„Durch die Liebe diene einer dem andern!“
Das Evangelium ist ein Ausdruck der Liebe Gottes. Durch das Erlösungswerk Jesu für uns Menschen wird sichtbar, dass es sich wirklich um ein Werk der Liebe handelt. Gottes Gedanken für uns sind, dass wir, die wir „verhasst waren und uns untereinander hassten“ und von Natur aus einem „verdrehten und verkehrten Geschlecht“ angehören, zu einem neuen Leben kommen sollen: In diesem neuen Leben können wir einander wirklich lieben und in Liebe miteinander umgehen und einander dienen.
„Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern.“ () Das ist Gottes Wille und muss für uns eine Richtschnur für unser Leben sein. Danach strecken wir uns aus, das werden wir erleben, sodass wir wirklich den anderen in Liebe dienen können.
Ein Diener ist kein Herr. Ein Herr will bedient werden und erwartet das auch. Der Diener will den anderen dienen und findet seine Berufung und Freude gerade darin, den anderen zu dienen. „Dem Fleisch Raum geben“ bedeutet, dem Fleisch die Gelegenheit zu geben, meine Taten zu bestimmen. Genau das liegt uns ja am nächsten, genau dazu werden wir so schnell versucht. Im Umgang miteinander macht sich zuerst unsere menschliche Veranlagung bemerkbar. Lassen wir uns von ihr bestimmen, entwickeln sich Forderungen, Undankbarkeit, Neid und Missgunst. Sie weiten sich aus zu Beleidigtsein und Verbitterung, Feindschaft und Hass. Antipathie, Sympathie und Parteigeist sind lediglich etwas feinere Ausdrucksformen dieser Dinge. Solche zerstörerischen Kräfte haben seit dem Sündenfall Generation um Generation die Menschen und das Zusammenleben der Menschen untereinander zugrunde gerichtet.
Jesus durchbrach dieses Gesetz der Sünde und des Todes, als er von den Toten auferstand und durch das Evangelium Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht brachte. Daher können wir nun durch das Gesetz des lebendigmachenden Geistes zu einem völlig neuen Leben gelangen. In diesem neuen Leben können wir als sündige Menschen Diener dieses Neuen Bundes werden, sodass wir in Liebe dienen, immer und in allen Lebenslagen.
Der Sündenfall ist bei allen Menschen gleich, auch wenn die Auswirkungen und Neigungen ein wenig unterschiedlich ausfallen können. Deshalb ist das Heil in Christus auch für alle Menschen gleich. Das bedeutet, dass für uns alle gilt, was Jesus sagte: „Da sprach er zu allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“ () Gerade im Umgang miteinander stoßen wir auch auf die Unterschiede und Neigungen des anderen. Das weckt in unserem eigenen Fleisch eine Gegenreaktion, und es kommt schnell zu Vorwürfen und Schuldzuweisungen, anstatt dass man seine eigene Sünde anerkennt. Es braucht Zeit, sich selbst und die Auswüchse der eigenen Sünde zu erkennen. Die anderen sehen dies oft schon lange, bevor wir es selbst bemerken. Es ist die Sünde in unserem eigenen Fleisch, die es uns schwer macht, unseren Bruder so anzunehmen, wie er ist. Darum brauchen wir die Führung und Hilfe des Heiligen Geistes. Durch Gehorsam und durch den Gebrauch des Kreuzes bleiben wir in der Liebe bewahrt, und auch unser Herz bleibt rein. Unser Kreuz können wir jeden Tag auf uns nehmen – und das müssen wir auch, wenn wir Jesus nachfolgen wollen. Nicht die anderen sollen ihr Kreuz auf sich nehmen – niemals soll ich das von ihnen erwarten –, sondern ich selbst soll mein Kreuz auf mich nehmen.
Gott hat uns genau so, wie wir sind und wie er uns geschaffen hat, zusammengeführt – in der Ehe, in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Gemeinde. Es ist naheliegend, dass man sich lieber mit Menschen umgibt, die wir mögen, die eher so sind wie wir, mit denen wir keine Probleme haben usw. Menschen, die uns nicht so sympathisch sind, meiden wir eher oder schließen sie gar aus. Gott hat die Glieder an Jesu Leib so zusammengeführt, wie er es wollte. Er wird sein Heilswerk in jedem einzelnen Glied vollbringen – in den Menschen, die glauben und Jesus als Herrn und Heiland in ihrem Leben annehmen. Das ist Gottes Weisheit und Liebe zu uns, die auf eine solche Weise wirkt und Menschen und Situationen auf unseren Weg führt – gerade mit dem Ziel, dass wir in der Liebe bewahrt werden und im Guten wachsen. So wirkt Gott ganz still und verborgen, mit seiner Weisheit und Fürsorge, und es braucht Demut und Selbsterkenntnis, um den Weg zu finden. Doch der Weg ist gebahnt und eingeweiht für uns, die wir geheiligt werden wollen ().
Jesus führte sein Werk als Diener aus. Er nahm Knechtsgestalt an, ging hinunter und erniedrigte sich selbst. Nur so können auch wir die anderen tragen und ihnen in Liebe dienen. Dies gibt uns Tragkraft und Tragfähigkeit in allen Lebenslagen. Dann können wir auch besser verstehen, wie viel unsere Mitmenschen an uns zu tragen hatten und haben. Dadurch wächst die Dankbarkeit für die anderen und für Jesus und sein Heilswerk für mich persönlich. Christi Sinn heißt nicht zu verlangen, sondern zu geben – selbst sein Leben für andere zu geben, Liebe und Dankbarkeit zu geben usw.
Lasst uns einander niemals Vorwürfe machen oder uns wegen unserer Unterschiede und der Schwächen, die wir aneinander entdecken, beschuldigen, sondern lasst uns füreinander dankbar sein und einander in Liebe tragen und einander weiterhin in Liebe dienen! Die Weisheit Gottes besteht gerade darin, dass wir, die wir so unterschiedlich sind, zusammenwachsen und im Guten reifen können, in Liebe und Dankbarkeit füreinander. Das ist Gottes Heilswerk und Gottes vielfältige Weisheit, die sich in der Gemeinde offenbart.
Das heißt aber nicht, dass wir uns alle gleichen sollen oder dass alle das Gleiche tun sollen. Denn Gott zeigt sich auf mannigfaltige Weise und möchte, dass sich jeder Einzelne als die Persönlichkeit entwickelt, die er haben will. Was für alle gleich ist: Wir gehen denselben Weg der Selbsterniedrigung, wir haben dieselbe Hoffnung und Anteil am selben Leben und an der selben echten, reinen Liebe. Das schweißt uns zusammen und verbindet uns mit solch ewigen und guten Banden, wie sie nur Gott schenken kann. Es sind Bande, die niemals zerreißen werden – weder hier im Leben noch in der Ewigkeit –, wenn wir in Demut bewahrt bleiben, die Wahrheit über uns selbst annehmen und das ewige Leben ergreifen, zu dem wir berufen wurden.