Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Johan O. Smith

Missionæren Nr. 41 – 14. Oktober 1909 - Ans Licht!

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Ans Licht!

Lange hat man nun im „Missionæren“ Röm. 7 erörtert. Wenn man nur auch etwas mehr für sich alleine darüber nachdenken und Gottes Geist die Frage beleuchten lassen würde, dann glaube ich doch, dass man zu weitreichenderen Ergebnissen kommen würde als lediglich zu dieser oberflächlichen Betrachtung. Paulus war nämlich nicht oberflächlich, als er den Römerbrief schrieb, denn er war getrieben vom Heiligen Geist. Und es ist erforderlich, dass es wiederum durch denselben Geist verstanden und gelöst wird.

Doch scheint mir, dass man nun nahezu auf der ganzen Linie zu der Erkenntnis gekommen ist, dass die Verkündigung, die den Knecht in Röm. 7 und den Freigemachten in Röm. 8 platzierte, ganz und gar unhaltbar war. Dass sie wirklich unhaltbar gewesen ist, sieht man außerdem daran, dass die Männer, die sie weit und breit sowohl mündlich als auch schriftlich befürwortet haben, nun nicht einmal mehr einen Finger zur Verteidigung gerührt haben. Stillschweigend haben sie klugerweise ihr ganzes Gedankengebäude in sich zusammenfallen lassen – trotz Streben und Mühe seit Jahr und Tag. Das Gebäude, das nur einige Jahre zuvor mit so kühnen und siegessicheren Redewendungen errichtet wurde, bedauert man nun heimlich mit leisem Flüstern und Murmeln. Bei dieser Gelegenheit müssen einem Elihus Worte in den Sinn kommen:

Sie sind bestürzt, sie geben keine Antwort mehr, die Worte sind ihnen ausgegangen! Hi. 32, 15.

Wenn die Männer, die von sich sagen, dass sie durch Röm. 7 hindurch und in Röm. 8 hinein gekommen sind, in Wahrheit durch Röm. 7 gegangen wären, dann müsste man von solchen wohl eine eingehende Erklärung des Kapitels erwarten können, das sie abgeschlossen haben. Doch Tatsache ist, dass man genauso gut Antwort bekommt, wenn man die Wand fragt.

Lasst uns nun mit dem Kalktüncherwesen aufhören und uns Realitäten zuwenden, denn der Herr wird einen Platzregen senden über die Kalkwand und dann stehen wir da mit der nackten Wirklichkeit. Wir brauchen Wahrheit, selbst wenn es in Herz und Nieren weh tut. Von religiöser Stimmungsmache und Fabeln haben wir mehr als genug gehabt.

Es gibt wohl kaum eine Seekarte ohne Klippen und Schären, so kann auch Röm. 7 durchaus seine Schwierigkeiten haben. Liest man es jedoch mit einem aufrichtigen Herzen und nimmt es ohne Umschweife an, wie es ist, wird Gott Erleuchtung geben.

Am Schwierigsten scheint dies zu sein, dass man wirklich als freigemachte Seele noch das tut, was man hasst.

Wenn man sich nun das praktische Leben genau ansieht, kann es gut sein, dass man eine Lösung des Rätsels finden könnte.

Ein Mann, der von sich selbst sagt, er befinde sich in Röm. 8, steht z. B. in einer Zeugnisversammlung auf und hält eine lange Rede – so lange, dass aufgrund von so viel ewigem geistlosen Predigen auf einmal die meisten drauf und dran sind, bei der Hälfte der Rede aufgrund von geistlicher Auszehrung in sich zusammenzusinken. Stellen wir uns nun vor, ein Bruder steht auf und verpasst ihm eine ordentliche Rüge, weil er durch sein hohes Maß an Unverstand die ganze Versammlung so lange Zeit schrecklich gepeinigt hat. Nachdem er die Rüge erhalten hat, erhebt sich der zuerst erwähnte Bruder und sagt:

„Ja, Bruder, du hast Recht; ich war unverständig. Es war mir nicht bewusst, aber Gott hat dir Gnade gegeben, diese Sache zu beleuchten, sodass ich jetzt meine eigene Torheit hasse und in Zukunft davon ablassen will.“

Denk, welch ein Seufzer der Erleichterung über die Versammlung gehen wird! Der Mann hasst wirklich sein langgezogenes Gerede.

Erstaunlicherweise ist er nun zu Röm. 7 zurück gekommen; denn er tat, was er hasste, erkannte es, und nun freuen sich sowohl er als auch die ganze Versammlung über seine Rückkehr zu dem Kapitel, das nur dem Knecht vorbehalten war.

Das neue Licht über unbewusste selbstsüchtige Werke bewirkt Hass, wenn man nun das Licht im Großen und Ganzen liebt.

Eine Schwester heult sehr ungeziemend in den Versammlungen. Sie glaubt, so etwas ist nötig, um als geistlich angesehen zu werden – selbstverständlich befindet sie sich in Röm. 8. Nach einer Versammlung erklärt ihr indessen ein Bruder, dass dieses Verhalten überhaupt nichts mit dem Geist zu tun hat und nur ihre eigene Erfindung ist. Sie ist erstaunt, lässt sich sagen, bekehrt sich und hasst für die Zukunft ihr ungebührliches Verhalten, und der Versammlung wird erspart, weiter von ihrem durchdringenden Geheule geplagt zu werden.

Dies ist der „Hass“, von dem in Röm. 7 die Rede ist und vor dem man so unendlich Angst hat. Merkwürdigerweise vermochte dieser Hass zu befreien; er befreite die Versammlung in den oben genannten Fällen von sowohl langen geistlosen Predigten als auch von durchdringendem Geheule. Und das loszuwerden ist wahrlich nichts Geringes.

Nein, es ist wohl nicht alles, wie sein soll, sodass es genug Stoff zu hassen gibt, wenn man nur die Augen aufmachen will. Der Geist hatte den sieben Gemeinden in Kleinasien vieles zu sagen und ich glaube schon, dass er heute der Gemeinde etwas zu sagen hätte, wenn man nur hören würde. Aber es ist ja jetzt so modern, dass nur der Prediger für die Gemeinde hören soll. Die Folge davon wird, dass die Gemeinde so beschäftigt ist mit dem Prediger und der Prediger mit der Gemeinde, sodass auch er vergisst zu hören. Man kann daher sehen – wenn man nur zu sehen wünscht – dass das Ganze im Streben um den Broterwerb endet. Der Prediger muss die Brüder rühmen und ehren, die sich seiner annehmen, und als Gegenleistung rühmen sie den Prediger. Alles ist in solch schöner Ordnung, nie ist irgendetwas zu bemerken.

Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht? Joh. 5, 44.

Hätte man der Lehre vom Übergang in Röm. 8 früher das Messer an die Kehle gesetzt, hätten wir uns nun vielleicht über mehr Personen freuen können, die zu so viel Freimachung gekommen wären, dass sie den „Hass“ in Röm. 7 als völlig berechtigt und passend für eine wache, von der Sünde freigemachte Seele erkannt hätten. Nur auf diese Weise können der Einzelne und die Versammlung sich reinigen.

So wie es jetzt ist, verbirgt man nahezu alle Arten von Füchsen, weil man Angst hat, etwas ans Licht hervorzuziehen, es zu hassen und aufzugeben.

Es wird gelehrt, dass nur der Knecht tut, was er hasst – und Knecht will selbstverständlich niemand sein – vorher versteckt und beherbergt man selbst das Schlimmste. Die Folge davon wird, dass man allerlei Unweisheiten behalten darf und deshalb kann man auch innerhalb nahezu jeder „freigemachten“ Versammlung die haarsträubendsten Torheiten sehen und hören, die für bare Münze genommen werden.

Wer das Licht liebt, kommt zum Licht und lernt dort, sich selbst zu hassen.

Horten, 9. 10. 1909