Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

Missionæren Nr. 46 – 12. November 1908 - „Sinn und Unsinn“

Gesammelte Schriften Band 1 • 1890 - 1911

„Sinn und Unsinn“

Da in der letzten Zeit einige Fälle von Geisteskrankheit aufgetreten sind, für welche die Zungenrede als Ursache angegeben wird, dürfte es erforderlich sein, in dieser Sache etwas zu sagen.

Man sollte nicht zu schnell sein, der Zungenrede die Schuld daran zu geben, dass jemand seinen Verstand verloren hat. Denn die Ursache liegt wohl in etwas ganz anderem. Paulus, der von allen als äußerst verständig angesehen wird, was er ja auch war, redete mehr in Zungen als alle. 1. Kor. 14, 18. Doch nicht genug damit, er wünschte, dass alle in Zungen reden würden. 1. Kor. 14, 5. Wir können sicher sein, dass Paulus hiermit nicht wünschte, dass alle den Verstand verlieren sollten, da er ja früh und spät dazu ermahnte, verständig zu sein. Und selbst zu den Korinthern, die viel in Zungen redeten, sprach er als zu Verständigen. 1. Kor. 10, 15. Es ist also ein Unterschied, ob man die Gabe der Zungenrede hat oder ob man den Verstand verloren hat. Es ist wohl eher so, dass der Verstand sich richtig erholt, wenn man in Zungen redet, denn es ist der Geist, der betet, der Verstand ist ohne Frucht (ohne Anstrengung), 1. Kor. 14, 14.

Wenn Leute in dieser „Bewegung“, wie man sie nennt, dennoch den Verstand verloren haben, dann sollten wir etwas näher nach der Ursache sehen und nicht nur oberflächlich und gewissenlos gegenüber Gottes Werk nach dem Erstbesten greifen, was etwas seltsam in den Ohren klingt – in diesem Fall die Zungenrede. Man hat kein Recht, Gottes herrliche Gabe auf die Weise in den Dreck zu ziehen.

Der Fehler steckt wohl eher darin, dass man Versammlungen in kleinen, engen Räumen bis tief in die Nacht abhält – Abend für Abend; dass einer den anderen im Beben, auf den Boden fallen, sich Verzückungen hingeben und vielem mehr zu übertreffen versucht, um sich selbst und anderen einzureden, dass man außergewöhnlich geistlich und über alle Maßen mit dem Geist erfüllt sei. Man hat die Ermahnung übersehen, zu wachen und nüchtern zu sein, 1. Thess. 5, 6, und so etwas bleibt nicht ungestraft.

Es ist verzeihlich, wenn jemand beim ersten Mal, wenn er den Geist bekommt, umfällt, wie es ja bei Saulus von Tarsus war, Apg. 9, 4. Wenn man aber Versammlung nach Versammlung weiterhin auf den Boden fällt und bebt und klopft und große Nummern abzieht, um entweder den Geist herbeizurufen oder um zu zeigen, wie erfüllt man mit dem Geist ist, dann wundert es mich in keinster Weise, dass man den Verstand verlieren kann.

Ein großer Fehler dieser „Bewegung“ ist, dass man viel zu viel Wert auf die Gefühle gelegt hat. Man hat eine Versammlung nach der anderen dazu benützt, die Gefühle in Wallung zu bringen. Und um nachzuhelfen, dass das so rasch wie möglich geschieht, ist man auf das Unglaublichste gekommen, wie es nur geistlicher Rausch fertigbringen kann. Doch an alledem soll natürlich die Zungenrede schuld sein. Unterweisung, Ermahnung und gesundes Nachforschen in der Schrift hat man verachtet, deshalb entstehen auch diese traurigen Resultate. Es war Paulus ein Herzensanliegen, dass diejenigen, die Gottes Geist bekommen hatten, auch Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis Gottes bekommen sollten. Eph. 1, 15 ff. und Kol. 2, 1 ff. Aber kann man sagen, dass das Verlangen nach der Erkenntnis Gottes diese „Bewegung“ geprägt hat? Nein, man hat nach der Gabe der Zungenrede getrachtet, was ja auch gut ist, und anschließend danach, zu beben und zu klopfen und nach vielem anderen, was hier nicht genannt werden muss. Denn man wollte genügend weitere Zeichen dafür haben, dass man etwas Besonderes ist – und mehr als alle anderen Menschen mit dem Geist erfüllt ist.

Ich traf vor ein paar Tagen in einer der Kleinstädte zwei ältere Leute und einen jüngeren Mann, die alle auf ihren Stühlen saßen und bebten, während sie miteinander über Gott sprachen. Der ältere Mann erzählte mir, dass er auch um ein solches Zeichen gebetet hatte, als er sah, dass alle anderen, die mit dem Geist erfüllt waren, so viele wunderliche Gebärden hatten. Und das hätte er nun bekommen, sodass nun auch er zusammen mit den anderen beben konnte.

Man gibt Br. Barratt die Schuld für all dieses Unwesen. Aber ebenso wenig, wie man Luther anlasten kann, dass die meisten Lutheraner gottlos leben und dass eine Menge von ihnen heute innerhalb der Wände von Anstalten für Geisteskranke sitzen, kann man Barratt anlasten, dass eine ganze Menge Menschen sich unverständig verhalten. Barratt ist fürs Erste Evangelist und hat seine große Aufgabe als solcher und kann selbstverständlich nicht für alles, was geschehen kann, verantwortlich sein. Ich glaube jedoch, dass es von großem Nutzen sein würde, wenn er in „Byposten“ vor solchen ungesunden Entwicklungen warnen würde, die er selbst gesehen und gehört hat.

Wenn ich über diese Sache schreibe, dann nicht als Gegner von Gottes Werk, denn ich danke Gott sowohl für die Gabe der Zungenrede als auch für die Gabe der Weissagung, die auch mir zuteil wurden. Aber es ist nicht richtig, die Gnadengaben in den Schmutz zu ziehen. Man soll sie hoch schätzen, denn Gott hat sie der Gemeinde gegeben, 1. Kor. 12, 10 und 28. Lasst die Verachtung das treffen, was man verachten soll, nämlich das, was man selbst erfindet.

Horten, 4. November 1908