Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Brief an Aksel Smith, 2. August 1905

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 2. August 1905
Lieber Bruder Aksel,

vielen Dank für deinen Brief und die beiden Fotos. Das waren schöne Bilder. Den fremden Mann kannte ich nicht.

Es ist spannend, dir von den Dingen zu schreiben, die droben sind. Nichts macht mir so viel Freude wie in den ungeheuren Reichtümern zu forschen, die Gott uns geschenkt hat. Ich möchte sie nicht gegen alle Weisheit der Welt eintauschen, denn die Weisheit dieser Welt vergeht. Ich will mich nicht selbst rühmen, sondern Gott sei alle Ehre, der mich aus dem Rachen des Todes und aus der finsteren Grube gezogen hat. Er wandte meinen Sinn weg von Torheit und Unverstand und stellte meine Füße auf den Fels. Ich weiß nichts von mir selbst, denn nach der Weise der Welt bin ich dümmer als die Leute im Allgemeinen. Was ich habe, das habe ich von Gott bekommen – ohne Werke und ohne Bezahlung. Ich selbst bin böse vom Scheitel bis zur Sohle. Meine besten Werke sind durchdrungen von Egoismus, meine Liebe fließt über von Selbstbewunderung. Mein Christentum poliert noch mehr den äußeren Glanz, wodurch alle Ehre vom nimmersatten Ich eingeheimst wird.

Dieses Leben wurde mir abscheulich. Ich verstand, dass ich ein durchsäuerter Sauerteig der Bosheit war. Ich sagte zu Gott: Ich kann kein Christ sein. Mein Leben ist ein wahrer Gräuel und ich komme in allem zusammen zu kurz.

Von dem Augenblick an wurde Christus mein Leben. Ich war zu dem Verständnis gekommen, dass er das Leben war. Von dem Augenblick an war ich abgeschrieben. Ich hasse mein Leben in dieser Welt, denn es ist böse, und ich will nie mehr versuchen, daraus etwas zu machen. Selig ist jeder, der sich um des Himmelreichs willen selbst verschnitten hat. Wer es fassen kann, der fasse es, steht geschrieben, Mt. 19, 12. Durch die Gnade Gottes, die in mir ist, möchte ich dir ein wenig darüber mitteilen. Lass alles zur Gottesfurcht führen.

Was ist ein Verschnittener? Das ist ein Mann, der „verschnitten“ ist. Ein solcher Mann kann nicht mit Frauen Umgang haben. Was ist die Frau? Das ist die Welt. Wer oder was ist der Mann? Das ist das Fleisch. Das Fleisch hat Lust zur Welt, gleichwie der Mann zur Frau. Hat man sich aber um des Himmelreichs willen verschnitten, so bedeutet das, dass man sich selbst zu allem Austausch mit der Welt untauglich gemacht hat. Man hat sich „verschnitten“ bzw. alle Verbindungen zur Welt abgeschnitten. Das Fleisch ist dann verschnitten, denn es bleibt allein. Wer Christus angehört, hat das Fleisch mit seinen Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Gottes Weisheit soll nicht in den Kopf hinein wie die Weltgeschichte, sondern sie soll ins Herz hinein, denn mit dem Herzen glaubt man – nicht mit dem Kopf. Christus, die Weisheit Gottes, wohnt durch den Glauben im Herzen – nicht im Kopf. Selig sind, die sich nicht mit Frauen befleckt haben, sie sind Jungfrauen. Zuerst das Natürliche, danach das Geistliche. Der Meister sagt: Wenn ihr nicht die natürlichen Dinge verstehen könnt, wie könnt ihr dann die geistlichen verstehen, wenn ich euch auch davon erzählen würde? Darum redete er in Gleichnissen. Unser Wortschatz ist nur für natürliche Dinge geeignet. Wenn man von himmlischen Dingen reden will, muss man die Worte benutzen, die der Heilige Geist uns lehrt, und in Gleichnissen die geistliche Bedeutung darlegen.

Man kann das, was man meint, am besten ausdrücken, indem man in Zungen redet. In Zungen zu reden heißt, im Geist zu reden, ohne seinen Verstand zu gebrauchen. Es muss dann aber einer anwesend sein, der es auslegen kann. Prophetisch zu reden, bedeutet so zu reden, dass man im Geist und mit dem Verstand redet. Gott übertrifft bei Weitem unseren Verstand. Wir verstehen ihn am besten, wenn wir den Verstand nicht benutzen. Doch für diejenigen, die zuhören, ist es besser, fünf Worte verständlich zu reden als sonst zehntausend Worte in Zungen. Man kann auch in Zungen beten, aber auch dann ist der Verstand unfruchtbar. Lies darüber in 1. Kor. 14. Heutzutage denkt man zu wenig über das Gesetz des Herrn nach, darum hört man auch nie, dass jemand über Zungenrede und prophetische Rede spricht. Sie existiert aber weiterhin; doch wissen die meisten nicht einmal, was dies ist. Manche meinen, es würde bedeuten, Deutsch oder Englisch usw. zu sprechen. Dass dies aber nicht der Fall ist, sieht man daran, dass diejenigen, die in Zungen reden, die Gabe haben können, es auszulegen. Siehe Vers 5.

Es gibt unheimlich viel Sonderbares in der herrlichen Weisheit Gottes. Wir werden größere Dinge als diese zu sehen bekommen, denn Christus übertrifft alle Erkenntnis. Der Mittler ist nicht Mittler eines Einzigen, Gott aber ist einer. Der Mittler ist es, der im Herzen wohnt, doch wenn er nicht Mittler eines Einzigen ist, dann können auch wir es nicht nur eines Einzigen sein. Doch sind wir, soweit wir gekommen sind, einerlei Meinung.

Meine größte Freude ist, wie gesagt, von diesen Dingen zu schreiben und zu reden. Willst du, lieber Aksel, in völlige Ruhe und völliges Vertrauen eingehen und Kraft und die Stärke der Weisheit erhalten, dann verschneide du dich selbst um des Himmelreichs willen. Du sollst dir nicht diejenigen, die sich Christen nennen, zum Vorbild nehmen, sondern die Person Christus selbst. Erst wenn du den Lebensausgang desjenigen siehst, der an Christus glaubt, kannst du seinem Glauben nachfolgen. Ich bin schmerzlich enttäuscht worden von solchen, die den Namen haben, dass sie leben, und ich habe gelernt, so etwas nicht für bare Münze zu nehmen.

Jeder, der Gerechtigkeit tut, ist von Gott geboren. Wer mit einem Hochmütigen umgeht, wird ihm gleich. Gottes Geist ist sehr beweglich. Er dringt in die Hütte des Armen und in das Schloss des Königs ein. Geistlich zu sein – oder dem Geist gleich zu sein – ist, dasselbe zu tun.

Die Welt zieht nur in eine Richtung; man wetteifert, groß, größer, am größten zu werden. Um das aber zu erreichen, muss man das Geringere verachten und das Höhere einnehmen von Herrlichkeit zu Herrlichkeit hin zu aller Fülle Satans. Nach dieser Art von Herrlichkeit und dieser Art von Fülle sollen wir aber nicht trachten. Es gibt keinen Hochmut in Gott, jedoch im Teufel jede Menge. Gott hat sein Interesse dort mitten im Komposthaufen, wo er die kleinen Insekten nährt, die sonst vergehen würden. Solches ist aber ein Gräuel für die Großen dieser Welt. Daher hat Gott mit Recht den Menschen dazu verurteilt, zu Erde und zur Nahrung für Würmer zu werden.

Schreibe bald und werde bald einer der Ältesten, denn Klugheit ist das wahre Alter. Werde nie ein Knecht von Pfarrern und Kirchendienern oder Knecht von irgendeinem anderen Menschen, denn du bist teuer erkauft.

Wie du siehst, lieber Aksel, führe ich eine freie Rede. Ich habe beides probiert, ziehe aber Freiheit der Knechtschaft vor. Will jemand auf mich hören, so ist es gut. Wenn nicht, so ist es auch gut, denn ich lebe nicht mir selbst. Das ist mein Zeugnis. Willst du dasselbe bezeugen – und kannst du dasselbe bezeugen?

Ich habe Fregattenkapitän Kielland einen Brief geschrieben und ihm verkündigt, was ich gesehen und gehört habe. Möge Gott ihm Licht geben, denn Gottes Geist hat sehr an ihm gearbeitet. Er ist ärgerlich gewesen und hat mich das deutlich spüren lassen; aber er muss wieder hören. Wir kennen hernach niemanden mehr nach dem Fleisch. Er teilt viel an Arme aus, denn er ist reich an Gold.

Lebe wohl. Grüße zuhause und sei selbst aufs Beste gegrüßt von deinem Bruder

Johan