Verborgene Schätze

Die Gnadenordnung

Oktober 2025

Die Gnadenordnung

Ein Kind Gottes hat seine Gnadenordnung. Sie besteht aus der „kleinen Bibel* (der Bergpredigt) und wird „die enge Pforte und der schmale Weg“ genannt.

Beachte, dass es diese vier inhaltsreichen Ausdrücke nur in der Bergpredigt gibt: „enge Pforte und schmaler Weg“, „weite Pforte und breiter Weg“ (Mt 7,13–14). Es geht um die Ordnungen des Lebens und des Todes.

Was ist die enge Pforte? Die Bergpredigt ist die enge Pforte. Was ist der schmale Weg? Die Bergpredigt ist der schmale Weg. Doch was für die Bergpredigt gilt, gilt für das ganze Wort Gottes. Mit anderen Worten: Gottes Wort ist die enge Pforte und der schmale Weg. Und das ganze Wort Gottes handelt von Jesus Christus. Also ist Jesus Christus die Pforte (oder die Tür, Joh. 10,9) und der Weg.

Dass die Bergpredigt die enge Pforte ist, erfährt der kluge Bauherr. Er nimmt sich nämlich die Schlussworte von ewiger Tragweite zu Herzen: Wer die Bergpredigt tut, der baut auf Felsengrund. Und diese Worte sollte man sich mehr als alles andere zu Herzen nehmen, denn sie entscheiden über die ganze Ewigkeit. Sie zeigen klar, dass allein derjenige, der die Bergpredigt tut – und niemand anderes – ein Rettungsgebäude hat, das jedem Wetter standhält. Darum soll, wer ein Kind Gottes werden will, sich davor hüten zu meinen, die Bergpredigt mit ihren tiefen und ernsten Anforderungen sei nur dazu gegeben, dass wir dort unsere Ohnmacht und unsere Unzulänglichkeit erkennen – und sie dann ungetan liegen lassen, während wir zu etwas fliehen, das wir „Evangelium“ nennen. So hat es der Herr nicht gemeint, als er sagte, dass wir sie tun sollen. Sonst hätte er das eine gesagt und etwas anderes gemeint. Doch er war niemals falsch.

Wenn dieses Wort Jesu nicht als ein Wort des Ernstes gilt, geht es von Anfang an schief, und das sündige Selbst rettet sein Leben unter dem Deckmantel losgelöster Verheißungen. Dann hängt man jahrelang am Rand einer „evangelischen“ Vergebung, getragen von kräftigen Gnaden-Gesten und schönen Gefühlen, die man missdeutet und für geistliches Leben hält. Dann geschieht eines von beidem: Entweder geht Gott – auf langen Umwegen und oft durch harte Strafgerichte – daran, das zurückzugewinnen, was durch die Verkümmerung des Gnadenmittels des Wortes verloren ging; oder aber der Mensch versinkt langsam in die gefährlichste Form der Verhärtung – die pharisäische Verheißungs-Verhärtung. Wir wissen, wohin diese in der Welt geführt hat. Das Judentum zur Zeit Jesu zeigt es deutlich. Man war Meister in der Kunst geworden, die Wahrheit zu verdrehen und zu spalten. Aus Abrahams Bund schnitt man Abrahams Segen (Mt. 3,8–9) heraus, aber Abrahams Glauben, der Isaak opferte, verwarf man. Stolz nannte man sich Abrahams Kinder, doch mit seinen Taten wollte man nichts zu tun haben (Joh. 8,39). Man erbte alles vom Patriarchen – nur nicht seine Gesinnung (Joh. 8,40). So behandelte man das ganze alttestamentliche Wort: Das Wichtigste im Gesetz ließ man beiseite (Mt. 23,23). Man setzte seine Hoffnung auf Mose, glaubte ihm aber nicht, sagt der Herr (Joh. 5,45–46). So schlief man auf dem Kissen losgelöster Verheißungen. Das innere Licht wurde Finsternis, die Lampe des Gewissens erlosch (Mt. 7,22–23; 12,41–42). Und nun rief Mose zu tauben Ohren, Johannes ebenso, der Herr ebenso. Mose, Johannes der Täufer, Christus – alle gingen an dem Geschlecht jener Zeit vorbei, das die Wahrheit spaltete. Man sah nichts, hörte nichts. Denn nie schläft ein Mensch so tief wie dann, wenn er auf einer zerrissenen Wahrheit ruht. Weder das Donnern vom Sinai noch der Ruf in der Wüste, noch die Stimme des Herrn – sei es achtmal „selig“ oder achtmal „weh“ (Mt. 23,13–39) – wecken ihn auf. Diese innere Gefahr versteckte man vor sich selbst und anderen durch äußeren religiösen Eifer und viele Aktivitäten: Man reinigte das Gefäß außen und übertünchte die Gräber. An der Verheißung des Messias hielt man begierig fest, doch konsequent wurde man dazu getrieben, das Bild der Heiligkeit und Gerechtigkeit aus dieser Verheißung „herauszuschneiden“. Und so stürzte ihr Messias zusammen mit ihnen selbst zur Erde. Er musste ihrem eigenen Sinn entsprechen, ein irdischer König werden (natürlich mit religiöser Schminke), ein Retter für das Selbst, das Fleisch und die Heuchelei. Wollte er das nicht, musste er sterben.

So spaltete man die alttestamentliche Rettungsplanke. Und dann kam man auf dem Weg des Spalters zum Ziel des Spalters: Golgatha. Dort hält der spaltende Jude den Nagel, während der römische Heide den Hammer führt. Und so war man schließlich bis in die Tiefen der Lüge vorgedrungen, während man fest davon überzeugt war, in der Wahrheit zu stehen – so fest, dass man sein Leben darauf gewettet hatte. So ist es zu jeder Zeit. Hüte dich, Mensch! Auf der Spalterebene wirst du früher oder später immer in eine Art Golgatha gleiten, wo du auf die eine oder andere Weise mitwirkst, die Wahrheit zu töten.

Mit anderen Worten: Die Gefahr der Juden war diese, sagte der Herr: „Ihr setzt euer Vertrauen auf Mose, doch ihr glaubt ihm nicht“ (Joh. 5,45–46). Die Gefahr der Christen ist diese: „Ihr setzt euer Vertrauen auf Christus, doch ihr glaubt ihm nicht, wenn er sagt: Wer die Bergpredigt tut, baut auf Felsengrund.“

Doch lasst uns ihm glauben. Wir sollen die Bergpredigt in die Tat umsetzen. Und das können wir, denn sie ist das Evangelium. Die Kunst ist nur, sie als Evangelium anzunehmen – als Geschenk zur neuen Geburt.

Wir sollen nicht warten damit, sie zu befolgen – bis nächste Woche, bis in einem Jahr oder bis wir im Himmel sind – denn sonst ändert sich nie etwas mit uns. Der Herr gewährte niemals eine Pause von der Bergpredigt. Er gewährte niemals auch nur einen Moment Aufschub, die Wahrheit zu tun. Auch nicht der Täufer, der Torprediger. Er sagte: „Bringt Frucht!“ Zum Volk sagte er: „Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso.“ Zu den Zöllnern: „Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!“ Zu den Soldaten: „Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“ (Lk. 3,10–14). Wir sollen also jetzt beginnen, allem zu entfliehen, was wir als böse erkennen, und alles zu tun, was wir als gut und recht erkennen – genau da, wo wir im Leben stehen. Wenn wir beginnen, die Bergpredigt in die Tat umzusetzen, dann wird sie für uns zur Pforte. Sie macht es bald eng. Adam will lose Zügel – weit und breit. Die Bergpredigt macht es enger für Herz, Willen, Sinne und Glieder. Ja, sie macht es früher oder später so eng, dass wir niemals mit unserem Leben hindurch kommen. Sie drückt buchstäblich unser altes Wesen, unser egoistisches Ich zu Tode. Und das ist notwendig, denn ohne dieses Sterben gibt es keine Heiligung. Der alte Adam muss sterben, wenn der neue Adam im Herzen wohnen soll. Doch wenn sie uns zu Tode gedrückt hat, wechselt sie den Platz: sie verschwindet als Pforte und geht ins Herz ein als neues Leben. Nun wird die Bergpredigt zum schmalen Weg. Nun können wir sie umsetzen, nicht knechtisch, sondern aus Herzenslust. Wir können auf diesem Weg gehen in der ihr innewohnenden Kraft.

So ist die Bergpredigt die enge Pforte und der schmale Weg. Aber wir sagten, das würde für das ganze Wort Gottes gelten. Zuerst kommt die enge Pforte, dann der schmale Weg. Zuerst ist es außerhalb – es wird Raum im Herzen geschaffen –, und wenn der Raum bereit ist, kommt es herein. Oder: Zuerst geht der Herr neben uns, aber wenn der Weg für den König der Ehren bereitet ist, kommt er herein. Das ist die Gnadenordnung der kleinen Bibel – die Gnadenordnung der Kinder Gottes. Und wie ist sie doch einfach!

Das Wort Gottes bietet sich dem Menschen also immer als Evangelium an – als: „Gesetz und Propheten erfüllt.“ (Mt. 5,17). Nimmt der Mensch das Wort nicht als Evangelium an, so tritt es ihm als Gesetz entgegen und züchtigt ihn, bis er es als Evangelium – als Gnadengabe – annimmt. Als Wort der Pforte ist es Gesetz, als Wort des Wegs ist es Evangelium. Das kommt treffend zum Ausdruck in den Worten, die (in den Kirchengottesdiensten) am Altar ausgesprochen werden: „Erhebt eure Herzen zu Gott!“ Ja, daran liegt es. Man kann in der Kirche stehen als jemand, der das Herz zu Gott erheben kann, das heißt: Man glaubt. In diesem Fall ist der Text, gleich welchen Inhalts, Evangelium. Er strömt in das zu Gott gerichtete Gefäß des Herzens als vergebende, lebensspendende, stärkende, reinigende und ermahnende Salbung des Geistes, je nach seinem Inhalt. Man kann aber auch in der Kirche stehen, ohne dass man das Herz erheben kann. In diesem Fall wird der Text zum Gesetz, selbst wenn er die herrlichste Verheißung enthält. Der Text bleibt außerhalb des Herzens. Seiner Aufforderung, als Geschenk angenommen zu werden, kann man nicht nachkommen, weil das Gefäß fehlt, das ihn aufnehmen könnte.

Der Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium liegt also nicht im Wort selbst. Gesetz und Evangelium sind nicht verschiedene Teile oder Arten des Wortes. Wie wir gesehen haben, ist Gottes Wort in sich selbst von einer einzigen, unteilbaren Art: Es ist Evangelium – und ebenso unteilbar, wie der Herr selbst unteilbar ist. Der Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium ist der Unterschied zwischen Gottes Wort als Wort der Pforte und Gottes Wort als Wort des Weges: als etwas, das außerhalb des Herzens ist, oder als etwas, das im Herzen wohnt; als alttestamentliches oder als neutestamentliches Gotteswort. Es gibt also Unterschiede in der Natur und Wirkungskraft des Wortes, je nachdem, wie ich mich dazu verhalte. Für ein „Pforten-Herz“ bekennt es sich als Gesetz, für ein „Weg-Herz“ als Evangelium. Entweder ist mir das ganze Wort Gottes Gesetz und Prophetie, mit dem Wesen des Gesetzes und der Kraft des Zuchtmeisters – oder das ganze Wort Gottes ist mir Evangelium, mit dem Wesen des Evangeliums und der Kraft der Vergebung und Wiedergeburt. Entweder ist es eine ganz und gar alttestamentliche oder ganz und gar neutestamentliche Gnadenordnung. Niemals eine Mischung von beidem. Entweder steht man unter dem Gesetz oder man steht unter der Gnade. Die Wiedergeburt markiert die festgelegte Reichsgrenze zwischen beiden. Durch sie tritt man ein in das Pfingstreich des Himmels, das „nahe“ war, als der Herr auf Erden wandelte – denn es war in ihm. Und an Pfingsten kam es in die Menschenherzen.

(Auszug aus dem Kapitel „Die Gnadenordnung“ aus dem Buch „Jesu lära“, erschienen 1902. Übersetzt aus dem Schwedischen.)

* Weiter oben im Buch argumentiert Wetterlund, dass die Bergpredigt für Christen die „kleine Bibel“ sei. Wenn er diesen Ausdruck im Text benutzt, meint er also die Bergpredigt.