Hirte und Prophet

- Vom Pharisäer zum Apostel

Hirte und Prophet

Vom Pharisäer zum Apostel

Paulus war zu Füßen Gamaliels gründlich unterwiesen worden. Dort hatte er das Gesetz erlernt, seine Anwendung und das Strafmaß für jedes einzelne Vergehen. Sein Sinn war geübt in diesen Gedankengängen, die Jesus immer wieder kräftig tadelte und zurechtwies, wenn er vor dem Pharisäertum warn­te. Dann kam der Tag, an dem sich Jesus ihm auf dem Weg nach Damaskus offenbarte. Trotz seines umfangreichen Wissens und seiner Erkenntnis muss­te er fragen: „Herr, wer bist du?” In all seinem Eifer hatte er ihn nicht kennen gelernt – ihn den Meister! Jetzt begann eine völlig neue Laufbahn, eine ganz neue Zeit! Sein bisheriges Leben besaß keinen Wert im Vergleich zu dem Inhalt und Leben, welches ihm Christus nun durch Offenbarung vor seinem inneren Auge ausmalte. In dieser Verbindung schreibt er an die Philipper: „Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Er­kenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, näm­lich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.” Phil. 3, 8-11.

„Ihn möchte ich erkennen!” Davon war er ergriffen! In all seinem pharisäerischen Eifer hatte er ihn nicht kennen gelernt! Aber jetzt war es mög­lich. Jetzt war ein neuer und lebendiger Weg gebahnt zu dem Leben und zu der Herrlichkeit, die in Jesus sind. „Den verkündigen wir und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, damit wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen. Dafür mühe ich mich auch ab und ringe in der Kraft dessen, der in mir kräftig wirkt.” Kol. 1, 28-29.

Im Brief an die Galater rechnet Paulus auch mit seiner Vergangenheit ab, während er gleichzeitig seine Ausbildung zu einem solch nützlichen Werk­zeug des Herrn beschreibt. „Denn ich tue euch kund, liebe Brüder, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.” „Als es aber Gott wohlgefiel, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hat, dass er seinen Sohn offenbarte in mir, damit ich ihn durchs Evangelium verkündi­gen sollte unter den Heiden, da besprach ich mich nicht erst mit Fleisch und Blut.” „Ging auch nicht hinauf nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte wieder zurück nach Damaskus. Danach, drei Jahre später, kam ich hinauf nach Jerusalem, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm.” Gal. 1, 11-18.

„Danach, vierzehn Jahre später, zog ich abermals hinauf nach Jerusalem mit Barnabas und nahm auch Titus mit mir. Ich zog aber hinauf aufgrund einer Offenbarung und besprach mich mit ihnen über das Evangelium, das ich predige unter den Heiden, besonders aber mit denen, die das Ansehen hatten, damit ich nicht etwa vergeblich liefe oder gelaufen wäre. Aber selbst Titus, der bei mir war, ein Grieche, wurde nicht gezwungen, sich beschneiden zu lassen. Denn es hatten sich einige falsche Brüder mit eingedrängt und neben eingeschlichen, um unsere Freiheit auszukundschaften, die wir in Christus Jesus haben, und uns zu knechten. Denen wichen wir auch nicht eine Stunde und unterwarfen uns ihnen nicht, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch bestehen bliebe. Von denen aber, die das Ansehen hatten – was sie früher gewesen sind, daran liegt mir nichts; denn Gott achtet das Ansehen der Men­schen nicht –, mir haben die, die das Ansehen hatten, nichts weiter auferlegt. Im Gegenteil, da sie sahen, dass mir anvertraut war das Evangelium an die Heiden so wie Petrus das Evangelium an die Juden – denn der in Petrus wirk­sam gewesen ist zum Apostelamt unter den Juden, der ist auch in mir wirksam gewesen unter den Heiden –, und da sie die Gnade erkannten, die mir gegeben war, gaben Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen wer­den, mir und Barnabas die rechte Hand und wurden mit uns eins, dass wir unter den Heiden, sie aber unter den Juden predigen sollten.” Gal. 2, 1-9.

Wozu all diese Zeit in der Fremde? Es besteht kein Zweifel daran, dass Gott seinen Plan mit Paulus hatte. Er war ein auserwähltes Werkzeug, den Heiden das Evangelium zu verkündigen, aber zuerst musste er von allem alten Sauer­teig gereinigt werden. Er musste von all dem wegkommen, was er zu den Füßen Gamaliels gelernt hatte. Die alten Gedankenmuster mussten ersetzt werden. Er musste seine Gedanken und seine mühsam erworbene Erkenntnis verlassen. Nun wurde er zum Gegenstand der Unterweisung des Geistes. Er sollte aus erster Hand Erkenntnis über den Meister bekommen. Paulus brauchte wohl diese Zeit der Stille und der ständigen Bearbeitung durch den Heiligen Geist, um in die Lage versetzt zu werden, das Evangelium so zu verkündigen, wie er es verkündigen sollte, ohne dass es nach dem Akzent des alten Gamaliels schmeckte! Jesus konnte so gründlich mit ihm arbeiten, dass er imstande war, die Gemeinde davor zu retten, in jene Gesetzlichkeit zu verfallen, von der selbst Petrus und Barnabas verführt wurden, so dass sie vor diesen Gesetzli­chen heuchelten.

Solch ein Werk führte Paulus aus – ein ehemals brennend eifriger, glühen­der Pharisäer! Oh, wie sind wir ihm Dank schuldig, dass er stand hielt und für die Wahrheit des Evangeliums kämpfte! Welche Zukunft hätten wir Heiden wohl gehabt, wenn Paulus nicht der Wahrheit getreu in der Liebe von Anfang an dafür gekämpft hätte, dass das Evangelium als eine Kraft, die selig macht alle, die daran glauben, Bestand haben sollte?

In unserer Zeit hat Gott auch einen Mann erweckt – Johan O. Smith. Sein Wirken war, äußerlich gesehen, sehr gering und bescheiden. An Bord von Marineschiffen – inmitten einer Welt von Gottlosigkeit – suchte er Gott von ganzem Herzen. Gott offenbarte sich ihm, und Wahrheiten, die scheinbar seit den Tagen der Apostel brach gelegen hatten, wurden durch den Heiligen Geist aufs Neue offenbart. Besonders die Offenbarungen über Christus offenbart im Fleisch und über die Gemeinde als Christi Leib erwiesen sich als ein sehr wertvoller Schlüssel zur persönlichen Erlösung und zur Gemeinschaft und Erbauung in einem lebendigen Gemeindeleben. Diese herausragende geistli­che Persönlichkeit schreibt selbst in einem seiner Briefe:

„Es ist ein gefährliches Spiel, wenn man etwas behauptet, was man nicht im Geist gehört und gesehen hat. Von der ersten Stunde an hat mich Gott gelehrt, sehr behutsam zu sein und nie etwas anderes zu lehren, als das, was der Herr durch seinen Geist offenbart hat. Deshalb war es auch eine große Freude, zu erfahren, dass alles festen Bestand gehabt hat. Nichts wurde über den Haufen geworfen. Möge Gott uns Treue lehren, sodass wir uns nie mit Dingen abge­ben, die wir nicht gesehen haben.”

Diese Treue haben offensichtlich nicht alle praktiziert. Ihre „Wahrheiten” haben oft nicht einmal den zehnjährigen Geburtstag überlebt, weil das Ganze in vielen Fällen eine Mischung aus religiösen Verständnissen, weltlicher Weis­heit oder gesetzlichem Christentum war. Die Abarten von der Lehre Gamaliels wurden nicht hinweggetan. Darum wurde ihre Verkündigung nicht zu einer so freimachenden Hilfe, wie sie es hätte sein können und sein sollen. Ganz im Gegenteil führte sie die Menschen oft hinein in Gesetzesknechtschaft und Menschengebote, die das Leben schwer machten – sie wurden nicht zu dem Gott, der ihre Freude und Wonne ist, und dessen Altar geführt.