Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Brief an Aksel Smith, 22. Dezember 1908

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911
Horten, 22. Dezember 1908
Lieber Bruder Aksel,

deinen sehr lieben Brief erhielt ich heute, ebenso die Zeitschrift. Ich habe den Brief schon zweimal durchgelesen. Ich muss in jeder Einzelheit den Geist erfassen, es kommt nicht so sehr auf die Buchstaben an. Darum muss ich langsam lesen und nachsinnen und noch einmal lesen.

Du sprichst davon, dass ein Vorsteher der Mann einer Frau sein „soll“ usw. Ich habe in der deutschen und englischen Übersetzung nachgeforscht, dort heißt es auch „soll“ oder „muss“. In der alten norwegischen heißt es „sollte“, aber in der neuen norwegischen „soll“. Wenn es nun weiter heißt, dass er gehorsame Kinder haben sollte in aller Ehrbarkeit, so können das wohl kaum Kinder von drei bis eineinhalb Jahren sein wie die, die ich habe; denn sie verstehen kaum etwas von Gehorsam noch von Ehrbarkeit. Es sieht also schlecht damit aus, dass wir die Bedingungen dafür, Vorsteher zu sein, erfüllen können. Doch was sollen wir dann hiermit tun? Ich weiß keinen anderen Ausweg, als dass wir den Dienst, den wir bekommen haben, weiterhin ausüben, bis wir angemessen abgelöst werden.

Paulus war, obwohl er unverheiratet war, selbst ein Vorsteher der Gemeinden, die er während seiner Reisen aufsuchte. Wenn er solche Anordnungen gab, dann wusste er gut, was er tat, denn er hatte aus Erfahrung gelernt, wie fleischlich die Menschen sind. Wenn er den Befehl gibt, dass ein Vorsteher der Mann einer Frau sein soll, dass dieser gehorsame Kinder haben soll (Tit. 1, 6: gläubige Kinder) usw., dann meint er damit einen Mann, zu dem die Leute Vertrauen haben und auf den sie sich verlassen können, einen Mann, der nicht so schnell vom Kurs abweichen wird. Aber stell dir jetzt vor, wenn ein solcher Mann plötzlich seine Frau verlieren würde. Was dann? Vielleicht könnten auch seine Kinder, wie alle anderen sterblichen Wesen, von der Erde genommen werden. Dann stünde er da als jemand, der die Bedingungen nicht mehr erfüllen könnte. Was dann? Sollte er dann dankend abtreten? Nein! Das nehme ich nicht an. Hatte Gott alle Fäden in seine Hände gelegt, dann sollte er sie sicher behalten, solange er treu ist. Für Gott geht es nur darum, einen treuen Vorsteher zu finden. Wenn er keinen findet, wie in den Briefen an Titus und Timotheus beschrieben, dann nimmt er einen anderen. Denn es ist kein anderer als Gott, der in seinen Gemeinden Hirten, Evangelisten und Lehrer einsetzt. Die Menschen machen es ja genauso: Haben sie zum Fegen keinen Straßenbesen, dann nehmen sie einen Reisigbesen, und haben sie keinen Reisigbesen, dann denken sie sich etwas anderes aus, was sie nehmen können. Wenn in einer Gemeinde niemand sein sollte, der alle diese Eigenschaften hat, dann könnte also diese Gemeinde keinen Vorsteher haben. Timotheus und Titus wurde hier eine Schablone für einen in allen Stücken echten Vorsteher an die Hand gegeben.

23. 12.

Gestern kam Brungot und unterbrach mich und wir hatten eine kurze gute Versammlung im Hinterhof bei mir, wo ein kleiner leerer Raum ist, den ich vor Weihnachten als Schulzimmer benutzte. Es gibt auch jetzt mehrere, die Lust haben, Norwegischunterricht zu nehmen. Doch das hindert meine volle Konzentration auf das Geistliche, weshalb ich jetzt für die Zeit nach Weihnachten keinen Unterricht angeboten habe. Wir werden sehen, was Gott später will. Der Verdienst ist ca 20,00 Kr. im Monat.

Aber nun zurück zum Dienst des Vorstehers. 1. Tim. 3, 4-5: der seinem eigenen Haus gut vorsteht und gehorsame Kinder hat in aller Ehrbarkeit. Denn wenn jemand seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie kann er für die Gemeinde Gottes sorgen?

Hieraus kann man lernen, dass er, indem er seinem eigenen Haus recht vorzustehen weiß, dabei auch lernt, für die Gemeinde zu sorgen.

Wenn nun aber jemand unverheiratet ist und auf diese Weise kein Haus hat, dem er vorsteht, sich aber als jemand erweist, der Gottes Gemeinde vorstehen kann und geistliche Kinder hat – ob nicht ein solcher ebenbürtig sein sollte mit einem verheirateten Mann mit Kindern, der aber nie Kinder in Christus gehabt hat? Und ob er nicht mitten in seinem Stand als Junggeselle als verheiratet betrachtet werden könnte und als jemand, der gottesfürchtige Kinder hat, obwohl er unverheiratet ist? Denn wenn er geistliche Kinder großgezogen hat, dann sind die zeitlichen darin eingeschlossen. Jesus ist in allem geprüft wie wir. Jesus war nicht verheiratet, aber er wurde in allem geprüft wie ein verheirateter Mann. Paulus ermahnte die Verheirateten, wie sie sich verhalten sollten, obwohl er unverheiratet war. Paulus hatte Söhne im Glauben, Timotheus und Titus und natürlich noch viele weitere. Paulus reiste als Apostel und betreute die Gemeinden. Wenn er aber als Unverheirateter umherreisen und ermahnen und alle Gemeinden betreuen konnte, dann sollte man annehmen, dass er als Unverheirateter und Ortsansässiger eine Gemeinde hätte betreuen können.

Was dies betrifft, ist der Menschensohn auch Herr über den Sabbat. Levi, der den Zehnten bekam, hat durch Abraham den Zehnten gegeben; denn er war noch in den Lenden seines Vaters, als dieser Melchisedek entgegenging.

So auch Paulus. Er ist dadurch, dass er Vorsteher einsetzte, selbst Vorsteher geworden. Denn derjenige, der einsetzt, muss unbedingt größer sein als derjenige, der eingesetzt wird. Wenn aber der Unverheiratete den Verheirateten einsetzen kann, dann kann der Wert einer Person nicht in der Ehe begründet sein, sondern im Verhältnis mit Gott. Liegt er aber im Verhältnis mit Gott, warum sich dann hindern lassen von dem, was meine Eignung hätte unterstützen sollen? Denn wenn die Eignung ohne das Hilfsmittel erworben wurde, dann ist ja die Absicht erreicht. Warum sich dann vom Mittel hindern lassen?

Aber es ist wahr, dass ein Vorsteher ein verheirateter Mann mit gläubigen Kindern sein sollte. Denn ein solcher ist mehr an einen Ort gebunden als z. B. du jetzt in Kristiansand, da du ja vorhast, vom Ort wegzuziehen, was du im fortgeschritteneren Alter und mit großen Kindern kaum tun würdest.

Doch in Ermangelung des einen gebraucht Gott den anderen, ohne Rücksicht auf das Ideal eines Vorstehers. Und in diese Führung Gottes brauchen wir Einsicht. Auch die Menschen sind nicht ratlos, wenn sie gerade nicht das passende Material zur Hand haben – wie viel weniger dann Gott.

Jetzt haben wir diese Sache erörtert und ich glaube – genau wie du – dass man diesen Dienst wahrnehmen kann, ohne die Leute dies merken zu lassen. Sollten sie diese Information benötigen, dann sollte es ihnen am besten ein anderer mitteilen. Doch ein solcher müsste dann den Dienst eines Apostels haben.

Es ist großer Bedarf an wirklichen Ausgesandten (Aposteln), die vom Heiligen Geist ausgesandt sind und innerhalb der Gemeinden Wegleitung geben können. Ich habe darüber nachgedacht, ob nicht die verantwortlichen Männer der geistgetauften Gemeinden zu einer Konferenz zusammenkommen könnten. Wenn sie genauso wie in Antiochien beteten und fasteten und begehrten, Zeugen aussenden zu können, dann glaube ich, dass sich der Heilige Geist heute ebenso wie früher Männer für diesen Dienst ausersehen würde. Es wird enorm große Autorität bei und von solchen Männern verlangt. Sie müssten gestählte Nerven und einen ehernen Glauben haben, womit sie die Torheit beugen könnten, und Weisheit, um Schwierigkeiten zu lösen, Liebe, um geduldig leiden zu können und viele andere Eigenschaften. Man könnte darüber nachdenken, ob es nicht bei Gelegenheit nützlich wäre, eine Konferenz über diese Dinge abzuhalten.

Ich höre, dass ihr Gottes Wort studiert und erforscht. Ja, da gibt es Tiefen. Gottes Geist hat mehrere Jahre lang früh und spät mit mir gearbeitet – unablässig mit Offenbarungen in der Erkenntnis Gottes. Und je mehr Gott mir gibt, desto mehr begehre ich. Die Liebe übertrifft die Erkenntnis, heißt es. Dies wird schrecklich verdreht. Die Erkenntnis Gottes wird durch die Liebe nicht in den Schmutz getreten. Sondern je mehr Erkenntnis wir über Gott bekommen, desto besser verstehen wir seine Liebe. Wenn dann die Erkenntnis Gottes noch mehr zunimmt, verstehen wir seine Liebe noch besser. Und wie groß die Erkenntnis Gottes auch sein mag, so ist doch die Liebe noch größer. Auf diese Weise gehen Erkenntnis und Liebe Hand in Hand.

Ich habe viel, worüber ich schreiben möchte, mein Inneres dringt mich. Denn Gott hat große Dinge getan, und der Wohlgeruch seiner Erkenntnis erfüllt seine Auserwählten mit Freude.

(Der Rest des Briefes fehlt.)