Zurück nach Jerusalem.
Anlässlich einiger Fragen im „Missionæren“ zur Ursache des Lauwerdens innerhalb der Freien Mission sagt Br. Gerar, dass das, was im Hinblick auf Mutlosigkeit und Rückgang über die Freie Mission gesagt werden kann, sicher auch über andere Glaubensgemeinschaften gesagt werden kann. Wir müssen jeder einzelne persönlich unter der Wegleitung des Heiligen Geistes untersuchen, ob Öl im Gefäß ist, und dann nach Jerusalem zurückkehren, schreibt Br. Gerar.
Br. Gerars Rat ist gewiss gut gemeint und es wäre kein Problem, wenn die Schafe die Stimme des Hirten kennengelernt hätten. Denn dann könnten sie bald zu den guten alten Quellen und nach Jerusalem zurückgelockt werden. Doch nun sind sie weit und breit auf den Bergen zerstreut und es ist wohl ein kräftiger Hirtenstab nötig, um sie versammeln zu können. Während einer Erweckung entsteht an vielen Orten geistliches Leben und es kommt etwas in Bewegung. Doch dafür gebührt nicht den Menschen Dank, sondern es ist allein ein Werk Gottes. Wenn dann der Mensch geweckt ist, war die Absicht, dass er sich wach halten sollte. Dafür hat man den Tröster bekommen, der ewig bei uns sein soll. Doch anstatt zu wachen, legt man sich hin, um zu schlafen und von Erweckung zu träumen. Auf diese Weise hat man kein wirklich gutes Verhältnis mit Gott – außer jedes Mal, wenn Erweckung ist.
Wenn man wirklich geschmeckt hat, was die Welt zu bieten hat, und wenn es einem im wahrsten Sinn des Wortes schlecht gegangen ist und man in Wahrheit von Jesus, dem großen Arzt der Seele, geheilt worden ist, sodass man von obenher aus unvergänglichem Samen geboren und zu dem neuen Jerusalem gekommen ist, dann glaube ich nicht, dass man Jahr für Jahr – zwischen jeder Erweckung – nach Jerusalem hinaufziehen kann, wenn man so schnell danach wieder nach Ägypten umgekehrt ist.
Ich glaube, ein wesentlicher Fehler liegt darin, dass man so sehr dazu neigt, unter den Reisegefährten nach Jesus suchen zu wollen. D. h. man fängt nach und nach an, diese oder jene Person zu bewundern, die man für so unheimlich viel besser hält als jemand anderen. Als Folge davon entstehen Parteiungen, man hält Fleisch für seinen Arm und das Herz weicht vom Herrn. Die betreffende Person, die bewundert wird, nimmt vielleicht die für das Fleisch so verlockende Huldigung an und das Ergebnis wird, dass sowohl sie als auch ihre Bewunderer von dem wahren Licht – Christus – wegkommen. Solche Esau-Truppen kann man hier und da antreffen. Sie hängen hartnäckig und treu an ihren Anführern.
Darüber hinaus begeht man einen großartigen Schnitzer, indem man alle Wirksamkeit auf den Versammlungssaal beschränkt. Man sitzt Jahr für Jahr in einem Saal fest und erwartet, dass die Sünder herbeiströmen, damit man sie dort richtig bearbeiten kann. Außerhalb des Saales sagt man vielleicht nie ein Wort der Errettung zu irgendeiner Seele. Zuletzt bleibt dann eine kleine Schar Menschen im Saal übrig. Sie predigen füreinander und ehren einander als treue Veteranen, die ausgehalten haben und ihren Platz im Saal 10 oder 20 Jahre lang ausgefüllt haben. In Wahrheit eine großartige Ehre. Außerhalb des Saales gehen Tausende von Sündern zugrunde, aber unsere guten Veteranen halten drinnen treu aus. Und am Schluss fragen sie einander – zuerst untereinander und dann öffentlich: Woher kommt all diese Trockenheit und wie sollen wir sie loswerden?
Ich glaube schon, dass diese Trockenheit verschwinden wird, wenn die Veteranen nur kapitulieren und ihre Stellung im Saal aufgeben und tun, wie Jesus sagt, indem sie sich hinaus begeben auf Gassen und Straßen, um die Verlorenen aufzusuchen.
Der größte aller Fehlgriffe ist jedoch schlussendlich, dass man gute Gefühle liebt und nach diesen sucht und das Kreuz scheut. Das Wort vom Kreuz ist für uns, die wir glauben, eine Gotteskraft. Das Kreuz zu scheuen bedeutet also die Kraft zu scheuen, was wiederum dasselbe ist, wie von Jerusalem wegzulaufen, von dem die Rede war. Das gemütliche Sonnenschein-Christenleben ist sehr begehrt – nur schade, dass es von so kurzer Dauer ist. Der Wille Gottes dagegen steht nicht mehr hoch im Kurs und dieser ist es doch letztendlich, der unsere Heiligung ist.
Horten, 20. 11. 1910
