Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Johan O. Smith

Notizbucheintrag, 19. März 1910

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Notizbucheintrag, 19. März 1910

19. März 1910

Röm. 7

Vers 1. „Wisst ihr nicht, liebe Brüder – denn ich rede mit denen, die das Gesetz kennen –, dass das Gesetz nur herrscht über den Menschen, solange er lebt?“

Wenn hier die Rede davon ist, dass das Gesetz nur herrscht über den Menschen, solange er lebt, dann ist es klar, dass hier nicht die gewöhnliche Lebenszeit als irdischer Mensch gemeint ist. Denn bereits Vers 6 zeigt uns, dass wir vom Gesetz frei geworden sind, obwohl wir uns weiterhin im Fleisch befinden. Die Schriftstelle bedeutet, dass das Gesetz über sowohl Juden als auch Griechen herrscht, solange man „selbst lebt“ im Gegensatz dazu, dass man „Christus lebt“.

Das Gesetz, das herrscht, ist nicht das Gesetz Mose; denn die Römer, an die der Brief geschrieben ist, waren ja von Natur aus Heiden. Jesus kam nicht, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen. Er nahm das Gesetz in sich selbst auf und schrieb es auf die fleischernen Tafeln unserer Herzen, bei denen, die Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein sind. Ja, er schrieb das Gesetz sogar in die Herzen aller Menschen.

Vers 2. „Denn eine Frau ist an ihren Mann gebunden durch das Gesetz, solange der Mann lebt; wenn aber der Mann stirbt, so ist sie frei von dem Gesetz, das sie an den Mann bindet.“ Paulus nimmt hier in erster Linie ein Ehepaar als Beispiel für das bindende Wesen des Gesetzes. Doch zuerst das Natürliche und danach das Geistliche – so kann auch dieses in geistliche Bedeutung übertragen werden.

Der Mann, an den die Frau gebunden ist, ist der Herr, der in 2. Mos. 6, 2-3 erwähnt ist. Dort heißt es:

„Und Gott redete mit Mose und sprach zu ihm: Ich bin der Herr und bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als der allmächtige Gott, aber mit meinem Namen „Herr“ habe ich mich ihnen nicht offenbart.“

Durch den Namen „Herr“ wurde der Leib und damit das Gesetz klar erkennbar, denn jede Sünde, die ein Mensch begeht, ist außerhalb des Leibes. Das Licht des Gesetzes scheint außerhalb des Leibes, sodass es den vollkommenen Menschen, der der Herr ist, beleuchtet, der nun für Israel offenbart werden sollte.

Doch das Gesetz wurde durch die Schwachheit des Fleisches geschwächt, weshalb es auch in Röm. 8, 3 heißt: „Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch.“

Gott konnte es nicht mit dem Gesetz und dessen Licht, das auf den vollkommenen Leib schien, bewenden lassen. Er musste ein größeres Werk tun. Er musste die Sünde im Leib selbst verdammen, wo die Wurzel der Sünde saß. Darum spricht Jesus bei seinem Eintritt in die Welt: „Schlachtopfer und Speisopfer hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet“, Hebr. 10, 5. In diesem Leib sollte aller Wille Gottes geschehen, was große Trübsale und Leiden verursachte. Dieser Leib musste niedergebrochen werden, damit die Wurzel der Sünde im Leib getötet würde. Wenn wir daher nun mit Christus sterben, so glauben wir auch, dass wir mit ihm leben werden.

Wir sterben unserer Ichbezogenheit ab, auf die das Gesetz einwirkt, und heiraten den auferstandenen Herrn und Meister. Erst dann sind wir frei vom Gesetz, was dasselbe ist wie frei von Übertretungen zu sein, denn das Gesetz ist nur für Übertreter.

Vers 3. „Wenn sie nun bei einem andern Mann ist, solange ihr Mann lebt, wird sie eine Ehebrecherin genannt; wenn aber ihr Mann stirbt, ist sie frei vom Gesetz.“ Es ist ja bekannt, dass eine verheiratete Frau, die wegläuft und einen anderen Mann heiratet, während der erste Mann lebt, eine Ehebrecherin genannt wird. Genauso auch in der Welt des Geistes. Ehe wir mit Christus gestorben sind und während wir noch unter dem Gesetz sind, sollen wir am Gesetz festhalten. Denn das Gesetz ist heilig, gerecht und gut. Das Gesetz weist immer zum Vollkommenen hin und in seinem Licht sollen wir immer wandeln. Läuft man weg vom Gesetz, wird man eine Ehebrecherin und das Ganze endet im Verderben. Das Gesetz muss sein Werk mit uns tun dürfen und sein Werk ist, uns auf Christus hin zu züchtigen. Solange etwas vom Egoismus existiert, muss das Gesetz wirken dürfen. Vom Gesetz wegzulaufen, ehe es sein Werk mit uns getan hat, ist nicht in Geist und Wahrheit „Freimachung“ vom Gesetz, sondern nur Gottlosigkeit und Unzucht.

Vers 4. „Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet durch den Leib Christi, so dass ihr einem andern angehört, nämlich dem, der von den Toten auferweckt ist, damit wir Gott Frucht bringen.“

Als Erstes werden wir hier darauf hingewiesen, dass wir durch den Leib Christi dem Gesetz getötet sind. Nachdem wir in den Leib Christi hineingekommen sind, sind wir nicht mehr unter dem Gesetz. Alle Sünde ist außerhalb dieses Leibes. Denn der Leib Christi stand immer nur für den Dienst der Gerechtigkeit zur Verfügung. Wir sind mit einem Geist getauft, um ein Leib zu sein. Gottes Geist will, dass wir uns nach innen wenden, und will uns lehren, auf den Wegen der Gerechtigkeit zu wandeln, wo die Forderung des Gesetzes vollkommen erfüllt wird. Daher kommt man in eine schöne Harmonie mit dem Gesetz, das wir früher übertraten. Doch dieses wunderbare Leben unter der Leitung des Geistes kann man nur in Christi Leib leben, dessen Glieder wir geworden sind.

Wir gehören nun einem anderen an, wir gehören nicht uns selbst. Unsere Pläne, unsere Zukunftsaussichten und unsere Zeit – alles ist in Gottes Hand. Wir haben kein Recht, etwas selbst zu bestimmen, außer in Gott. Wir sind Christi Knechte geworden und müssen ganz und ungeteilt dem Herrn gehorchen, der uns in seinen Dienst aufgenommen hat. Diese völlige Übergabe in Gottes allmächtige Hand bringt uns Frucht für Gott und diese Früchte werden bleiben.

Vers 5. „Denn da wir im Fleisch waren, da waren die sündigen Lüste, welche durchs Gesetz sich erregten, kräftig in unsern Gliedern, dem Tode Frucht zu bringen.“

Denn da wir im Fleisch waren. Dies weist uns nicht aus dem Leib aus, aber als unsere Gesinnung, unsere Gedanken und unser ganzes Wesen im Fleisch und dessen Interessen waren, brachten wir dem Tod Frucht. Nun dagegen sind wir nicht im Fleisch, sondern im Geist, Röm. 8, 9. Unsere Gesinnung und alle unsere Gedanken befinden sich nun in dem guten Heiligen Geist Gottes, weshalb wir auch Frucht für Gott bringen können.

Die sündigen Leidenschaften wurden durchs Gesetz erregt. Das Licht des Gesetzes ist so stark, dass es sogar alle sündigen Leidenschaften in den innersten Kammern unserer Herzen richtet. Und je mehr wir davon ablassen, desto mehr Leidenschaften und Begierden beleuchtet das Licht des Gesetzes für uns. Das Gesetz erregt und beleuchtet bis ins Unendliche, um unsere völlige Verdorbenheit aufzuzeigen und damit wir lernen, dass wir uns nach Rechtfertigung auf andere Weise als durch das Gesetz umschauen. Denn all unsere Frucht gehört nur dem Tod an.

Vers 6. „Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden und ihm abgestorben, das uns gefangenhielt, so dass wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.“

Unsere Gesinnung war mit so starken Banden an unser egoistisches Ich gebunden, dass wir sterben mussten, um frei zu werden. Das bedeutet, dass wir alle Versuche aufgeben mussten, in eigener Kraft das Leben in Gott zu leben. Von dem Augenblick an wurden wir auch vom Gesetz und dem alten Wesen des Buchstabens befreit. Christus ist nun unser Leben und unser Herr geworden und ihm dienen wir im neuen Wesen des Geistes. „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

Vers 7. „Was sollen wir denn nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz. Denn ich wußte nichts von der Begierde, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren!“

Wenn es nun so war, dass wir vom Gesetz frei werden sollten, und wenn es absolut erforderlich war, von ihm frei zu werden, dann kann man wohl mit Recht fragen: Ist das Gesetz Sünde? Nein, das Gesetz ist keine Sünde, sondern das Gesetz ist um der Übertretungen willen gekommen. Wenn daher die Übertretungen aufhören, dann ist man ganz natürlich vom Gesetz frei. Wenn aber kein Gesetz gegeben wäre, dann würde man nicht wissen, was Sünde und was keine Sünde ist. Man könnte z. B. nichts davon wissen, dass Begierde Sünde ist, wenn nicht das Gesetz gesagt hätte: Du sollst nicht begehren. Die Begierde wird zuerst in unseren Gedanken erregt. Aber nun hat Gott uns Kraft gegeben, nicht zu begehren, weil wir durch den Leib Christi von der Begierde frei sind.

Vers 8. „Die Sünde aber nahm das Gebot zum Anlass und erregte in mir Begierden aller Art; denn ohne das Gesetz war die Sünde tot.“

Zwischen der Sünde und dem Gebot besteht immer Feindschaft, weshalb die Sünde fordert, ihre Angriffe machen zu dürfen. Aber alle diese Angriffe werden augenblicklich vom Gesetz als Übertretungen beleuchtet. Wenn einem dann klar geworden ist, dass das Offenkundigste Sünde ist, wird man es mit dem versuchen, was weniger offenbar ist – ob es nicht bestehen kann. Und so macht der Mensch weiter bis ins Unendliche, sodass der Apostel sagen muss, dass das Gebot in ihm Begierden aller Art erregte, und zu begehren war ihm ja nach dem Gesetz nicht erlaubt.

Hätte es kein Gesetz gegeben, dann hätte es selbstverständlich auch keine Sünde und kein schlechtes Gewissen gegeben.

4. 4. 1910

Vers 9. „Ich lebte einst ohne Gesetz; als aber das Gebot kam, wurde die Sünde lebendig.“

Der Apostel musste hier in einem gleichgültigen Zustand gelebt haben, ohne direkt in ausgeprägten Lastern zu leben. Hätte er in großen Sünden gelebt, hätte ihn das Reaktionsvermögen des Gesetzes das Gebot spüren lassen. Doch sobald der Eifer des Herrn erwachte und die Liebe des Herrn zu Paulus ihm selbst geoffenbart werden sollte, kam das Gebot und machte die Sünde lebendig.

Vers 10. „Ich aber starb. Und so fand sich’s, dass das Gebot mir den Tod brachte, das doch zum Leben gegeben war.“

Nachdem die Sünde nun für Paulus lebendig geworden war, standen seine Missetaten in all ihrer Hässlichkeit vor seinem Bewusstsein. Dies wurde ihm zu heiß und er gab sich selbst auf als völlig verdorben und als jemand, der einen Erlöser brauchte, der ihn, genauso wie er war, erlösen konnte. Hiermit starb er dem Gedanken ab, dass er auf gesetzliche Weise Gott wohlgefällig leben konnte.

Vers 11. „Denn die Sünde nahm das Gebot zum Anlass und betrog mich und tötete mich durch das Gebot.“

Wenn man fragt: „Was ist Sünde?“, dann muss man antworten, dass es Übertretung von Gottes Geboten ist. Nun hatte Gott die Gebote genau auf die Weise gegeben, dass sie sogar den allergeringsten Äußerungen des Fleisches jeweils einen Riegel vorschoben. Eine aufrichtige Seele, die darauf achtet, was im inneren Leben vor sich geht, wird daher schnell verstehen, dass der Fehler nicht beim Gesetz liegt, wenn wir nicht eins werden können, sondern dass dieser bei mir selbst liegt. Das Licht des Gesetzes verfolgt sogar meine besten Werke und überzeugt mich davon, dass noch nicht einmal diese bestehen, wenn der Maßstab der Uneigennützigkeit angelegt wird. Das Gebot wird mir auf diese Weise zum Tod. Wenn ich leben will, brauche ich ein anderes Leben.

Vers 12. „So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.“

Im Hinblick auf das Obenstehende verstehen wir nun, dass das Gesetz heilig ist und das Gebot heilig ist. Das Gesetz bezeichnet das vollumfängliche Gesetz, das Gebot jedoch das einzelne Gebot. Wenn aber das Gesetz heilig ist, dann muss auch jedes einzelne Gebot heilig sein.

Vers 13. „Ist dann, was doch gut ist, mir zum Tod geworden? Das sei ferne! Sondern die Sünde, damit sie als Sünde sichtbar werde, hat mir durch das Gute den Tod gebracht, damit die Sünde überaus sündig werde durchs Gebot.“

Nicht das, was gut war, bewirkte den Tod, sondern wenn man selbst böse war und sich mit dem Guten vergleichen sollte, dann kam man selbst zu dem Ergebnis, dass nicht das Gute den Tod bewirkte, sondern das eigene Böse. Doch ohne den Vergleich mit dem Guten konnte man die Sünde nicht erkennen. Ebenso wie man ein falsches 2 Kronenstück nicht erkennen kann, wenn man nicht ein echtes gesehen hat. Doch jetzt wurde die Sünde neben einem heiligen, gerechten und guten Gesetz überaus sündig.

Vers 14. „Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.“

Ja, nun wissen wir zwar, dass das Gesetz geistlich ist – wir haben es seither vielleicht als Erkenntnis gewusst – aber nun wissen wir noch mehr. Wir wissen nämlich, dass ich fleischlich bin, unter die Sünde verkauft. Wir haben nicht immer diese Erkenntnis gehabt, doch sie ist uns durch das Gesetz gegeben.

Unser „Ich“ nach dem Fleisch wird immer fleischlich sein, unter die Sünde verkauft – selbst nach unserer Freimachung vom Gesetz. Denn die Erkenntnis, dass ich auf gesetzliche Weise nicht Gott wohlgefällig dienen kann, bedeutet nicht die Zunichtemachung des Egoismus. Diese gibt lediglich Licht über das knechtische Leben und befreit davon. Das „Ich“ kann weiterhin in demselben Ausmaß im Fleisch unter der Herrschaft der Sünde sitzen und tut dies auch. Aber anstatt unter dem Gesetz zu sein, ist nun dieses „Ich der Sünde“ in den Leib hineingekommen, wo es zunichtegemacht werden soll. Daher heißt es auch in Röm. 8, 3: „Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch.“

Nachdem wir also vom Gesetz befreit sind, besteht die Möglichkeit, mit der Sünde im Fleisch fertig zu werden – und dann nicht in eigener Kraft; sondern wir werden Christus durch seine Auferstehungskraft und die Gemeinschaft seiner Leiden in seinem Tod gleichgestaltet. Dies ist der Tod, bei dem das „Ich“ im Fleisch gestorben ist. Dass man dem Gesetz getötet wird, besteht nur darin, dass das „Ich“ aufgibt, gerecht, heilig und gut zu leben. Doch der Tod des „Ichs“ im Leib Christi ist eine Zunichtemachung im wahrsten Sinn des Wortes.

Vers 15. „Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.“

Es gibt wohl niemanden, wie fortgeschritten er in Christus auch immer sein mag, der nicht ab und zu Dinge tut, die er hasst und die gerichtet werden müssen. Denn was vom Fleisch geboren ist, ist Fleisch und kann dem Gesetz Gottes nicht untertan sein. Dass man die schlechten Werke, die man tut, hasst, ist nur ein gutes Zeichen für eine aufrichtige Gesinnung. Und wenn die Gesetzesübertreter ihre bösen Werke hassen würden, würden sie bald damit aufhören.

Vers 16. „Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist.“

Nun ändert sich die Gesinnung. Ich verstehe, dass das Gesetz gut ist und dass meine Werke böse sind. Daher liebe ich nun das Gesetz, weil es heilig, gerecht und gut ist. Aber ich hasse mein eigenes Leben und meine eigenen Werke und richte und verwerfe sie als untauglich.

Vers 17. „So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“

Vers 18. „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.“

Wenn man nun in Gottes Licht wandelt und sich der Gottesfurcht befleißigt und keine Verdammnis im Gewissen spürt und dennoch erlebt, dass man das tut, was Sünde ist und was man hasst, dann bin nicht mehr ich es, der es tut, sondern die Sünde, die in mir wohnt, sagt der Apostel. Ich habe nicht in allen Dingen einen geübten Sinn, rein von unrein, Wahrheit von Lüge und Gerechtigkeit von Ungerechtigkeit zu unterscheiden. Während des Heranwachsens in Christus kann man diese Dinge in unachtsamen Augenblicken leicht verwechseln. Gott bringt indessen dafür keine Verdammnis über uns, aber er stellt es mir klar vor mein Bewusstsein, damit ich es erwählen oder verwerfen, hassen oder lieben kann. Haben wir dann die richtige Gesinnung und Gottes Liebe in unserem Herzen, werden wir das Böse, das wir getan haben, hassen und dieses Werk richten und töten. Diese Werke sind keine Frucht von Begierde im Sinne von bewussten Gesetzesübertretungen. Sie werden daher in der Schrift „Werke des Leibes“ genannt und begleiten den Menschen fortwährend, solange er in dieser irdischen Hütte lebt. Daher heißt es auch in Röm. 8, 13: „Denn wenn ihr gemäß dem Fleisch lebt, so müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.“

Den Willen, das Gute zu tun, haben wir wohl; aber das Gute vollbringen können wir nicht. Vielleicht will jemand behaupten, dass er es kann. Der Apostel kann es nicht. Das bedeutet, dass wir das Gute nicht vollbringen können, sodass wir uns dieses Gute zurechnen könnten und uns so einen Grundstock aus guten Werken anhäufen könnten, der unsere Herzen zufriedenstellen könnte. Wir müssen immer in dem demütigen Zustand sein, dass wir uns selbst bewusst sind, dass sogar unsere besten Werke nur wie ein beschmutztes Kleid sind, denn sie könnten sicher weitaus besser sein.

Vers 19. „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“

Jeder, der eine gottesfürchtige Gesinnung hat, setzt sich hohe Ziele in Christus Jesus und verlangt viel von sich selbst. Doch das Gute, das er will, geht daneben und das Böse, das er überhaupt nicht wollte, das tut er. Dies bewirkt immer die richtige Betrübnis nach dem Willen Gottes und wahre Demut. Und das macht, dass man immer den Bedarf für Gottes Gnade fühlt. Das versetzt uns in die richtige geistliche Armut, in der man stets mehr von Gott begehrt.

Vers 20. „Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“

Gott rechnet nur das zu, worüber wir Klarheit haben. Er richtet uns nicht für Sünde, die nicht als Sünde in unser Bewusstsein gelangt ist. Daher heißt es auch: Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. An dieser Art von Sünde war mein bewusstes „Ich“ nicht beteiligt, sondern eher mein unbewusstes „Ich“. Ebenso wie kleine Kinder eine Menge Verkehrtes tun, das man ihnen bewusst machen muss, bevor sie gestraft werden können. Daher heißt es auch: Überführe, strafe und ermahne. Das Überführen ist zuerst notwendig.

Selbst nachdem wir mit dem Heiligen Geist getauft sind, sind unsere Werke voller Sünde. Doch Gottes Geist wird sie beleuchten und wir müssen selbst dem Gericht Recht geben, wenn diese Werke des Leibes vor unserem Bewusstsein Revue passieren. Auf diese Weise fängt das Gericht zuerst bei uns an, wie Petrus sagt. Und genau auf die Weise kann man einen geübten Sinn bekommen, zwischen edel und unedel zu unterscheiden.

Vers 21. „So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt.“

Vers 22. „Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.“

Nachdem man vom Gesetz freigemacht ist, kommt in der Regel eine Zeit, in der man sich sehr wohl fühlt. Alle die üblichen Vorwürfe für große und kleine Dinge sind plötzlich verschwunden und alles scheint neu. Doch indem man im Geist wandelt und auf sich selbst Acht hat, wird man bald merken, dass sowohl unsere Rede als auch unsere Werke im Licht von Gottes Geist gesehen sehr sündig sind. Das Gesetz verdammt nicht mehr, da dieses Gericht uns selbst überlassen ist, doch das macht die Sache nicht besser. Hier soll das vollkommene Gesetz der Freiheit herrschen. Daher fühlt man keine Verdammnis, sondern nur die Wegleitung und Mahnung durch den Geist. Wenn man dann auf diesem Weg vorwärts will, dann ist dies der Vorzüglichste und Vollkommenste aller Wege. Denn hier folgt man allein dem Gesetz der Freiheit, das durch die Liebe zu Gott wirksam wird, die das vollkommene Band ist, das uns fest an Gott bindet – ohne unsere Werke und obwohl uns das Böse anhängt.

Vers 23. „Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.“

Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern – nämlich das Gesetz der Sünde. Das modernste in der heutigen Zeit ist, die Augen vor diesem Gesetz zu verschließen. Aber trotzdem gibt es das Gesetz der Sünde in unseren Gliedern, solange wir im Leib zuhause sind, ob wir das eingestehen oder nicht. Dieses Gesetz in den Gliedern streitet gegen die Lust an Gottes Gesetz in unserem Gemüt. Man muss hier beachten, dass im Gemüt kein Gesetz (Gesetz Gottes) war, sondern nur Lust daran. Dagegen war im Fleisch ein Gesetz der Sünde, das den Menschen augenblicklich gefangennahm. Also schließen wir hieraus, dass das, was vom Fleisch geboren ist, Fleisch ist und dem Gesetz Gottes nicht untertan sein kann. Dies ist auch der Grund dafür, dass man nie – selbst wenn man vom Gesetz freigemacht ist – mit seinen Werken zufrieden ist. Man hat immer etwas zu richten, etwas, das anders hätte sein können usw. Das Gesetz der Sünde nimmt uns gefangen.

Vers 24. „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“

Ja, man kann schon Grund haben, das zu fragen, wenn man auf diese Weise ständig im Gesetz der Sünde, das in den Gliedern ist, gefangengehalten wird.

Vers 25. „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.“

Es war sehr vernünftig überlegt von Paulus, sich nicht mehr über das Gesetz der Sünde in den Gliedern zu sorgen, sondern vielmehr Gott zu danken, dass er Gott mit dem Gemüt dienen darf. Und so muss er dann dem Gesetz der Sünde mit dem Fleisch dienen. Einen anderen Ausweg gibt es sowieso nicht, was man sich auch ausdenkt oder erfindet.

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Röm. 8

Vers 1. „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ Wenn unser Gemüt dem Gesetz Gottes dient, dann gibt es keine Verdammnis mehr. Gewiss dienen wir dem Gesetz der Sünde mit dem Fleisch, aber Gott rech-

net es nicht zu, wenn nur unser Gemüt und all unser Trachten auf das Gesetz Gottes gerichtet sind.

Vers 2. „Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“

Wenn wir nun von Gottes Geist darüber aufgeklärt sind, dass wir all unser Lebtag daran gebunden sind, dem Gesetz der Sünde mit dem Fleisch zu dienen, wenden wir uns davon ab und erwarten nichts anderes davon als Sünde. Wir sind hiermit frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes ungeachtet dessen, dass es vorhanden ist und seinen Sitz in unseren Gliedern hat. Unser Gemüt ist in der Welt des Geistes und alle unsere Interessen sind in dem Auferstandenen. Und wir bekommen keinen Vorwurf für die „Werke des Leibes“, doch müssen wir sie selbst richten, wenn der Geist Gottes insbesondere die beleuchtet, die unserem Bewusstsein am nächsten liegen.