Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Johan O. Smith

Brief an Aksel Smith, 22. November 1909

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 22. 11. 1909
Lieber Bruder Aksel,

danke für den Brief, die Karte und die Zeitschriften. Wie du siehst, liegt ein Brief von Vater bei. Der Brief ist gewellt, weil er als Verpackung um ein paar Bücher gewickelt war, die Vater mitgeschickt hat. Gestern hatten wir eine gesegnete Versammlung. Br. Berg und die anderen ziehen in der „Heiligungsbewegung“ richtig mit. Ja, ich nenne sie so, weil ich glaube, dass sie sich zum großen Segen ringsum verbreiten wird. Vater ist jetzt offenbar auf andere Gedanken gekommen und das ist nicht zu früh. Der Zeit nach hätte er Lehrer in Christus sein sollen. Aber nun versteht er nur die Anfangsgründe. Traurig, wenn man im Unverstand und aus Feigheit vor den Leiden mit Christus die kostbaren Jahre und Tage vergeudet, sodass man selbst im hohen Alter nicht einmal die einfachsten Wahrheiten fassen kann.

Vater sagte einmal zu Frau Rasmussen, man könne ja nichts anderes sagen, als dass wir die Wahrheit redeten, welchem Frau R. nicht zustimmte. Er verstand also, was die Wahrheit war, aber um sich nicht mit Th. R. und dessen Frau auseinandersetzen zu müssen, verwarf er die Wahrheit um fleischlichen Friedens willen. Dies kann man nicht „Liebe zur Wahrheit“ nennen. Genau dies hat ihn Jahr und Tag gefangengehalten. Liebe zur Wahrheit treibt alle Furcht aus und um ihretwillen pfeifen wir auf Freundschaft, Familienbande und alles andere. Unser Herz und Sinn müssen aus Liebe zu ihr alles ertragen, sonst ist man nicht für das Himmelreich geschickt.

Schlussendlich ist es die Liebe zur Wahrheit, die uns tüchtig macht und über alle Hindernisse treibt. Sie stählt uns und gibt uns Festigkeit. Sie füllt uns mit Liebe zu allen, die aus der Wahrheit sind, selbst wenn diese sich am Rand des Abgrundes befinden; wenn man nur seine Verdorbenheit eingesteht und seine Verdorbenheit mit der Wahrheit versöhnt, dass es so ist.

Wie erbärmlich und feige, aus Menschenfurcht die Wahrheit zu verleugnen! Kann es einen wundern, wenn solche Leute dahinten bleiben? Was ist die Freundschaft eines Menschen? Was ist ein Mensch, dass wir um seinetwillen Christus fahren lassen sollten? Ich habe nun seit langem nicht nach Hause geschrieben. Nur einen Haufen guter Gefühle zu senden, ist mir zuwider. Ja, ich weiß nicht, was ich sagen soll, denn ich glaube, dass ich genug gesagt habe. Mein Gewissen ist rein von ihrem Blut. Sie haben mir auch immer wieder gesagt, dass ich frei sein soll. Bei Gott gilt kein Ansehen der Person. Wer sich entzieht, an dessen Seele hat er kein Gefallen, wer es auch sei!

Mit der Zeit bekomme ich mehr und mehr Klarheit darüber, dass man den Leuten die Wahrheit nicht aufzwingen soll, denn Gottes Geist tut das nicht. Das macht mich wiederum zufrieden im engen Kreis, wo man die Wahrheit in Wahrheit liebt. Kann man einen gewinnen, der etwas will, so ist das besser als Hunderte zu gewinnen, die nicht wissen, was sie wollen. Ein Paulus hat in Gottes Reich mehr ausgerichtet als alle Feinde des Kreuzes Christi zusammen.

Wie du siehst, schreibt Vater nun etwas darüber, das Kreuz aufzunehmen, aber man muss sich hüten, ihn dafür zu loben, denn solcher Ruhm treibt ihn nur wieder an die Oberfläche, wo er gewohnt ist, sich aufzuhalten. Es ist mehr nötig als nur eine Nachmittagsbetrübnis über das eine oder andere, das nicht nach Wunsch geht. Dies nennen wir nicht Christi Leidensgemeinschaft, sondern eher ein Ausjäten von Pflanzen, die unser himmlischer Vater nicht gepflanzt hat. Ja, vielleicht nicht einmal das. Vielleicht ist es nur Traurigkeit darüber, dass ein schlechter Baum keine guten Früchte tragen kann.

Hiermit einen herzlichen Gruß in Christus Jesus.

Dein Bruder

Johan