auf dem Weg der Weisheit. Und dass man Hass auf sich selbst bekommt, bewirkt wiederum, dass man Liebe zur Liebe bekommt.
Gott findet man nicht als eine Ansammlung des Guten, sondern er ist die Güte. Wenn jemand meint, er könne ihn im Herrlichen begreifen, so ist er nicht geteilt, denn er ist die Herrlichkeit.
Nur diese wenigen Zeilen, um Klarheit zwischen Weisheit und Liebe zu schaffen. Die Liebe wird sehr falsch verstanden. Denn die gewöhnliche Ansicht über Liebe ist, dass sie Bosheit nicht bestraft und dass sie bei einem Leben, das zunehmend verweltlicht und in Gottlosigkeit absinkt, durch die Finger sieht. Wer so etwas straft, wird als lieblos und querköpfig betrachtet. Frau Rasmussen sagte, dass sie wenig Liebe zu mir habe, weil ich ihr widersprach und sie nicht für eine Prophetin hielt, was sie, wie ich hörte, sein sollte. Ich fragte sie dann, ob sie Liebe zu Vater habe. Nein, das hatte sie auch nicht so wie zu vielen anderen, obwohl in der ganzen Stadt niemand in der Lehre so mit ihr übereinstimmte wie er. Hast du in deinem Leben schon von so einer Lehre gehört? Ob nicht eine solche Lehre, die Lieblosigkeit bringt, von einem Vater, dem Teufel, ist? Wenn man darüber aufklärt, wird man für lieblos gehalten. Ob sich nicht die Liebe an der Wahrheit freut? Daran erkennen wir, dass wir Gott lieben, dass wir die Brüder lieben. Aber nun liebt Frau Rasmussen mich nicht, obwohl sie glaubt, dass ich ein Bruder bin. Selbstverständlich muss bei ihr etwas nicht stimmen, denn sie vermag nichts wider die Wahrheit, und das ist nicht das Angenehmste. Hüte dich vor solcher Religion. Meide so etwas.
Dein Bruder
Johan