Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Brief an Aksel Smith, 25. August 1905

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 25. August 1905
Lieber Bruder Aksel,

deinen sehr willkommenen Brief habe ich heute erhalten. Ich habe deinen Brief mehrmals gelesen und habe den Eindruck, dass du dich nach mehr Einsicht und Offenbarung in der Erkenntnis Gottes sehnst. Du hast das Gefühl, dass in Christus Jesus mehr zu erreichen ist. Die Apostel gehörten Gott bereits vor Pfingsten an; aber sie hatten nicht die Fülle des Geistes Gottes in sich wie danach. Nun bist du dahin gekommen, dass du selbst sagst, dass du dich so dumm fühlst. Fühlst du dich dumm, dann bist du in dem Zustand, dass es dir an Weisheit mangelt. Zu solchen sagt Jakobus in 1, 5: Wenn es aber jemand unter euch an Weisheit mangelt, so erbitte er sie von Gott, der allen gern und ohne Vorwurf gibt, so wird sie ihm gegeben werden. Jesus hatte nicht dieses Gefühl, denn er sagt: Die Königin von Saba wunderte sich über die Weisheit Salomos, doch ich sage euch, hier ist mehr als Salomo. Elihu hatte auch nicht dieses Empfinden, denn er sagt zu Hiob in Hi. 36, 4: Denn wahrlich, meine Reden sind keine Lügen; vor dir steht ein Mann mit vollkommener Erkenntnis. Eine Freude ist es dennoch, dass du verstehst, dass es dir an Weisheit mangelt, denn die meisten dünken sich weise in ihrer Unwissenheit. Siehe Offb. 3, 17: Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Es ist daher gut zu wissen, dass es einem an Weisheit mangelt, denn nur derjenige, der davon weiß, dass ihm etwas fehlt, kann in Wahrheit um etwas bitten. Gottes Wort ist lebendig. Aber nun weißt du auch, dass Gott gern und ohne Vorwurf gibt. Dies ist ein herrlicher Ausweg aus der Dummheit, die du erwähntest.

Ich selbst bekam am 17. Mai 1898 Frieden mit Gott. Ich hatte es gut, aber ich wusste nichts davon, dass mir der verheißene Heilige Geist fehlte. Er war noch nicht auf mich gefallen, siehe Apg. 8, 15, 16 und 17. Den Geist bekam ich erst 2,5 Jahre später. Erst durch ihn wurde mir die Schrift lebendig, sodass es mir ging wie den beiden Emmauswanderern: Das Herz brannte in mir, als Gottes Geist mir die Schrift öffnete.

Dass dies mit der Schrift übereinstimmt, kannst du in Eph. 1, 15 ff. lesen. Hier waren einige, die zum Glauben gekommen waren, siehe Vers 15. Aber dennoch ließ Paulus nicht ab, für sie zu beten, Vers 16 und 17, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen. Hier findest du dich wieder, lieber Aksel. Wenn du diesen Geist bekommen hättest, dann könntest du unmöglich sagen: Ich fühle mich dumm; denn wer die Salbung von ihm hat, weiß alles. Es wäre schön, mündlich über diese Dinge zu reden, denn ich glaube, du hast einen aufrichtigen Sinn gegenüber Christus. *

Die Frage ist, ob du ausnahmslos zu kurz gekommen bist, ob du alles auf seinen Altar gelegt hast und auf sein Feuer wartest, ob du Ton bist und er der Töpfer: ob er dich formen kann, wie er will. Du kannst es nicht schaffen, als ein Christ zu leben; es wird nur Heuchelei, es zu versuchen. Du kannst nie rein und fromm und gut werden. Du bist schwarz wie Ruß und durch und durch verdorben. Alle deine besten Werke sind wie ein beschmutztes Gewand. Unterschreibst du dies alles? Ja, schlucke diese Pillen und lass sie das Todesurteil in dir wirken, und lege die Hand auf deinen Mund und versuche nie zu widersprechen. Das Gesetz ist gekommen, damit jeder Mund verstopft werde und alle Welt vor Gott schuldig sei. Glaubst du nicht, dass auch dein Mund hier eingeschlossen ist, oder willst du versuchen, anderswo hinüberzusteigen? Hier ist die Tür. Ich bin die Tür, sagt Jesus. Sind wir mit ihm gestorben, so glauben wir auch, dass wir mit ihm leben werden. Es gibt nur dieses eine Leben, dieses Leben ist Christus. Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit. Sein Leben soll in uns leben und unser Leben soll sterben. Unser Leben in dieser Welt soll nicht darin bestehen, dass wir den Kopf hängen lassen und den christlich Gesinnten spielen. Es soll sterben. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. In ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen. Niemand fährt in den Himmel hinauf, außer dem, der aus dem Himmel herabgefahren ist, Jesus Christus, der im Himmel ist. Dies klar vor Augen zu haben ist eine unheimlich große Freude.

Der in Knechtschaft du dich mühst und doch bleibest, wie du bist: Gehe über den Jordan noch heut. Bist du durch das Rote Meer gekommen und bist du von Ägypten und den Ägyptern errettet, dann gehe nicht vierzig Jahre in langen Ellipsen in der Wüste umher, sondern richte den Kurs sofort auf das Land, denn dort sind die Weintrauben groß. Ich zweifle nicht daran, dass dir deine Sünden vergeben wurden, aber wenn du weiterleben willst, dann kommst du zu kurz. Die Kinder Israel kamen wegen ihres Unglaubens nicht in dieses Land hinein, genauso ist es jetzt. Die meisten Christen halten sich um den Sinai herum auf und studieren Gesetzestafeln. Aber weil das Gesetz Zorn wirkt, sollte man sich von solchen Menschen weit weghalten. Anders ist es mit denen im Land. Sie gehen um die Mauern Jerichos und singen Halleluja, sodass die Mauern einstürzen. Und die mächtigen Riesen verduften. Sie tragen ihr Licht in irdenen Gefäßen, sie zerschlagen die Krüge und der Feind nimmt Reißaus, wozu er auch bestimmt ist.

Am Fuß des Sinai liegen eine Menge Synagogen und in jeder von ihnen findet man von alters her jemanden, der Mose liest. Aber das Auge Moses wird nicht matt und sein Arm wird nicht schwach, solange nicht jedes Tüpfelchen seines Gesetzes erfüllt wird. Hier muss man sich anstrengen, damit etwas daraus werden kann. Die im Land leben auf eine andere Weise, denn in Ruhe und Vertrauen liegt ihre Stärke. Und je mehr sie glauben, desto mehr gehen sie in die Ruhe ein. Und dann ist es so sonderbar, dass sie von ihren Werken ruhen; denselben Werken, die Mose bis zum Blut forderte. Dies ist wirklich erstaunlich. – – – Aber es muss ja in Erfüllung gehen, dass das Gesetz unser Zuchtmeister auf Christus hin geworden ist. Nachdem wir jedoch in Christus hineingekommen sind, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister. Nun verstehen wir auch, dass das Gesetz nur hinzukam, damit wir die Sünde erkennen sollten. Gott geht verwunderliche Wege mit uns. Er macht alles so verdreht, oder aber sind wir es, die verdreht sind und die nicht auf direktem Weg behandelt werden können.

Dann schriebst du von 2. Petr. 1, 5 ff. Ja, hier ist eine gründliche Schule. Im Glauben Tugend erweisen, sagt er. Dann in der Tugend Erkenntnis; man soll sich nicht allzu tugendhaft verhalten, sondern Erkenntnis gebrauchen. Wenn man aber Erkenntnis bekommen hat, soll man sich auch nicht zu weit in die Freiheit hinausstrecken, sondern mäßig sein. Wenn man aber mäßig ist, soll man nicht ungeduldig werden, sondern geduldig sein; in der Geduld aber wiederum gottesfürchtig, sodass man eher diese Richtung einschlägt, anstatt zu klagen. In der Gottesfurcht aber brüderliche Liebe, denn man hat keine andere Wahl, als die zu lieben, die dieselbe Ausbildung bekommen. Und in der brüderlichen Liebe die Liebe zu allen. Hier kommt man Schritt für Schritt dem näher, der es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte.

Du sprichst von älteren und jüngeren Christen. Ich habe den Eindruck, du meinst, dass der jung ist, der 24 Jahre ist, und der alt ist, der 70 Jahre ist. Doch so ist es nicht.

Lies Weish. 4, 8 und 9: Denn ein ehrenvolles Alter muss nicht lange währen und wird nicht nach der Zahl der Jahre gemessen. Sondern Einsicht ist für die Menschen das wahre graue Haar und ein unbeflecktes Leben das rechte Greisenalter.

Timotheus war jung an Jahren; 1. Tim. 4, 12: Niemand verachte dich wegen deiner Jugend. Aber trotzdem sollte er verkündigen und lehren, 1. Tim. 4, 11.13. Lies selbst. Fahre fort mit Vorlesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme.

Ein Arbeiter (körperliche Arbeit) kann gerne 80 Jahre alt sein; doch du als Zahnarzt hast ihn überholt. Du hast, menschlich gesprochen, einen besseren Beruf. Genauso ist es geistlich. Man kann gut und gerne ein 100-jähriger sogenannter Christ sein und noch nichts von Gott wissen, weil der 100-Jährige nicht an geistlichen Dingen interessiert war. Er war vielleicht in all den 100 Jahren ungehorsam. Ein 18-jähriger Jugendlicher dagegen kann Gott gehorsam gewesen sein und alles drangesetzt haben und Gnade vor Gottes Augen gefunden haben und Weisheit und Klugheit von Gott bekommen haben. Der 18-Jährige ist der Älteste und der 100-Jährige der Jüngste.

Paulus befiehlt Titus, seinem echten Sohn im Glauben, überall in den Städten Älteste einzusetzen. Tit. 1, 4-5. Er bat ihn zu reden, zu ermahnen und zurechtzuweisen mit ganzem Ernst und sich von niemandem verachten zu lassen. Tit. 2, 15.

Joseph war der Zweitjüngste von zwölf Brüdern, aber er war doch an Klugheit der Älteste. Der verlorene Sohn war der Jüngste, aber an Klugheit der Älteste usw.

Nun habe ich dir einen langen Brief geschrieben, lieber Aksel. Möge Gott dir den Geist der Weisheit und der Offenbarung in seiner Erkenntnis geben. Lass alles Menschliche und die überlieferten Fabeln der Väter weg. Steh in deinen Gedanken nur vor Gott als jemand, der von vorn anfangen muss, alles von ihm zu lernen. Paulus verwarf all seine Lehre und achtete sie für Kot, damit er die Erkenntnis Gottes bekommen konnte.

Schreibe bald. Es ist so gut, von dir zu hören. Lass Vater diesen Brief lesen. Grüße ihn und alle zuhause. Es freut mich, dass Ludvig und Berglioth auch anfangen zu hören.

Dein in Christus

Johan

*Hier sieht es so aus, dass das Zeichen * auf eine Fußnote im Brief hingewiesen hat, doch diese ist weggeschnitten.