Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Johan O. Smith

Brief an Aksel Smith, 23. Oktober 1909

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 23. 10. 1909
Lieber Bruder Aksel,

danke für deine Briefe. Das Manuskript habe ich durchgelesen. Ich habe keine Anmerkungen dazu – außer dass ich bloß wünsche, dass diese Wahrheiten überall verbreitet werden. Das wird für die „Byposten“ gut sein. Abends lese ich Pauline laut aus „Madame Guyon’s Lefnad“ (Madame Guyons Lebensgeschichte) vor und wir finden beide, dass es für einen vorwärtsschreitenden Gläubigen von unheimlich großem Wert ist, darin zu lesen. Es heißt u. a.: „Am Anfang unseres christlichen Lebens neigen wir eher dazu, uns über unsere Freude zu freuen als über Gott selbst.“ Ich habe jetzt ca. 110 Seiten von den ca. 500 Seiten des Buches gelesen.

Vaters Brief habe ich gelesen. Es sieht aus, als ob er sich sehr darüber freut, dass er froh ist. Diese Wurzel zur Freude muss ausgerissen werden und dann kommt eine Reaktion. Dass wir Gottes Geist einatmen usw., solltest du ihm richtig entreißen. Die Luft besteht ja aus Sauerstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff und kann auf chemischem Weg in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt werden. Die Luft gehört zum Geschaffenen in der Natur und ist absolut nicht der Herr der Schöpfung. Du solltest die Luft gründlich für ihn analysieren und sie ihm so materiell wie möglich aufzeigen. Wenn Vater sich jedes Mal beim Einatmen über das Gefühl freut, das er erfährt, dann ist das ja wie oben erwähnt nur eine Freude über die Freude, und hat nichts mit Gottes Person zu tun.

Ich schrieb Vater von Berglioths Brief und bat ihn, Berglioth meinen Brief lesen zu lassen. Br. Anthony kommt heute Abend um 17:45 Uhr durch Horten und fährt gleich weiter nach Moss und Fredrikstad. Ich habe vor, zum Bahnhof zu gehen. Es ist wahr, was du über den letzten „Missionæren“ sagtest.

Madame Guyon sagt, dass die innere Arbeit in der Seele und die äußere Hand in Hand gehen müssen. Das ist eine bedeutungsvolle Wahrheit. Wir müssen uns davor hüten, die äußere Arbeit in dem Maß voranzutreiben, dass die innere Arbeit versäumt wird. Denn auf einem geistlichen Niveau werden wir nur wieder und wieder dieselben Dinge darbieten. Dies kann zwar soweit gut sein, aber man darf dabei nicht sich selbst vergessen, sodass die ersten Werke mehr waren, als die letzten sind.

* * *

Nun war ich unten und sprach so lange mit Anthony, dass die „Bastø“ mit seinem Koffer an Bord abfuhr. Anthony musste deshalb nach Fredrikstad telegrafieren und aß bei uns, wonach er nun um 20 Uhr abfuhr.

Ja, Br. Anthony hat wohl seine Kämpfe, doch hätte er es jetzt gut bekommen, sagte er. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass er nicht das geringste Verständnis für die geistlichen Auseinandersetzungen hatte, die jetzt vor sich gehen, und auch nicht im Geringsten daran beteiligt war. Er schien vollkommen außerhalb von all diesem. Es ist doch seltsam, wie verborgen dies ist. Es ist so verborgen, dass man geradezu krank davon werden könnte, dies alleine tragen zu müssen.

Gott hat uns in eine Sphäre hineingeführt, in der wir nicht viele finden können, denen wir uns mitteilen können. Mir scheint, es wird mehr und mehr verwunderlich; aber es ist vom Herrn geschehen.

Br. Anthony sagte, er wäre etwas skeptisch gegenüber Madame Guyon. Sie würde zu sehr forcieren, wie das bei Katholiken vorkommen kann. Und man würde kaum davon profitieren, wenn man zu viel darin lesen würde, meinte er. Ich sagte, dass wir das Himmelreich mit Gewalt an uns reißen müssen. Er befürchtete, dass du zu viel denken und arbeiten würdest, dass du durch so viel angestrengte geistliche Arbeit deine Lebenskerze zu schnell abbrennen würdest.

All dies mag nun sein, wie es ist. Ich persönlich werde jedenfalls nicht davon geplagt, mich zu sehr Gott hingegeben zu haben. Sein Gesetz ist meine Lust und ich weiß, dass es auch deine Lust ist. Doch wenn du so viel arbeitest, dass es an deinem Leib zehrt und deine Gesundheit schwächt, dann musst du ja selbst maßhalten. Du kennst dich ja selbst am besten. Auf jeden Fall weiß ich, dass die Ruhe in Gott uns sowohl geistlich als auch körperlich stärkt, denn die Ruhe und der Friede des Gemüts beeinflussen alles.

Ich hatte Br. A. heute Abend sehr wenig zu sagen. Ich wusste beinahe nicht, was ich sagen sollte. Madame Guyon berichtet, dass einmal zwei Frauen bei ihr waren. Sie fingen an, über die Schrift zu diskutieren, aber Madame Guyon saß still da und konnte nichts sagen. Sie war für sich selbst im Geist beschäftigt. An einem späteren Tag kam die eine Frau zu Madame G. zurück und sagte, dass sie betrübt sei und sich nach Erlösung sehnte. Madame G. fragte dann, ob die andere Frau sie überzeugt hätte. „Nein, es war Ihr Schweigen, das mich dazu brachte“, sagte sie. Madame G. war ganz verwundert.

Hieraus können wir lernen, dass der Geist, wenn er Schweigen wirkt, eine Absicht damit hat. Denn es gibt ein Schweigen aus Mangel an Erkenntnis, doch ein anderes aus geistlicher Hingegebenheit. Das letztere Schweigen ist so wirkungsvoll.

Zwar kann Madame G. von vielen katholischen Prägungen begleitet sein, aber wir haben ja Licht von Gott bekommen, um den Kern von der Schale zu trennen. Und ich bin persönlich der festen Überzeugung, dass Beschreibungen von Gott hingegebenen Seelen über ihre Kämpfe und Widerwärtigkeiten, durch die sie zum Licht durchdringen mussten, gut und gesund zu lesen sind. Aber eine Sache muss man sich ernsthaft zu Herzen nehmen, nämlich nicht Mal für Mal z. B. Madame Guyon zu zitieren. Außenstehende können leicht denken, dass das eine Lehre wie Melleniets Daggry (heute: Zeugen Jehovas) oder etwas Ähnliches ist. Und das bewirkt, dass man weniger persönlichen Einfluss bekommt. Die Sache ist, dass Gott uns dahin geführt hat, dass wir uns freuen, von denselben Erfahrungen anderer lesen zu können. Aber das versteht niemand – außer Gott und wir selbst.

In Anbetracht der geistlichen Kämpfe, die jetzt vor sich gehen, müssen wir uns von Gott leiten lassen, ohne zu denken, dass andere etwas davon verstehen sollen. Ich bin sicher, dass es auf einen hier und einen anderen dort seine Wirkung tun wird, ohne dass sie es selbst verstehen.

Die Kinder sind gesund. Die fiebrige Erkältung bei Johanne und Kristian ist vorübergegangen. Rakel ist die ganze Zeit gesund gewesen.

Ich finde das Leben in Gott jeden Tag wertvoller und wundere mich bloß darüber, dass nicht alle diesen herrlichen und gebahnten Weg der Heiligung gehen wollen. Madame Guyons Buch war für mich ein wahrer Segen, denn ich spüre bei ihr einen Eifer, der meinem Herzen guttut. In einem Jahrhundert gibt es nicht viele Menschen, die sich Gott so hingeben. Ebenso finde ich viele der Kämpfe wieder, die ich selbst durchstehen musste.

Es steht nicht in Br. Anthonys Macht, jemanden von uns näher zu Gott zu ziehen. Das verstehe ich ja. Doch mein Wunsch ist, dass er selbst mehr Lust und Verlangen in der Tiefe des Herzens nach den Wegen und dem Willen Gottes bekäme.

Petrus war ein Mann, der verstand, worauf es ankam. Deshalb konnte er auch in den letzten Tagen seines Lebens sagen:

Ich halte es aber für recht, solange ich in dieser Hütte bin, euch durch Erinnerung aufzuwecken. Denke, durch Erinnerung aufzuwecken! Das ist etwas anderes, als von Christus abzubringen. Später sagt derselbe Apostel in 2. Petr. 3, 18: Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. Ich denke, dieses Rezept ist schlussendlich das beachtenswerteste.

Zum Nachdenken: Spr. 21, 16.

Zum Trost: Spr. 22, 4.

Sei gegrüßt mit Spr. 4, 20 bis Ende des Kapitels. Beachte Vers 22; dieser Vers spricht von etwas anderem, als dass der Leib zugrunde gerichtet wird, wenn man sich das Wort des Herrn zu Herzen nimmt.

Dein Johan

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